Warum die Hauptschule in Gelsenkirchen nicht sterben kann

Peter Nienhaus ( Hauptschule Schwalbenstraße), Bärbel Themann (Grillostraße), Gernot Samsel (Am Dahlbusch) und Uwe Fernholz ( Emmastraße, v.l.n.r.) arbeiten gern an ihren Hauptschulen. Obwohl sie vom gegliederten System, das nach Klasse vier schon sortiert, eher wenig halten.
Peter Nienhaus ( Hauptschule Schwalbenstraße), Bärbel Themann (Grillostraße), Gernot Samsel (Am Dahlbusch) und Uwe Fernholz ( Emmastraße, v.l.n.r.) arbeiten gern an ihren Hauptschulen. Obwohl sie vom gegliederten System, das nach Klasse vier schon sortiert, eher wenig halten.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Vier komplette Hauptschulen gibt es in Gelsenkirchen. Im Interview erklären die vier (kommissarischen) Rektoren, warum es ohne sie nicht geht.

Gelsenkirchen.. Peter Nienhaus (69), Bärbel Themann (53), Gernot Samsel (67) und Uwe Fernholz (60) sind Überzeugungstäter. Ihr ganzes Berufsleben haben sie an Hauptschulen verbracht, leiten (zum Teil kommissarisch) die letzten vier kompletten Hauptschulen in Gelsenkirchen und können die Rede von der „sterbenden Hauptschule“ bzw. dem Auslaufmodell nicht mehr hören.

Obwohl sie eigentlich eine Schule am besten fänden, in der alle Kinder von Klasse eins bis zehn gemeinsam lernen und differenziert gefördert werden, und bei der die Entscheidung für den Abschluss sowie Studium oder Ausbildung erst nach Klasse zehn fällt. Aber weil die Schullandschaft nun mal so zerklüftet ist, wie sie ist, und weil ihnen ihre Schüler so sehr am Herzen liegen, geben sie für ihre Schützlinge alles. Warum, wollte die WAZ wissen. Und warum geht es nicht ohne sie?


Sie sagen, die Hauptschule stirbt nicht. Warum nicht?

Uwe Fernholz: Schulbezeichnungen sind eigentlich überflüssige Etiketten. Es geht um die Schüler. Wir haben eine besondere Klientel, und die bleibt erhalten. Um die geht es uns.

Was kann die Hauptschule, was andere nicht können?

Fernholz: Wir sehen immer den ganzen Menschen, schon in dem Zwölfjährigen, nicht nur seine Noten. Auch seinen Hintergrund. Da waren wir schon immer Vorreiter mit unserem Konzept.

Gernot Samsel: Wir sind die einzige Schulform, die aufnehmen muss, die keinen Schüler ablehnen kann. Und so sind auch unsere pädagogischen Förderansprüche. Die heute überall zu hörende Forderung „Kein Kind zurücklassen“ ist an der Hauptschule seit langem ein fest verankertes pädagogisches Prinzip. Wir möchten jeden Schüler so fördern, wie er es braucht. Bis zum Abschluss. Eigentlich müsste auch jede Realschule und jedes Gymnasium das tun, bis zum Abschluss.

Peter Nienhaus: Aber stattdessen wird abgeschult. Wir haben im letzten Schuljahr 30 Jungen und Mädchen von anderen Schulen bekommen, die dort nicht zurechtkamen.

Fernholz: Bei uns ist das eine ähnliche Größenordnung.


Wie fügt man diese Schüler, die schon ein Scheitern hinter sich haben, in bestehende Klassen ein?

Nienhaus: Sehr unterschiedlich. Das sind nicht immer die besten. Aber manche starten auch bei uns richtig durch. Das liegt am Einzelnen.

(zustimmendes Nicken aus der Runde)


Apropos: Wie viele ihrer Schüler schaffen einen Abschluss?

Bärbel Themann: Die allermeisten. Jedenfalls von denen, die von Anfang an bei uns waren, die nicht irgendwo abgeschult wurden. Auf jeden Fall circa 90 Prozent. Und manche schaffen auch den Wechsel in eine Oberstufe. Das System ist wirklich durchlässig. Etwa ein Drittel der 10er-Absolventen haben sogar die Quali für die Oberstufe.


Haben sich die Hauptschüler im Laufe ihrer Dienstjahre verändert?

