Das aktuelle Wetter Gelsenkirchen 12°C
Familie

Suizid nach Depressionen: Papa, warum?

11.12.2009 | 18:44 Uhr

Gelsenkirchen. Martin Kasperek hat sich vor zwei Jahren erhängt. Wie Ehefrau Sabine und Tochter Barbara damit leben? Eine Annäherung.

Die Familie, zu der noch ein 16-jähriger Sohn gehört wird seit einiger Zeit von der Therapeutin Mechthild Schröter-Rupieper aus Gelsenkirchen betreut. Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool

Sabine Kasparek und Tochter Barbara (13) wagen einen mutigen Schritt. Martin Kasperek hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen. Die Hinterbliebenen wollen darüber reden, „um anderen Mut zu machen”. Ein Gespräch, moderiert von Tina Bucek.

Können Sie von dem Tag erzählen?

Sabine: Es war ein Tag wie immer. Wir sind aufgestanden, ich bin zur Arbeit gefahren und Martin ist mit Barbara zum Kieferorthopäden. Dann hat er sie zur Schule gebracht.

Barbara: Er war wie sonst auch. Ich habe ihm nichts angemerkt.

Sabine: Nur eine Sache war anders. Wir hatten uns am Abend vorher gestritten. Es war ein Streit, wie er mal vorkommt. Nur, dass wir normalerweise versuchen, sowas noch abends zu klären. Das war diesmal nicht so. Morgens habe ich gemerkt, dass er immer noch sauer war. Als ich dann mittags nach Hause gekommen bin, da war da dieser Zettel an der Garage: „Bitte geh nicht in die Garage. Ruf die Feuerwehr an.” Ich wusste sofort, es muss etwas Schreckliches passiert sein. Aber ich habe die Anweisungen befolgt.

Warum?

Sabine: Martin war ja selbst bei der Feuerwehr und ein sehr gewissenhafter Mensch. Wenn ihm Dinge wichtig waren, dann wollte er, dass sie auch so gemacht werden, wie er es sich vorstellt. Ich bin dann ins Haus gegangen und habe gewartet. Die Feuerwehr kam sehr schnell. Als man mir sagte, Martin habe sich in der Garage erhängt, da dachte ich, man entzieht mir den Boden unter den Füßen. Die nächsten Tage verliefen wie in Trance.

Können Sie Ihre Gedanken und Gefühle beschreiben?

Sabine: Ich war unbeschreiblich wütend. Weil er nicht mit mir geredet hat. Weil er uns allein gelassen hat. Weil er nicht um Hilfe gebeten hat. Ich habe ja gar nichts geahnt, es gab keine Hinweise darauf, dass er so etwas tun würde. Sicher, es gab Erlebnisse im Rahmen seines Berufes, da hatte er schwer dran zu knacken. Wenn Menschen starben. Aber dass es in ihm so aussieht, das hat er nie formuliert. Inzwischen habe ich viel über Depressionen gelesen, ich weiß, dass Depressive sich oft für ihren Zustand schämen und es gut verbergen. Trotzdem frage ich mich, ob ich es nicht hätte merken können. Da sind auch Schuldgefühle. Ich denke immer wieder über diesen Streit nach.

Was machst du, wenn die Traurigkeit kommt?

Barbara: Ich schreibe Briefe an den Papa und frage ihn, warum?

Hast du eine Antwort?

Barbara: Ja. Ich denke, seine Hände haben das einfach gemacht, und im letzten Moment wurde ihm klar, was sie da eigentlich machen, und er wollte aufhören, aber da war es zu spät.

Gab es seit dem Ereignis schöne Momente?

Sabine: Ja. Schön ist, dass wir so viel Hilfe erfahren haben. Dass Freunde immer noch nach Martin fragen, und nach uns. Die Garage war Martins Lieblingsplatz. Hierhin hat er sich oft zurückgezogen. Wir benutzen sie inzwischen wieder. Im Sommer haben wir meinen Geburtstag gefeiert, auch in der Garage. Es war ein schönes Fest.

Gibt es etwas, was ihr euch wünscht?

Barbara: Dass der Papa wieder da ist. Und eine Reise nach Rom.

Sabine: Ich wünsche mir, dass meine Kinder mit dem Geschehenen lernen gut umzugehen und zu einfühlsamen Erwachsenen werden, die ihr Erlebtes nicht vergessen oder verdrängen, aber trotzdem eine glückliche Zukunft haben werden. Und dass Wut und Trauer immer mehr dem Gefühl der Liebe Platz machen werden, Liebe die zu meinem Mann über 20 Jahre da gewesen ist und auch immer noch da ist, auch nachdem was passiert ist.

Tina Bucek



Kommentare
Aus dem Ressort
Eine Denkfabrik nimmt die Zukunft von Gelsenkirchen ins Visier
Stadtplanung
„Der Bund Deutscher Architekten hatte zur Aktion „Think Tank – 36 Stunden Gelsenkirchen“ eingeladen. 40 Architekturstudenten aus dem Bundesgebiet waren der Einladung gefolgt und haben sich bei Touren durch die Stadt ihr ganz eigenes Bild gemacht. Ihre Ideen wollen sie nun zusammenfassen
Seit 15 Jahren gibt es in Gelsenkirchen Barock
Musik
Das Ensemble caterva musica lädt regelmäßig zu ungewöhnlichen Konzerten in die Glashalle von Schloss Horst in Gelsenkirchen ein. Im Jubiläumsjahr haben die Musiker aus Bochum und Gelsenkirchen nun die erste CD veröffentlicht: „Concertare - Abseits vom Mainstream“ heißt sie.
Unangemeldete Baustelle vergrätzt Pendler in Gelsenkirchen
Stau
Direkt hinter der Kreuzung Florastraße/Overwegstraße in der Gelsenkirchener Altstadt war die zweite Fahrspur Richtung Hauptbahnhof von Baustellenfahrzeugen und Arbeitern blockiert. Lange Staus waren die Folge. Die Arbeiten waren mit der Stadt nicht abgesprochen - die ließ die Baustelle räumen.
In Gelsenkirchen dem barocken Klang auf der Spur
Kultur
Der Kölner Dirigent und Musikforscher Christoph Spering gilt als ein Spezialist für „Historische Aufführungspraxis“. Seit Seit Mitte Oktober probt er mit der Neuen Philharmonie Westfalen am Musiktheater im Revier das Oratorium „Belsazar“ von Georg Friedrich Händel.
Livemusik bevor das Winterlicht in Gelsenkirchen angeht
City-Aktion
Es geht rund in der Altstadt am Sonntag, 2. November: Um 18 Uhr werden mit der Aktion „1000 Lichter in der City“ die traditionellen Winterlichter über der Bahnhofstraße angeknipst. Und damit die Wartezeit bis zum Countdown kurzweiliger wird, gibt es schon ab mittags ein buntes Musik- und...
Umfrage

Geht es nach dem Willen der nordrhein-westfälischen Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik (SGK), dann sollen langjährige Empfänger von Hartz IV, die kaum noch Aussicht auf Rückkehr auf einen regulären Arbeitsplatz haben, als „Assistenten“ in Schulen, Kitas sowie Alt- und Pflegeheimen eingesetzt werden. Im Gegenzug werden ihre Sozialleistungen aufgestockt und künftig als „Gehalt“ gezahlt. Was halten Sie davon?

 
Fotos und Videos
Schalke-Choreos
Bildgalerie
Schalke-Fans