Torsten Sträter plaudert im Knast über den alltäglichen Wahnsinn

Torsten Sträter in der JVA Gelsenkirchen.
Torsten Sträter in der JVA Gelsenkirchen.
Foto: Funke Foto Services

Gelsenkirchen.. „Jetzt geht’s mir gut.“ Es ist Pause. Torsten Sträter ist entspannt, raucht mit den Jungs der JVA-Band „Feel good“ draußen ‘ne geschnorrte Selbstgedrehte. Lampenfieber hinter Gittern? Nö. Das ist es nicht. Der wortwitzige Mann mit der Mütze hatte vorher einfach keinen Plan. Wollte erst mal gucken, was ihn hier erwartet, was ankommt beim gemischten Publikum aus Häftlingen, JVA-Personal und freiem Publikum.

Und so bleibt als Halbzeitfazit schon mal festzustellen: Sträter kann Improvisation mit Pokerface. Keiner hat die Planlosigkeit gemerkt. Wunderbar. Weiter so. Mit Geschichten „zwischen Hochkultur und Ballaballa.“ Mit Schenkelklopfern – „Ich mache hauptsächlich Penis-Witze“ –, Süffisanz und einer großartigen Wortgewandtheit bei der Beschreibung des alltäglichen Wahnsinns. Wie etwa dem Toilettengang im „Notdurftsarkophag der Bundesbahn“. Oder seinem Auftritt beim Wettbewerb um die Tuttlinger Krähe. „In der Stadthalle saßen 600 Menschen. Allesamt hatten sie den Herbst des Lebens längst hinter sich gelassen. Da bekam ich Angst.“ Unnötig: Er bekam tatsächlich einen Preis.

Vor dem Auftritt den Männerblock besucht

Vor seinem Auftritt in der Sporthalle der Haftanstalt hatte sich der Wahl-Waltroper Jahrgang 1966 noch schnell den Männerblock angeguckt. Bis dahin kannte Torsten Sträter nur den offenen Vollzug Marke Meisenhof in Castrop-Rauxel. Da ist er schon zu Gunsten der gemeinnützigen Stiftung Solidarfonds NRW aufgetreten. Auch am Dienstagabend nimmt er keine Gage. Nach fetziger Rockmusik von „Feel good“ steht er auf der Bühne, palavert noch kurz vor laufender RTL-Kamera und verkündet dann: „Meine Show ist real.“ Oh mein Gott, wenn das stimmt ... Die Bananendiät, der Eiweißschock, das Meeting um Elf auf dem Klo – er drinnen, die Kollegen vor der Tür ... Und wie Sträter erst den Snickers hinter der Scheibe der Hotel-Minibar mit Worten zelebriert. Köstlich.

Der Autor, Slammer und Kabarettist hat noch eine andere Tugend. Er ist nicht nur auf der Knast-Bühne bei den Leuten, er ist in der Pause unter ihnen, gibt Autogramme für Renate, Sabine, Reiner und Co. Backstage? Nö, brauch der echte Ruhri nicht.

Erklärung der Griechen-Krise: „Peter hat vier Äpfel, er isst neun“

Die Stimmung ist gut im gemischten Publikum. Mit Ausnahme der bekannten Gesichter weiß man nicht so genau, wer neben einem sitzt. An die 70 Häftlinge sind im Publikum, sagt JVA-Leiter Carsten Heim am Rande der Veranstaltung. Lisa und Martin aus Datteln wissen nicht wo, aber „es ist schon irgendwie ein merkwürdiges Gefühl hier“. Aber solche Anwandlungen redet Torsten Sträter in Grund und Boden. Die Zwei aus Datteln werden auch gleich wieder abgelenkt. Unter anderem vom Text „mit dem beklopptesten Ende, dass ich jemals geschrieben habe“, dem Sporttagebuch. Und die Zuhörer erfahren, dass Sträter kein politischer Kabarettist ist. Auch wenn er mit Dieter Nuhr schon mal bei Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt war. „Ich kann die Griechen-Krise auch nur so erklären: Peter hat vier Äpfel, er isst neun.“

Kurz zum Ernst des Abends: Solidarfonds-Vorsitzender Dr. Michael Kohlmann verlässt den Knast mit einem Scheck über 2000 Euro. Was wir noch von Sträter wissen wollen? Die Mütze – Tick oder was? Er verrät es uns – wir können schweigen.