Gelsenkirchen

Sozialwerk setzt auf umfassendes Assistenzkonzept

Die Vorstände Gitta Bernshausen und Wolfgang Meyer erläuterten die Grundlagen des Assistenzkonzepts, das vom Sozialwerk etabliert wurde..
Die Vorstände Gitta Bernshausen und Wolfgang Meyer erläuterten die Grundlagen des Assistenzkonzepts, das vom Sozialwerk etabliert wurde..
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
„Lebe lieber selbstbestimmt“ hat das Sozialwerk St. Georg als einen prägenden Satz für seinen Jahresbericht 2014 gewählt. Dahinter steht ein besonderes Konzept.

Gelsenkirchen. „Lebe lieber selbstbestimmt“ hat das Sozialwerk St. Georg als einen prägenden Satz für seinen Jahresbericht 2014 gewählt und dazu bildlich ein Motiv gestellt, das Inhalte transportieren soll: Einen Koffer, leicht ramponiert und gezeichnet vom Leben, versehen mit Reiseaufklebern.

„Sich auf die Reise zu machen“, neue Ziele und Projekte anzugehen, soziale Beziehungen aufzubauen, eben seinen Koffer zu packen und vielleicht auch bewusst alte Dinge zurückzulassen, darum geht es auch im Bilanzgespräch im Kontaktcafé der „Viktorias Suchtkrankenhilfe“ an der Schwarzbachstraße. Die „Reiseleiter“ dort: St. Georg-Vorstandssprecher Wolfgang Meyer und seine Kollegin Gitta Bernshausen.

Menschen sollen zu sich selbst finden

„Unser Auftrag ist, Menschen zu begleiten auf ihrem Weg. Es geht darum, sich wieder selbst zu finden, Fuß zu fassen“, sagt Bernshausen und betont: „Auf Grundlage unserers Assistenzkonzepts ,Qualität des Lebens’ wollen wir Klienten darin bestärken, ihren individuellen Weg zu verfolgen.“

2014 wurde das Konzept nach mehrjähriger Einführungsphase in allen Wohneinrichtungen des Sozialwerks etabliert. Auf „Zukunftskonferenzen“ planen die Klienten zusammen mit einem „Teilhabebegleiter“ und ihrem „persönlichen Assistenten“ (früher: Bezugsbetreuer) Ziele und Schritte für die eigene Zukunft. „So werden sie zu Agenten ihrer eigenen Entwicklung“, so Bernshausen.

Ein Ferienheim für Kinder mit Behinderungen renoviert

Eine dieser „Agenten“, eine „Reisende“ in eigener Sache, ist Britta Wiegel. 2013 ist sie von Oberhausen nach Gelsenkirchen in eine Außenwohnung des Sozialwerks gezogen. Eine Suchterkrankung hat Jahre ihres Lebens geprägt. „Ich musste vieles wieder lernen, das fängt beim Selbstbewusstsein an. Aber zu Beginn war natürlich vorrangig, abstinent zu bleiben. Und das ist immer noch mein größtes Ziel“, sagt die 49-Jährige. Für sie sei wichtig, dass sie vieles eigenständig bestimmen könne „und nicht ferngelenkt werde. Mit Unterstützung (Wiegel: „den Begriff persönlicher Assistent mag ich eigentlich nicht“) erarbeitet sie „Ziele, die ich erreichen möchte. Bisher hat das auch gut geklappt. Wenn man das will, dann geht es auch“, findet die 49-Jährige, die letztes Jahr auf Texel mit anderen Klienten des Sozialwerks half, ein Ferienheim für Kinder mit Behinderungen zu renovieren. „Es hat mich stolz gemacht, dass ich was für andere tun konnte“, sagt sie heute. Ihre Perspektive: „Ich möchte 2016 aus der Einrichtung raus“, eben ganz zurück in ein eigenständiges Leben.

Stationäre Plätze, betont Meyer, werde und müsse es immer geben, um ein breites Angebot vorzuhalten, „um unterschiedliche Perspektiven für Menschen zu schaffen“. Auch werde man an Grenzen kommen „mit der Finanzierbarkeit des Ambulanten“, aber insgesamt gehe der Trend klar in diese Richtung. Ambulant war früher rund fünf Prozent des Werk-Angebots, jetzt sind es jetzt gut 40 Prozent.

Das Sozialwerk arbeitet immer ambulanter

Rund 4700 „Klientenverhältnisse“ zählt das Sozialwerk St. Georg mit Sitz in Gelsenkirchen aktuell in landesweit 52 Einrichtungsverbünden mit Wohnangeboten, Tagesstätten und 37 Kontaktstellen. In Werkstätten bietet das Werk 766 Arbeitsplätze für Menschen mit geistiger Behinderung, psychischer oder Suchterkrankung.

Rund 2500 Mitarbeiter erbringen unter dem Leitmotiv „Gemeinsam. Anders. Stark.“ Dienstleistungen für Menschen mit Assistenzbedarf. Der Jahresumsatz erreichte 2014 knapp 140 Millionen Euro.

Das Werk, so Vorstandssprecher Wolfgang Meyer, sei kontinuierlich ambulanter geworden – „hier spielt die Musik.“ Entscheidend seien aber auch mehr Plätze für Beschäftigung und Arbeit, auch in inklusiven Betrieben. „Im Bereich Dienstleistung können wir mehr als wir bisher getan haben.“

"Die Qualität muss stimmen"

Wichtig ist für ihn wie für Gitta Bernshausen: „Die Qualität muss stimmen. Es kommt kein Kunde ins Bistro Auf Schalke oder zu unserem Fahrzeugservice, nur weil er ein soziales Projekt unterstützen möchte.“

An der Emscherstraße entsteht aktuell ein Werkstattneubau für 46 schwer mehrfachbehinderte Menschen, der Anfang 2016 fertig sein soll. Bis Ende 2015 soll die Verwaltung mit rund 80 Mitarbeitern (davon zehn Behinderte) in den Neubau am Schacht Bismarck ziehen.