Spitzenlesung mit „Frau Heinrich“

Die Autorin Sabine Heinrich las im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen aus ihrem Buch "Sehnsucht ist ein Notfall".
Die Autorin Sabine Heinrich las im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen aus ihrem Buch "Sehnsucht ist ein Notfall".
Foto: Michael Korte
Was wir bereits wissen
Sabine Heinrichs Figuren sind voller Schrullen, überaus lebendig und man meint sie zu kennen. Es sind Menschen aus dem Pott.

Gelsenkirchen.. Im Studio zu sitzen und Radiohörer zu unterhalten, ist eine Sache. Vor einem großen Publikum zu bestehen, eine andere. Sabine Heinrich hat beides drauf und erwies sich am Samstag im Hans Sachs Haus als Rampensau: Beliebt bei jungen Frauen ihres Alters ebenso wie bei Menschen noch jüngeren und älteren Semesters. Wer macht ihr das nach? „Sehnsucht ist ein Notfall“ heißt ihr Roman, und der hält sich schon seit über einem Jahr in den Bestsellerlisten. Trotzdem war die Show der Frau Heinrich, wie sie von ihrem Haus-Sender genannt wird, so gut wie ausverkauft.

Auf Du und Du mit dem Publikum

Lesung trifft nur ansatzweise, was und wie sich die Autorin präsentierte: Sie unterbrach sich selbst nur zu gerne, die Ruhrgebiets-Schnauze schweifte ungeniert ab und interagierte mit dem Publikum, duzte jeden. Sabine Heinrich spielte Filme und Interviews (Chapeau, Kollegin!) während der Lesung ein, allesamt Kabinettstückchen, voll aus dem Leben und menschlich wirkend.

Es geht um das Leben, die Liebe und den ganzen Rest. Ich-Erzählerin Eva und ihre Oma, die mit 79 Lenzen nach 60 Jahren ihren Gatten verlässt, hauen ab, mit dem Auto soll’s ans Meer gehen. Ein Neuanfang für beide, denn Eva plagen Gewissensbisse, weil sie eine Affäre hatte.

Figuren wirken lebendig

Sabine Heinrichs Figuren sind voller Schrullen, lebendig, man meint sie zu kennen. Es sind Menschen aus dem Pott. Darum besonders schön die Interview-Einspielungen von einem Frauentreff. Was die Seniorinnen erzählen über Liebe im Alter und Sex, ist wunderbar, ehrlich und handfest. „Ich habe versprochen, diese Filme nie im Internet zu veröffentlichen“, so Heinrich. Das ist ehrenhaft, es ist auch clever, denn das macht jede ihrer Lesungen einmalig.

Ob sie aber in jeder Stadt wie im HSH einen Herrn unter den Zuschauern findet, der spontan den Part eines Ladenbesitzers übernimmt, mit dem die Protagonistin flirtet? Eva spricht nicht italienisch, Rafaele kann nicht deutsch. Aber es prickelt und funkt. „Ich hab’s wirklich so erlebt. Manches kann man nicht erfinden.“ Frau Heinrich zeigte als Beweis Fotos des Beaus. Kollektives Seufzen der anwesenden Weiblichkeit. „Ich würde Rafaele auf Elba, wo ich geschrieben habe, ja gerne mein Buch vorbeibringen. Aber mein Verleger hat davon abgeraten. Ein Anwalt, den ich kenne, auch.“

Fazit: Es war ein sehr unterhaltsamer Arbeit. Und eine Lesung der neuen Dimension.