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Literatur

Lyrik als Kompass für die Sprache

08.01.2016 | 07:00 Uhr
Lyrik als Kompass für die Sprache
Der Gedichtband „Der Himmel im Schnapsglas“ erinnert an Timucin Davras, der 2014 verstarb. Hier ist er im Alter von 84 Jahren bei einem seiner letzten Interviews im Jahr 2012 zu sehen.Foto: Jan Dinter

Gelsenkirchen.   Im Mai 2014 verstarb der türkisch-deutsche Dichter Timucin Davras. Hans-Jörg Loskill hat jetzt eine Sammlung mit Gedichten von ihm herausgegeben

„Ich liebe das Wort Gelsenkirchen“, so schrieb der im Mai 2014 verstorbene Wahl-Gelsenkirchener Timucin Davras in einem seiner Gedichte. Und es war wohl die Liebe zu seiner ausgewählten Heimatstadt, die ihn immer wieder inspirierte.

Mittler zwischen den Kulturen

„Timucin Davras hat sich sehr für das Leben in dieser Stadt und vor allem für die Kulturarbeit und das kulturelle Schaffen interessiert. Es gab aber auch ein Wort, das er gar nicht mochte: Das Wort ‘Integration’“, erzählt sein langjähriger Freund Mehmet Ayas, der von 1994 bis 2012 Ausländer- und Integrationsbeauftragter der Stadt Gelsenkirchen war und inzwischen beim „Institut für Stadtgeschichte“ die Geschichten der Zuwanderer zusammenträgt.

Dabei wird Timucin Davras selbst auch heute noch oft als ein Beispiel genannt für gelungene Integration und gelobt für seine Rolle als Mittler zwischen den Kulturen.

1928 im türkischen Havran geboren, hatte Davras zunächst in Istanbul und dann in Hagen Maschinenbau studiert. 1958 kehrte er nach einem sechsjährigen Studienaufenthalt in Deutschland als Ingenieur in die Türkei zurück. Kurz nach dem Militärputsch 1960 siedelte Timucin Davras jedoch nach Deutschland um – und fand 1970 seine neue Heimat in Gelsenkirchen. 1978 schrieb er, der schon seit seiner Jugend als Hobbyschriftsteller tätig geworden war, die ersten deutschen Literaturstücke. „Wir haben oft darüber diskutiert, dass es mehr bedarf, als eine Sprache zu lernen, um hier als Zuwanderer anzukommen. Man muss sich auch mit der Kultur des Landes auseinandersetzen. Und darf darüber die Kultur des eigenen Herkunftslandes nicht vergessen“, erklärt Mehmet Ayas.

170 Gedichte und Prosastücke hinterlassen

Eine Gratwanderung, die Timucin Davras immer wieder ins Bewusstsein rief – auch mit seinen Gedichten. „Er war ein brillanter Beobachter und konnte das Beobachtete gut in Worte fassen. Timucin schrieb keine Gastarbeiterliteratur, er hat stattdessen eindrucksvoll bewiesen, dass Lyrik eine universelle Sprache spricht, die nicht per se ethnisch gefärbt ist“, betont Ayas, der den Nachlass von Timucin Davras Gedichten gesichtet hat.

Rund 170 Gedichte und Prosastücke hinterließ Davras. Seine Freunde und Weggefährten Hans-Jörg Loskill (der frühere WAZ-Kulturredakteur), Peter Rose (der ehemalige Kulturdezernent), der Autor Hans Frey und Mehmet Ayas organisierten im Herbst 2014 eine Gedenkveranstaltung für den Dichter und Kulturquerdenker im Kulturraum „die Flora“. Anschließend kam laut Hans-Jörg Loskll, der Timucin Davras Wirken über die Jahre journalistisch begleitet hatte, „sehr schnell der Gedanke auf, einmal gründlicher nachzuschauen, was dieser Autor als Lebenswerk hinterlassen hat.“

Weggefährten und Freunde kommen zu Wort

Loskill ließ sich von Davras Familie „sämtliche handschriftlichen und gedruckten, aber ungeordneten Texte“ zur Verfügung stellen und sichtete diese.

So entstand der Gedichtband „Der Himmel im Schnapsglas“ (siehe Infokasten), für den Hans Jörg Loskill nicht nur bestechende und tiefgründige Gedichte auswählte und Timucin Davras Schaffen literarisch einordnete, sondern auch Weggefährten und Freunde zu Wort kommen ließ. In einem seiner Gedichte hinterließ der Lyriker übrigens eine Liebeserklärung an die Poesie: „Ich bin ein Lyriker. [...] Das ist ein Luxusleben/ Und ein Geschenk,/ Weil [Lyrik] für mich ein Kompass/ Der gottvergessenen Sprache ist.“

Timucin Davras wurde mehrfach ausgezeichnet: 1979 bekam er den dritten Preis beim VHS-Wettbewerb „Menschen im Revier“, 2008 den 1. Publikumspreis von gelsenArt.

„Der Himmel im Schnapsglas“, herausgegeben von Jörg Loskill, ist im Klartext-Verlag erschienen, ISBN 978-3-8375-1502-2 und kostet 9,95 Euro.

Anne Bolsmann

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Lyrik als Kompass für die Sprache
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2016-01-08 07:00
Gelsenkirchen, Timucin Davras, Lyrik, Prosa, Gedichte, Der Himmel im Schnapsglas
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