Mit den US-Truppen zog der Frieden in Gelsenkirchen ein

Einmarsch in eine Ruinenstadt: Am 10. April 1945 besetzen Truppen des 134. US-Infantry Regiment der 35. US-Infantry Division mit Unterstützung durch Sherman-Panzer Gelsenkirchen.
Einmarsch in eine Ruinenstadt: Am 10. April 1945 besetzen Truppen des 134. US-Infantry Regiment der 35. US-Infantry Division mit Unterstützung durch Sherman-Panzer Gelsenkirchen.
Foto: Ralf Blank
Was wir bereits wissen
Vor 70 Jahren am 10. April 1945 beendeten die Amerikaner mit ihrem Einmarsch die NS-Zeit. Das Kampfende erlebten die Menschen inmitten von Trümmern.

Gelsenkirchen..  Es gibt diese wenigen Bilddokumente von dem Tag, an dem das Grauen in Gelsenkirchen endete, als der Frieden einzog – und mit ihm die Befreier, die zunächst zu Besatzern wurden. Sie zeigen Panzer, die durch Trümmerberge rattern, flankiert von Soldaten beim Einmarsch in die total zerstörte Stadt. 160 000 Menschen harrten in den Ruinen aus, weitgehend ohne Strom, ohne Wasserversorgung. Die Infrastruktur war zusammengebrochen - durch zahllose Bombenangriffe und Artilleriebeschuss.

Vor 70 Jahren am 10. April 1945 war für die Überlebenden der Zweite Weltkrieg beendet, knapp einen Monat, bevor die letzten Wehrmachtseinheiten den Kampf aufgaben, das NS-Regime am 8. Mai endgültig geschlagen war. Bereits Karfreitag 1945, am 30. März, ging in Buer und Horst der Krieg zu Ende. Einen Tag zuvor erlitten die Bewohner noch den letzten schweren Bombenangriff, der 56 Tote forderte. Durch Beschuss gingen auch der St. Urbanuskirchturm und der Rathausturm in Flammen auf. Amerikanische Truppen besetzten den Stadtnorden, bereits Karfreitag waren Streitkräfte der 8. US Panzerdivision, unterstützt von Jagdbombern, nach Scholven, Schaffrath und Hassel vorgerückt.

Um die amerikanischen Truppen aufzuhalten, sprengten Wehrmachtsangehörige am 28. März die Brücken über Kanal und Emscher. Ein letzter, sinnloser Akt der Zerstörung – mit Nachwirkungen

Erinnerungstafel im Atrium des Hans-Sachs-Hauses

Die Lebensmittelversorgung drohte in den ersten Wochen nach Kriegsende zur Katastrophe zu werden, Post und Telefon funktionierten nicht, Straßen- und Eisenbahnen fuhren nicht. „Es hat in den letzten Tagen auch noch zahlreiche Endphasenverbrechen gegeben“, so Stefan Goch, Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, der Freitag zum 70. Jahrestag im Hans-Sachs-Haus mit Oberbürgermeister Frank Baranowski ein Blumengebinde mit Gerbera, Vergissmeinnicht und – sehr symbolisch – einem Ölzweig – an einer extra aufgestellten Erinnerungstafel drapierte.

„Wir erinnern an die Befreiung Gelsenkirchens am 10. April 1945 und den damit ermöglichten Wiederaufbau unserer Demokratie“ steht auf dem Schild im Atrium vor dem Namenszug der Stadt- In der Tat: Auf die NS-Diktatur folgte umgehend das Bemühen demokratischer Kräfte, an der Zukunft der Stadt mitzuwirken. Goch: „Bereits am 12. und 13. April meldeten sich Kommunisten und Sozialdemokraten, dass sie an der Verwaltungsleitung beteiligt werden wollten, am 16. April wurden auch christliche Politiker und drei Parteilose eingebunden.“ Am 24. Mai setzte die britische Besatzungsbehörde erneut Emil Zimmermann als Oberbürgermeister ein, er blieb es bis 1946. 1933 hatten die Nationalsozialisten ihn zwangspensioniert.

518 Opfer forderte allein der schwere Angriff am 6. November 1944

Insgesamt forderte der Krieg in Gelsenkirchen 3092 zivile Opfer. Noch am 19. März 1945 trafen Bomben das Hans-Sachs-Haus, 81 Menschen starben im Luftschutzkeller des Gebäudes. Von 93 028 Wohnungen 1939 waren bei Kriegsende 70 744 beschädigt, davon 12 021 zu über 60 Prozent. Der schwerste Angriff mit 1700 Bombern traf die Stadt am 6. November 1944. 518 Menschen starben allein an diesem Tag.