"Menschen zweiter Klasse"
06.02.2009 | 19:02 Uhr 2009-02-06T19:02:00+0100
Putzfrauen, klagt die Gebäudereinigerin Susi Neumann, arbeiten unter immer schlechteren Bedingungen und haben keine Lobby. IG Bau spricht von schlimmen Zuständen in der Branche – und fordert die Politik zum Handeln auf.
„Putzen”, sagt Susi Neumann, „haben keine Lobby, sie sind Menschen zweiter Klasse.” Seit 28 Jahren schwingt sie den Feudel, saugt und wischt, tagaus, tagein. Dass der Körper nicht mehr so mitmacht wie früher, dass Knie, Schultern und Rücken heute schnell wehtun, da will sie nicht groß drüber klagen. Was sie wütend macht, sind die Bedingungen, unter denen die Gebäudereiniger arbeiten müssten – von Arbeitgebern gegängelt, von der Gesellschaft verachtet. „Putzfrauen haben nix gelernt, sind faul und doof” – dieses Vorurteil kennt sie zur Genüge. Und dann sei da noch die Arbeit, die wenig Erfüllung bringe: „Wer hat schon Spaß, jeden Tag die Scheiße von anderen Leute weg zu machen?”
Susi Neumann ist Betriebsratsvorsitzende der Dienstleistungsgruppe Stölting mit 400 Mitarbeitern in Gelsenkirchen – und schlägt Alarm. Den rund 5000 Putzfrauen in Gelsenkirchen gehe es hundsmiserabel, erklärt sie. Das Maß sei voll, und nicht auszudenken, wenn es mit ihnen weiter bergab gehen sollte.
Dass sie offen sprechen könne, liege an ihrem Arbeitgeber, sagt die 49-Jährige, der sich „gewandelt” habe. Und der den Mitarbeitern heute vernünftige Arbeitsbedingungen biete. An der Tagesordnung sei das nicht, im Gegenteil. Allerorts würden die Tarifverträge ausgehebelt, mit dem einfachsten aller Tricks: durch eine befristete Anstellung. Putzfrauen, die auf ihre Ansprüche pochten, darunter Urlaubsgeld, Streikrecht, ja nur Einhaltung der Arbeitszeit, die könnten sich sicher sein, dass ihre Verträge nicht verlängert würden. Da blieben viele lieber ruhig – „und unter der Knute des Arbeitgebers”.
Bernd Neumann, der für die Branche zuständige Sekretär bei der IG Bau, bestätigt die Zustände in der Branche. Die 8,15 Euro Mindestlohn gebe es faktisch nur auf dem Papier. Eben weil Putzfrauen häufig genug länger als nötig arbeiteten – aus Angst, ihr Vertrag werde nicht verlängert.
Grund für die schlimmen Arbeitsbedingungen sei letztlich der Preiskampf in der Branche, erklärt er. Um Aufträge an Land zu ziehen, unterböten sich die Gebäudereinigungsunternehmen gegenseitig. Die Zeche zahlten die Putzfrauen: Damit das Geschäft für den Arbeitgeber wirtschaftlich sei, müssten sie schneller und länger arbeiten – unentgeltlich, versteht sich.
Folge seien überarbeitete, ausgebrannte Kolleginnen ohne Perspektive. Und nicht nur das: Auch die Kunden, die Verbraucher ärgerten sich zusehends. Der Büro-Mitarbeiter etwa, wenn mal wieder Staub an seinem Schreibtischstuhl klebt, oder der Patient, der die Putzfrau nur kurz durchs Zimmer huschen sieht. Schuld an dieser Akkord-Arbeit seien aber nicht die Putzfrauen. „Die malochen”, betont Bernd Neumann, „mehr geht nicht mehr.” Er fordert: Die Politik muss sich des Themas annehmen. Und der Zoll, der die Einhaltung der Arbeitszeiten überwachen soll, endlich andere Kontroll-Methoden einführen. Bislang, berichtet er, notierten die Putzfrauen ihre Zeiten selbst. Ein Witz sei das: Wer Überstunden geltend mache, erlebe die bekannte Folge – kein neuer Vertrag.
Dass es aber auch Glanzpunkte in der Branche gibt, soll hier zum Ende nicht unerwähnt bleiben. Dass Susi Neumann nämlich den gleichen Nachnamen trägt wie Bernd Neumann, hat seinen schönen Grund. Den Gewerkschaftssekretär lernte sie auf der Arbeit kennen: Sie putzte für ihn. Knapp zehn Jahre später wohnt das Paar verheiratet in einem Eigenheim in Horst. Und damit auch das klar ist: Sie putzt dort. Aber er übernimmt das Heim werken.
12:05
Ich bin auch Gebäudereinigerin und bin begeistert, dass sich erstens eine Kollegin traut über dieses Thema zu informieren, zweitens freue ich mich, ´dass es tatsächlich einen Journalisten gibt, der über unsere Branche berichtet. Es ist durchaus nicht üblich, dass wir so viel Anerkennung erfahren, obwohl in unserer Branche 850000 Menschen tätig sind. In der Vergangenheit mussten wir immer wieder Rückschläge, wie vor etwa fünf Jahren einen Lohnverlust von 8,17€ auf 7,50€, hinnehmen. Erst seit 2008 haben wir dieses Lohnniveau fast wieder erreicht. Unter dem Motto Sauberkeit hat ihren Preis, !0,-€ für Gebäudereiniger/innen kämpfen wir mit der Gewerkschaft IG BAU für dieses Ziel. Es wird Zeit, dass diese Forderung erfüllt wird, denn verdient haben wir es allemal für die Arbeit in diesem Knochenjob.