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Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?

06.09.2012 | 17:17 Uhr
Flaschensammeln im Selbstversuch mit WAZ-Mitarbeiterin Daniela Mederake auf der Bahnhofstraße.Foto: Heinrich Jung

Gelsenkirchen.  Was ist es ein Gefühl, für ein paar Cent in anderer Leute Müll zu wühlen? Auf das angewiesen zu sein, was andere wegwerfen? Unsere Kollegin Daniela Mederake hat es ausprobiert, zusammen mit ihrer kleinen Tochter. Sie erlebte Geringschätzung, aber auch Hilfsbereitschaft.

Bei Schalke-Spielen sind die Reviere zum Flaschensammeln abgesteckt, die Pfandgeldjagd wird zum Sport . Aber wie fühlt es sich eigentlich an, aus purer Not in Abfallkörben zu wühlen, um mit dem Müll anderer irgendwie an Geld zum Überleben zu kommen? Ohne Selbstversuch lässt sich das kaum nachfühlen. Heute Abend ist es soweit: Ich bin in der Innenstadt zum Flaschen sammeln. Mal sehen, was dabei rum kommt. Meine elfjährige Tochter ist dabei – auch um zu sehen: Wer reagiert darauf?

Die erste Tour beginnt Ecke Husemannstraße/Ahstraße und führt zur U-Bahnstation Heinrich-König-Platz. Zäh und mühselig beginnt unsere Arbeit , denn es sind keine Flaschen in den Abfallbehältern. Essensreste und benutzte Servietten wie Sand am Meer, ebenso wie andere Sachen, in die keiner gerne fasst, um eine Flasche aus dem Eimer zu ziehen.

Das einzig scheinbar Lukrative sind Getränkedosen. Auch in den Abfallbehältern in der U-Bahn Station ist Ebbe. Die Passanten gehen unterdessen kommentarlos an uns vorbei. Die meisten schauen weg, ignorieren uns. Einige schütteln den Kopf, werfen uns geringschätzige Blicke zu. Mein Kind fragt, wie viel Geld ein Flaschensammler wohl an einem Tag verdient; ich kann die Frage (noch) nicht beantworten.

Handschuhwechsel vor der Kirche

Vor der Probsteikirche ist ein Handschuhwechsel fällig. Fischreste in der Tonne! Das riecht unangenehm, aber eine Mehrwegflasche Bier mit 15 Cent Pfand liegt darin. Ich putze sie mit einigen benutzten Servietten ab und lege sie in meinen blauen Sack, den ich dafür vorgesehen habe. Wir biegen in die Bahnhofstraße ab und stellen jeden Mülleimer auf den Kopf.

Flaschensammeln in Gelsenkirchen - mit magerer Ausbeute

Plötzlich empört sich ein vorbeigehender Mann: „Ich finde das unzumutbar, dass Kinder zum Flaschen sammeln mitgenommen werden.“ Im Hintergrund spielt eine Band, es beginnt zu dämmern. Eine friedliche Kulisse. Die Leute, die durch die Straße laufen, lauschen dem Rhythmus oder trinken und essen an den aufgestellten Ständen.

Pfand oder nicht?

Wir treffen auf die Konkurrenz. Der junge Italiener klärt uns in seinem gebrochenen Deutsch darüber auf, auf welchen Flaschen und Dosen Pfand ist, denn ich kenne mich nicht so genau aus. Unsere tatsächlichen Einnahmen betragen 0,58 Cent ,und das nach einer Stunde Arbeit. Ein hartes Brot! Wir sind geschockt. Den halben Sack voller Dosen schmeißen wir wieder in den Müll. Es ist kein Pfand drauf. Die Büchsen wurden offenbar im Ausland gekauft.

Der Italiener verrät uns: „Ich kriege kein Geld von der Arge. Die Sachbearbeiterin kann ich auch nicht richtig verstehen, wenn sie mit mir spricht. Seit sechs Jahren bin ich in Deutschland und hab davon die ersten viereinhalb Jahre gearbeitet. Dann wurde ich arbeitslos. Seitdem kriege ich kein Geld, weil ich arbeiten soll. Ich muss Flaschen sammeln, um leben zu können.“

Meine Tochter lernt gerade, dass ihr Spaß an der ungewöhnlichen Aktion für andere bittere Not ist. Wie viel er an diesem Abend verdient? „So 18 bis 20 Euro.“ Dabei kennt er die Orte, an denen man erfolgreich sammeln kann. Wir überlassen ihm verschämt unsere 58-Cent-Beute und wissen nun, was wir ahnten: Flaschen sammeln aus Not ist bitter, sehr bitter.

