Über die, die im Regen stehen
02.12.2008 | 10:57 Uhr 2008-12-02T10:57:00+0100Eine Studie beleuchtet die Situation von Hartz-IV-Empfängern. Historikerin Marlies Mrotzek hat 300 Betroffene in NRW befragt. Gespräche mit Verantwortlichen geplant
Dieses Buch soll so schnell nicht im Regal verschwinden. Es soll die Verantwortlichen wach rütteln und für Diskussionsstoff sorgen. Das Industrie- und Sozialpfarramt des evangelischen Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid (ISPA) hat unter dem Titel „Und wenn man nicht ständig dagegen hält...” eine 200 Seiten starke Studie vorgestellt. Frauen und Männer berichten darin von ihren Erfahrungen mit dem Arbeitslosengeld II, das unter dem Namen „Hartz-IV” zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat. Über 700 Personen kommen zu Wort.
„Das Bild von Arbeitssuchenden ist negativ, auch bei denen, die täglich mit ihnen zu tun haben”, berichtet eine arbeitslose Industriekauffrau in der Umfrage beispielhaft. „Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann nachvollziehen, wie es ist von Hartz-IV leben zu müssen”, sagt Historikerin Marlies Mrotzek, die die Studie erstellt hat. „Das mediale Bild von Arbeitssuchenden ist immer dasselbe”, klagt sie und führt Gegenbeispiele aus der Studie an. Alleinerziehende Mütter berichten vom Leid, dem Kind immer „Nein” sagen zu müssen, Beziehungen gehen zu Bruch, soziale Beziehungen reißen ab und Männer fühlen sich als Partner zweiter Wahl.
„Die Wertschätzung eines Menschen ist unmittelbar an die Erwerbsarbeit geknüpft”, sagt Mrotzek. Der anonyme Fragebogen wurde an öffentlichen Orten, unter anderem in Beratungsstellen, in ganz Nordrhein-Westfalen zwischen Juli und Dezember 2007 ausgelegt. Auch im Internet konnte der Bogen ausgefüllt oder die 40 Fragen per Post bestellt werden. Teilergebnis: Für die meisten Betroffenen, besonders für Langzeitarbeitslose, würden die Hartz-Gesetze eine deutliche Einkommenseinbuße bedeuten, während andere Gruppen davon profitierten.
„Wir wollen mit Vertreten aus Politik und Verwaltung über die Studie ins Gespräch kommen”, sagt Industrie- und Sozialpfarrer Dieter Heisig. Gezielte Fachvorträge, in denen Themen aus der Studie mit Verantwortlichen diskutiert werden, sind geplant. Heisig: „Eine soziale Situation, die vor zwei Jahrzehnten kaum vorstellbar erschien, mit der Existenz von Suppenküchen, Kleiderkammern oder Tagelöhnerbörsen, sollte endlich zur Bereitschaft führen, getroffene Entscheidungen wieder in Frage zustellen und nach besseren Möglichkeiten zu suchen, einen Sozialstaat wiederherzustellen, der nicht so viele Menschen im Regen stehen lässt.” Die Studie ist für Alg-II-Bezieher kostenlos und kann von anderen zum Preis von 9,90 Euro ( 1798210 oder unter ispage@t-online.de) bestellt werden.
10:04
Zur Klarstellung: Mehr als 500 Männer und Frauen, die auf Alg II, kurz genannt Hartz IV, angewiesen sind, haben den Fragebogen ausgefüllt zurückgesandt. 411 aus NRW davon sind Grundlage der Analyse, die übrigen erreichten uns u.a. aus Berlin, Hamburg, Potsdam und Weimar.
Durch den Bezug von Hartz IV eines Mitglieds eines Haushaltes sind fast alle übrigen Haushaltsmitglieder einer Bedarfsgemeinschaft, wie die Haushalte von Hartz IV-Betroffenen genannt werden, an die Regelungen und Gesetze des SGB II gebunden - und hier somit mindestens 791 Menschen.
Einige frühe Studien der Hartz IV- Wirkungsforschung kommen zu der Einschätzung, dass es nicht nur die so genannten Verlierer der Hartz IV-Gesetze, sondern auch Gruppen geben würde, z.B. ehemaligen Sozialhilfeempfänger, die von Hartz IV profitiert hätten. Die hier vorliegende NRW-Studie teilt in ihrer Analyse diese Einschätzung nicht, sondern kommt im Gegenteil zu einem ganz anderen Ergebnis.
Marlies Mrotzek
14:04
Eine notwendige und gute Arbeit, die unbedingt ihren Weg über Gelsenkirchen hinaus finden sollte bis nach Berlin.