Todesfall in der JVA Gelsenkirchen wirft Fragen auf

In der JVA Gelsenkirchen saß Dirk G. zum zweiten Mal ein. Seine Strafe: Lebenslänglich, für einen Mord, den er als junger Mann begangen hatte.
In der JVA Gelsenkirchen saß Dirk G. zum zweiten Mal ein. Seine Strafe: Lebenslänglich, für einen Mord, den er als junger Mann begangen hatte.
Foto: Martin Möller
Was wir bereits wissen
Nach dem Suizid eines Häftlings werfen Angehörige der JVA Gelsenkirchen vor, der Fall sei absehbar gewesen. Die Leitung sieht dafür keine Anzeichen.

Gelsenkirchen.. Für einen Mord, den er als junger Mann begangen hat, saß Dirk G. in Haft. 1999 wurde er verurteilt. In diesem Jahr hätte er wohl gute Chancen gehabt, die Haftanstalt für immer zu verlassen.

Freigänger war der 39-Jährige 2014 schon, war im offenen Vollzug in Oelde, hat bei einem Bauunternehmen gearbeitet, seinen Führerschein gemacht und eine Freundin gefunden. Doch dort hat G. im Herbst gegen Lockerungsvorgaben verstoßen und kam wieder in den geschlossenen Strafvollzug.

Im letzten November wurde er deshalb aus der Abteilung der JVA Bielefeld-Senne in die Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen verlegt. Dort hat sich der 39-Jährige letzten Freitag das Leben genommen. Er erhängte sich abends in seiner Zelle. Entdeckt wurde der Tote gegen 19.50 Uhr bei der Einschlusskontrolle. Für die Angehörigen, andere Inhaftierte, aber auch die Bediensteten ein Schlag, zumal es für die JVA keinen Hinweis auf einen drohenden Selbstmord gegeben habe, wie Anstaltsleiter Carsten Heim bereits nach dem Freitod des Inhaftierten betonte.

„Er hat geweint und war völlig fertig“

Dem widersprechen die Mutter und der Stiefvater des Mannes deutlich: „Wir haben über 15 Jahre den Kontakt zu Dirk gehalten und haben ihn jeden Monat besucht, damit so etwas nicht passiert. Bei unserem letzten Besuch hat er da gesessen und geheult wie ein Schlosshund. Und auch an seinem Todestag hat er uns um 15.15 Uhr noch angerufen. Er hat geweint und war völlig fertig“, sagen Hans-Jürgen und Angelika M. Sie behaupten: „Der war gefährdet. Das wusste jeder.“

Die Anstaltsleitung bleibt bei ihrer Einschätzung. Heim: „Dass es so dramatisch ist, war nicht absehbar. Unser Psychologe war an dem Mann dran.“ Es habe vorbereitende Gespräche für eine erneute Verlegung in die so genannte Behandlungsabteilung gegeben. Mit dem Inhaftierten seien dafür noch für diese Woche feste Gesprächstermine vereinbart worden.

JVA-Leiter: "Perspektiven hat es gegeben"

Telefonischer Kontakt ist Inhaftierten zweimal im Monat möglich. Mehrbedarf wird geprüft und gegebenenfalls genehmigt. Das Telefongespräch am Todestag bestätigt Heim. „Es hat sogar drei Telefonate gegeben.“ Offenbar hatte der Inhaftierte auch noch Kontakt zu seinem Anwalt gesucht. „Da war nichts Auffälliges. Wenn hier die Lage so eingeschätzt worden wäre, wäre er nicht in einem Einzelhaftraum gewesen“, bekräftigt Heim.

Aus Sicht des Stiefvaters stand Dirk G. dagegen massiv unter Druck. „Er war die meiste Zeit auf der Zelle, seine Sachen waren bis vorletzte Woche nicht da. Da muss man ja irgendwann mal durchdrehen.“ Heim versteht die Fassungslosigkeit und Wut der Angehörigen, sagt aber auch: „Es war alles da, was in den Haftraum gehört. Inklusive Fernseher und persönlicher Gegenstände.“ Insgesamt bleiben aber auch für Heim nach dem Fall „viele Fragezeichen. Man versteht ja, wenn Menschen keine Perspektive haben. Aber die hat es hier gegeben.“