Der Weg der Getränkeflaschen

 

Daniela Mederake



Kommentare
07.09.2012
19:09
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von Bahnhofskind | #11

hier in Dortmund jibbet einen, der frisst den Müll aus den Tonnen - kalte Pommes und sowas. Da wünsche ich mir auch einen Selbstversuch der Frau Mederake.

07.09.2012
18:45
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von xxyz | #10

Es sollte nicht vergessen werden, dass viele Arbeiten zum Gelderwerb durchaus unangenehme Seiten haben. Meistens gewöhnt man sich schnell daran und kann sich vor den gesundheitlichen Auswirkungen schützen. Beispiele sind:
- Putzfrau
- Arzt
- Berufe im Bereich Abwasser
- Landwirtschaft
- Bauarbeiter
.....

Was ist also so schlimm daran, Flaschen zu sammeln. Ich habe schon Menschen mit einem teuren Auto von Raststätte zu Raststätte fahren sehen, die gezielt die Mülltonnen durchsucht haben. Es scheint ein einträglich Geschäft zu sein, wenn man die richtigen Stellen kennt.

07.09.2012
18:29
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von grummelglatz | #9

ist das ein von frau kraft in auftrag gegebener artikel, so lustig und abenteuerlich kann das leben in dem, mit großer hilfe von der spd, entsozialisiertem land sein ?
macht aber auch nichts, denn was würde frau kraft einem pfandsammler in dortmund oder duisburg fröhlich eisschleckend entgegen rufen "kämpft weiter"!

07.09.2012
17:49
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von Bahnhofskind | #8

das war ja mal eine richtige ausführliche Recherche. Wusste gar nicht, daß die WAZ eine Schülerzeitung ist.

07.09.2012
17:29
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von Sterkrade | #7

Da ich sehr oft bei Konzerten, Festivals und beim Sport bin; kennt man sehr viele Sammler schon vom sehen her. Die machen den ganzen Tag oder Abend nichts anders, als von Konzert zu Konzert zu fahren um dort zu sammeln. Und 2 Dinge fallen mir immer wieder auf. Die Jenigen, die das quasi professionell machen, haben zig blaue Müllsäcke voll mit Dosen (da kommen locker mehr als 18 bis 20 Euro Einnahmen bei rum), und Glasflaschen werdern kaum noch eingesammelt. Das machen dann die Leute, die wirklich auf das Geld angewiesen sind. Die Profi-Sammler gehen dabei auch radikal zu Werke. Dass einem die Dosen nicht schon aus der Hand gerissen werden ist manchmal schon ein echtes Wunder.

07.09.2012
16:54
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von Bronkhorst | #6

Diese Flaschensammler sind ganz schön wählerisch geworden. Letztens im Zug sagt der K*ck*ndreist zu mir: "Nee danke, ich nehme keine Glasflaschen, nur Dosen."

Sorry, aber da soll ich Mitleid haben???

3 Antworten
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von fraka | #6-1

Schlimmste asoziale Politik hat in wenigen Jahren zu unglaublichen Verhältnissen geführt, Altersarmut, Kinderarmut,Suppenküchen,Pfandsammlern etc.
Ekelerregend wie in einem der reichsten Länder der Welt mit Menschen umgegangen wird.
Mitleid setzt kritisches Denken, soziale Kompetenz und ein wenig Intelligenz verbunden mit Herzensbildung voraus.

Nein...sie brauchen so etwas völlig fremdes nicht empfinden.

Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von grummelglatz | #6-2

nein, müssen sie nicht. ich wünsche ihnen einfach mal in der richtigen situation stehen zu müssen und niemand verdammt hat mitleid mit ihnen.

Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von Bronkhorst | #6-3

Na wenn der Herr sich zu fein ist meine Pfandflasche zu nehmen hat er es ja ganz offensichtlich nicht nötig. So what?

