Naht das Ende der Schreibschrift?

Der Neurologe Professor Dr. Claus Haase von den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen erklärt, welche Bereiche des Gehirns beim Schreiben aktiviert werden.
Der Neurologe Professor Dr. Claus Haase von den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen erklärt, welche Bereiche des Gehirns beim Schreiben aktiviert werden.
Foto: Michael Korte
Was wir bereits wissen
Die Meldung, Finnland wolle ab 2016 die Schreibschrift abschaffen, hat für viel Wirbel gesorgt. Dabei ist das in Gelsenkirchen ein alter Hut...

Gelsenkirchen.. „PISA-Sieger Finnland schafft in den Grundschulen das Schreiben von Hand ab. Die Schüler sollen künftig nur noch am Tablet schreiben lernen“ – diese Meldung sorgte in den vergangenen Tagen auch hierzulande für Aufregung und schlug hohe Wellen.

Dabei lohnte es sich, zwischen den Zeilen zu lesen. Denn die Finnen wollen die Handschrift nicht komplett aus ihren Lehrplänen streichen. Lediglich das Erlernen der verbundenen Schreibschrift soll ab dem Jahr 2016 nicht mehr verpflichtend in den Lehrplänen erscheinen.

Schulen wählen die Schriftart aus

In Deutschland sind solche Pläne schon ein alter Hut: Bereits 2003 erlaubte Nordrhein-Westfalen den Grundschulen, die so genannte „Grundschrift“ mit Druckbuchstaben einzuführen und die Schreibschrift komplett wegzulassen, das Bildungsministerium macht dazu keine verbindlichen Vorgaben.

„In Gelsenkirchen ist es jeder Schule selbst überlassen, welche Schrift sie unterrichtet“, sagt Schuldezernent Dr. Manfred Beck.

Und während der deutsche Grundschulverband für die Grundschrift wirbt, da sie vor allem Kindern mit Lernschwierigkeiten das Leben erleichtere, befürchten Kritiker, dass ein wichtiges Kulturgut wegfällt, wenn an den Grundschulen künftig keine der drei normierten Schreibschriften, die Schulausgangsschrift, die lateinische Ausgangsschrift oder die vereinfachte Ausgangsschrift, mehr gelehrt wird.

Wie einst die Sütterlinschrift könnte die schwungvolle, verbundene Schreibschrift dann irgendwann komplett von der Bildfläche verschwinden – oder wie die Stenografieschrift (siehe Text unten) an Bedeutung verlieren.

Wäre das dann nur aus kulturhistorischen Gründen bedauerlich, oder würden den Kindern auch wichtige Entwicklungsschritte verloren gehen? Diese Frage haben wir an Professor Dr. Claus Haase, den Leiter der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie an den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen in der Munckelstraße, weitergereicht. „Leider gibt es auf diesem Themenfeld noch keine verlässlichen Studien, wie sich das Auslassen der Schreibschrift in späteren Jahren auswirken kann“, erklärt der Neurologe.

Kreativität ist gefragt

„Aber aus der Hirnforschung weiß man, dass bei der Druckschrift und der fließenden Schreibschrift ganz unterschiedliche Hirnareale angesprochen werden. Mit der Druckschrift wird eher die Motorik der Kinder geschult, da geht es um die Fingerkontrolle und Bewegungen. Die Schreibschrift hingegen hat auch viel mit grafischen, visuellen Elementen zu tun, da wird der kreativere Teil des Gehirns viel stärker gefordert, weil die Buchstaben quasi zu einem Bild zusammengefügt werden“, so Prof. Dr. Claus Haase.

„Bei der Schreibschrift spielen auch Aspekte wie die Höhe, die Breite und die Tiefe der einzelnen Buchstaben eine wichtigere Rolle, damit sich ein stimmiges Bild ergibt. Diese Zusammenstellung ist also für das Gehirn eine viel komplexere Aufgabe als das Schreiben in Druckschrift oder das Tippen am Computer“, fügt er hinzu.

„Wenn man sich das Gehirn wie einen Muskel vorstellt, der ständig trainiert werden muss, um leistungsfähig zu sein, dann sind komplexere Aufgaben natürlich ein effektiveres Training“, erklärt Haase. „Aber nicht jedes Kind ist kreativ begabt. Deshalb sollte man mehrere Schriftarten anbieten, damit das Kind sich später für eine entscheiden kann.“

Früher kam keine Sekretärin ohne sie aus – doch in Zeiten von Spracherkennungsprogrammen am Computer hat die Stenografie stark an Bedeutung verloren. „Vor fünf Jahren waren unsere Stenokurse kaum noch nachgefragt. Das hat sich aber inzwischen wieder geändert. Steno erlebt quasi eine Renaissance“, erzählt Christoph Laskowski, Jugendleiter im Vorstand des Stenografenvereins Buer, den es seit 1946 gibt.

„Der Altersdurchschnitt ist quasi 50-50. Es kommen junge Leute, die in der Schule oder Uni gerne schneller mitschreiben können möchten – aber auch ältere Semester, um ihre Kenntnisse aufzufrischen“, erklärt Laskowski, der selber Steno lernte, „weil ich damit doppelt so schnell mitschreiben kann wie alle anderen.“

Frühere Steno-Schüler der Bildungsstätte Emscher-Lippe, die vom Stenografenverein getragen wird, waren oder sind als Parlamentsstenografen im Bundestag und in Landtagen, als Mitarbeiter im Bundespresseamt und der Europäischen Kommission in Brüssel tätig. „Es gibt durchaus noch Berufsfelder, in denen Steno eine Rolle spielt. Deshalb ist es so schade, dass von den neun Stenovereinen, die es einmal in dieser Stadt gab, kaum noch welche übrig sind“, sagt Laskowski. Die Stenokurse des Vereins finden dienstags in der Realschule an der Mühlenstraße statt. Mehr Info dazu auf www.steno.de oder unter Telefon 0209 333 02.