Madeleine: Noch keine Entscheidung

Foto: WAZ FotoPool

Die Entscheidung, ob der Madeleine-Prozess vor dem Essener Schwurgericht platzt und neu aufgerollt werden muss, steht noch aus. Über den Antrag von Verteidiger Wolfgang Weber, das Verfahren wegen der von Staatsanwältin Birgit Jürgens angesprochenen Sicherungsverwahrung auszusetzen, wollen die Richter erst am 16. Januar entscheiden.

Eineinhalb Monate kam das Verfahren nicht weiter. Denn Psychiaterin Nahlah Saimeh, die kurzfristig zur Frage der Sicherungsverwahrung Stellung nehmen sollte, hatte terminliche Probleme. Am Dienstag erstattete sie ihr Gutachten, wollte sich darin aber nicht festlegen, ob der Essener Günther O. ein Kandidat für die Sicherungsverwahrung ist. Der 48-Jährige hatte laut Anklage seine zuletzt in Gelsenkirchen lebende Stieftochter Madeleine W. (23), Mutter einer von ihm gezeugten zwei Jahre alten Tochter, jahrelang missbraucht und am 11. Februar 2014 ermordet. Ihre Leiche begrub der Borbecker in seinem Kleingarten im Essener Stadtteil Dellwig: verscharrt in einer Grube, bedeckt mit mehreren Schichten aus Beton und Erde, verborgen unter frisch gepflanzten Zuckerhutfichten. Sie hatte sich 2012 in ein Frauenhaus geflüchtet und ihn angezeigt. Ein Prozess wegen Missbrauchs der Stieftochter rückte zur Tatzeit näher.

Machtbesessen und dominant

Als voll schuldfähig hatte Gutachterin Saimeh Günther O. bereits in einem ersten Gutachten bezeichnet. Hat er aber „einen Hang, eine intensive Neigung zu Rechtsbrüchen“? Nahlah Saimeh wies auf die dissozialen Charakterzüge hin. Günther O. sei ein „ausgesprochen machtbesessener, dominanter Mensch“, der sein Umfeld rücksichtslos kontrolliere. Saimeh: „Er hält sich nicht an Regeln, wenn sie ihm lästig sind.“

Stieftochter als Familienbesitz

Andererseits habe er sich einem Gespräch mit ihr verweigert, so dass sie auf sehr begrenzte Informationsquellen zurückgreife, schränkte sie den Wert ihres Gutachtens ein. Dass er noch einmal töten werde, wenn er später die Haft verlasse, stufte sie als eher unwahrscheinlich ein. Auch als Vergewaltiger sah sie ihn nicht: „Das geht gegen seine persönliche Ehre.“ Bei Madeleine sei er anders vorgegangen. Sie hätte er durch Privilegien abhängig gemacht und sie für seine sexuellen Bedürfnisse quasi als „Familienbesitz“ gesehen.

Verteidiger Wolfgang Weber stellt nur wenige Fragen, das Thema Sicherungsverwahrung scheint vom Tisch zu sein. Doch bei seinem Aussetzungsantrag bleibt er. Wenn das Schwurgericht am 16. Januar seine Entscheidung darüber verkündet, wird auch er wissen, wie die Richter die Sicherungsverwahrung beurteilen.