07.09.2012
15:00
Den Zwangspfand endlich abschaffen...
von cockfosters | #5

...und dem Verbraucher die Wahl lassen, ob er pfandfreie oder pfandpflichtige Getränkebehälter möchte. In den Niederlanden (wohin ich regelmässig fahre, um mich mit pfandfreien Paletten Cola und Bier einzudecken) klappt das gut, warum nicht hier?

07.09.2012
14:53
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von apizzi | #4

Es ist wie immer in Deutschland! Irgendwer von der Presse geht hin macht einen Selbstversuch und siehe da man hat nichts in der Tasche und bemitleidet die Menschen die davon Leben! Na ja ich kann nicht ganz nachvollziehen was der Landsmann von mir da gesagt hat! Er hat in Deutschland die Möglichkeit zu einem Anwalt zu gehen und sich helfen zu lassen! Doch wenn man das nicht macht und meint er wird im nicht geholfen dann muss ich sagen selber schuld! Den wir können wenn wir wollen doch die meisten wollen nicht und das ist ihr Problem sie sammeln lieber oder was auch immer!!!!
Schick ihn zu einem Anwalt und dann wird im geholfen und gut ist

06.09.2012
18:37
Teil 2
von AuroraBorealis | #3

Gelsenkirchens Ex-Sozialdezernatsleitung hat 1 (einen!) Monat lang versucht, nur vom Regelbedarf eines Hartz IV-Singels zu leben. Nach drei Wochen wurde dieser Vorhaben von ihr wieder abgebrochen. Da fing dieser Selbstversuch an anstrengend zu werden.

Zu guter Letzt noch etwas Anglerla….nein, Hartz-IV-Latein: „Wie viel er an diesem Abend verdient? „So 18 bis 20 Euro.“

1 Antwort
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von Bahnhofskind | #3-1

diese "Selbstversuche" sind lächerlich. Wenn man in eine schick eingerichtete Wohnung nach Hause kommt, mit best gefüllter Tiefkühltruhe, Waschmaschine, die Putzfrau wird sebstverständlich für den Zeitraum auch nicht abbestellt, denn sie wird per Dauerauftrag bezahlt etc. ist es ein Leichtes, einen Monat von H4 zu leben. Man kann ja alles fürs Essen ausgeben.

06.09.2012
18:36
Dreht sich ein bericht u Hartz IV-Erlebnisse, so sind i. a. R. die WAZ-Berichte irgendwie immer etwas konfus.
von AuroraBorealis | #2

„Der Italiener verrät uns: „Ich kriege kein Geld von der Arge.“
Da erfährt die WAZ aus 1. Hand, dass ein arbeitswilliger Arbeitsloser weder finanzielle noch verbale Hilfe durch das Jobcenter erfährt und die WAZ nimmt sich diesem asozialen Verhalten des Jobcenters nicht näher an?!
Kann sich die WAZ nicht auch einmal um solche Fälle wie diesem kümmern?!
Da eiert die Mutter mit Tochter lieber durch die Stadt, machen eine Art Selbsterfahrungsgruppe auf, stoßen dabei auf ein gravierendes Missverhalten seitens des Jobcenters und was geschieht?! NICHTS!

Selbstversuche dieser Art spiegeln nicht das wider, als wenn es bittere Wirklichkeit und Notlage ist.
Drei Wochen Survivaltraining beim Dschungeltrekking auf Borneo haben für die Teilnehmer eine Art Belustigungsfaktor.
Erst wenn man sich definitiv in der aussichtslosen Notlage des Überlebenskampfes befindet kann man nachempfinden, wie es diesen Menschen tatsächlich ergeht.
- Teil 2

1 Antwort
Unterwegs als Flaschensammler - wie fühlt sich das an?
von buntspecht2 | #2-1

#2 Er hat aber nicht gesagt warum er kein Geld bekommt danach sollten sie diesen Mitbürger erst mal fragen die von der Arge haben gesagt er solle arbeiten was ist daran falsch es wird schon seinen Grund haben das er keine Leistungen bekommt erst mal hinterfragen und dann auf die WAZ schimpfen

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