Fernholz: Ja, eindeutig. Wir müssen heute viel mehr Erziehungsarbeit leisten. Früher gab es unterschiedliche pädagogische Meinungen von Eltern und Lehrern, die aufeinandertrafen. Heute wird gar nicht mehr erzogen. Aber die Schüler nehmen gern Rat und Kritik von uns an, auch harte Kritik. Entscheidend ist, dass sie das Gefühl haben, von uns ernst genommen zu werden.


Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, so etwas wie eine Kleiderordnung für ihre Schüler einzuführen, wie etwa die Vorzeige-Hauptschule aus Mülheim, wo Trainingshosen verpönt sind?

Themann: Wir sind froh, wenn unsere Schüler warm genug angezogen sind. Wir sind nicht in Mülheim, wir haben andere Sorgen. Aber wenn wir finden, dass jemand unangemessen gekleidet ist, sprechen wir ihn oder sie natürlich an. Und helfen, wenn möglich.

Nienhaus: Bei uns sind alle Kopfbedeckungen im Unterricht verboten, außer Kopftüchern aus Glaubensgründen.


Sie haben neben der Schulbildung auch noch viel Erziehungsarbeit zu leisten. Sind ihre Klassen denn dann kleiner als an anderen Sekundarstufe I-Klassen?

Themann. Leider nicht. Die Klassengröße ist unterschiedlich, bewegt sich meist zwischen 22 und 28 Schülern.


Und was erwarten Sie bei den Neuanmeldungen in diesem Jahr? Wie war es 2014?

Nienhaus: Wir sind 2012 mit 27 Schülern einzügig gestartet, jetzt sind es 44 im Jahrgang 7, in zwei Klassen. In den letzten beiden Jahren hatten wir jeweils 46 Anmeldungen.

Fernholz: Wir können nur zweizügig fahren, aus Platzgründen. Und schon die ersten Anmeldungen lagen 2014 bei 55. Häufig mussten wir in den letzten Jahren schon Kinder abweisen, weil wir voll sind. Deshalb gibt es bei uns auch keine internationalen Förderklassen.

Themann: Wir sind in allen Jahrgängen zweizügig. Wir waren zwar im August nur mit 28 Schülern gestartet. Aber mittlerweile sind es im 5. Jahrgang zweimal 19 Kinder.

Was wünschen Sie sich von der Stadt Gelsenkirchen als Schulträger? Werden Sie vom Träger gut behandelt in Sachen Ausstattung?

Gernot Samsel: Der Schulträger erfüllt uns jeden Wunsch, der erfüllbar ist. Gelsenkirchen ist da wirklich vorbildlich.

Peter Nienhaus: Vielleicht ist hier nicht jeder Fassadenanstrich optimal, aber wenn es um Lernmittel geht und Instandhaltung, da können wir nur ein dickes Lob verteilen.

Und was würden Sie sich generell wünschen für ihre Arbeit? Nicht nur von der Stadt, sondern als allgemeine Arbeitsgrundlage?

Bärbel Themann: Wir hören auf Bildungskonferenzen immer wieder – durch Studien belegt – dass wir als heterogene Gesellschaft heterogene Lerngruppen brauchen, um den Schülern gerecht zu werden. Unser Schulsystem verhindert aber genau das.

Gernot Samsel: Das gegliederte System stammt aus dem vorletzten Jahrhundert. Stadtteilschulen mit gemeinsamem Lernen von Klasse eins bis zehn wären angemessener.

Peter Nienhaus: Akut wäre es schön, wenn auch unsere Schüler wieder mehr Lehrstellenchancen bekämen. Wir haben als Hauptschulen z.B. schon immer Berufspraktika angeboten, mit Unternehmen kooperiert. Daraus hat sich vieles entwickelt. Jetzt bieten alle Schulformen Praktika an, machen es uns nach. Und da bleiben unsere Schüler bei konkreten Ausbildungsangeboten schon mal auf der Strecke.

Uwe Fernholz: Ich bin die Schulformdiskussion leid. Wir arbeiten weiter, für unsere Schüler und mit Ihnen. Beziehungsarbeit ist das A und O. Ein Lächeln kann so viel bewirken. Ich wünsche uns weiterhin gute, engagierte Lehrer.

Würden Sie nicht lieber an einer anderen Schulform arbeiten?

Themann: Nein.

Nienhaus: Nein.

Samsel: Nein, ich wollte nie was anderes.

Fernholz: Nein