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Wenn 2016 wohl das letzte Lebensjahr sein wird

31.12.2015 | 09:00 Uhr
Wenn 2016 wohl das letzte Lebensjahr sein wird
Ein Glas Sekt, Zeit und Trost: Das bekommen die Gäste im Hospiz auf Wunsch das ganze Jahr über. Auf den Jahreswechsel mag nicht jeder anstoßen.Foto: Heinrich Jung

Gelsenkirchen.   Beim Jahreswechsel denken alle an Gute Wünsche, Vorsätze, Hoffnungen. Wie blicken Gäste des Emmaus-Hospizes auf das kommende Jahr?

„Alles Gute zum Neuen Jahr“, „Viel Glück 2016“ – zum Jahreswechsel denken die Menschen an die Zukunft, an das, was kommt, was man sich wünscht. Aber was wünschen sich Hospiz-Gäste und ihre Angehörigen?

Das Emmaus-Hospiz in Resse empfängt Besucher mit hellem, aber warmem Ambiente. Die Pflegerin lächelt freundlich, fast fröhlich. Es duftet nach Tee und Kaffee, in den Zimmern stehen Tannenbäume. Es ist ruhig, ohne totenstill zu sein. Besinnlich beschreibt die Atmosphäre wohl am besten.

Wo sollte man auch über die Welt, sich selbst, Leben und Tod sinnieren, wenn nicht hier?

Helene Weigel (86, Name von der Redaktion geändert) besucht hier ihren Mann. So, wie an jedem anderen Tag in den vier Wochen, seit er hier ist. Er ist 95 Jahre alt. Elf Monate hat sie ihn daheim gepflegt, ist darüber selbst schwer krank geworden. Das Herz wollte nach den Strapazen nicht mehr so, wie sie wollte. Nach Krankenhaus und Kurzzeitpflege kam ihr über alles geliebter Heinrich ins Hospiz. Kommt sie einmal später als üblich, wird er unruhig.

Fester Glaube an das Wiedersehen im Himmel

Dabei fühlt er sich sehr wohl hier. Er ist wieder kräftiger geworden, freut sich wieder auf das Essen. Während des Gesprächs greift das Paar, das seit 62 Jahren miteinander verheiratet ist, immer wieder nach den Händen des anderen. Wenn Heinrich ansetzt, eine Frage nach seinen Hoffnungen und Wünschen zu beantworten, hängt Helene an seinen Lippen, geduldig, liebevoll. Ergänzt Sätze für ihn, füllt Lücken mit Worten, die ihm nicht über die Lippen gehen mögen.

Beide sind gläubig, beten. Ob sie an ein Leben danach glauben? „Jaaa. – Aber man weiß es nicht,“ presst Heinrich hervor, bedauernd. Er klagt über Ängste, die ihn plagen, bei Tag und bei Nacht. Angst, dass Helene nicht kommt, dass er leiden muss. Krankenschwester Steffanie Stolowski bestätigt: Die meisten klagen über Angst. Angst vor Schmerzen, Angst davor, ersticken zu müssen. Dabei verberge sich dahinter meist eher die Angst vor dem Unbestimmten. Auch bei gläubigen Menschen. Helene Weigel gibt zu: „Ja, manchmal zweifelt man. Aber ich schiebe die Zweifel weg. Ich glaube fest daran, dass wir uns im Himmel wiedersehen.“

Der Blick auf Leben und Tod ändert sich

Ihre Wünsche für das neue Jahr? „Dass er noch nicht geht. Das wäre, als hätte man etwas weggeschnitten“, flüstert Helene Weigel mit Zittern in der Stimme. Sie möchte ihren Mann im Pflegeheim neben ihrem Haus in Bulmke unterbringen, um ihm näher sein zu können. Dass das noch funktioniert, ist einer ihrer Wünsche. Und Heinrich? Er wünscht sich eigentlich nur, dass sie bei ihm ist. Dass es nie mehr besser wird mit seiner Gesundheit, weiß er.

Die Ansprüche und der Blick auf das Leben und den Tod verändern sich im Hospiz. Steffanie Stolowski arbeitet seit fünf Jahren hier, vorher war sie auf einer Krebsstation. Was Leiden bedeutet und wie endlich das Leben ist, war ihr schon klar, bevor sie hierhin kam. „Jeder stirbt anders“ sagt sie. Für sie und ihre Kollegen sei aber wichtig, dass der Abschied „rund“ ist. Dass der Gast Frieden findett, die Angehörigen gut vorbereitet sind, es zulassen können, dass ihr Angehöriger geht.

Alle sechs Wochen und auf Anfrage jederzeit gibt es Supervision für Mitarbeiter

Schwester Steffani Stolowski hat am heutigen Silvestertag Dienst. Foto: Heinrich Jung

„Wir hatten eine Mutter zweier kleiner Kinder hier. Sie wollte unbedingt noch die Einschulung ihrer Tochter erleben, was anfangs kaum möglich erschien. Aber sie hat es geschafft. Und als sie gestorben ist, sind die Kinder erstaunlich gut damit zurecht gekommen. Sie haben den Sarg angemalt! In solchen Situationen kommen auch mir schon mal die Tränen“, gibt die Schwester zu, die selbst Mutter ist.

Alle sechs Wochen bekommen die Mitarbeiter Supervision. Und wenn die emotionale Bindung zu einem Gast zu eng wird, wird eingegriffen. „Wenn wir mehr weinen als die Angehörigen, läuft etwas falsch“, lacht die Krankenschwester entschuldigend.

Sie hat am Silvestertag Dienst. Im vergangenen Jahr war ein junger Mann hier, der sich für den Jahreswechsel eine Schlaftablette gewünscht hatte, um ihn nicht erleben zu müssen. Schwester Steffanie hat dann mit seiner Frau und den Schwiegereltern das neue Jahr begrüßt. Was sie diesmal erwartet, weiß sie nicht. Was sie will, weiß sie sehr gut. Eine gute Atmospähre schaffen, die Gäste, wie die Patienten hier heißen, und deren Angehörige so gut wie irgendmöglich betreuen, begleiten und vorbereiten.

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2015-12-31 09:00
Gelsenkirchen