Letzte Schicht nach 44 Jahren im Gelsenkirchener Rathaus

Ulrich Exner (59), seit 1971 in Diensten der Stadt Gelsenkirchen, geht heute in den Vorruhestand.
Ulrich Exner (59), seit 1971 in Diensten der Stadt Gelsenkirchen, geht heute in den Vorruhestand.
Foto: WAZ
Ulrich Exner, Leiter der Bezirksverwaltungsstelle Mitte, geht in Altersteilzeit. Als Lehrling hat er Lohnsteuerkarten verteilt und Sirenen überprüft

Gelsenkirchen.. Wenn Ulrich Exner heute seine Bürotür im Hans-Sachs-Haus schließt, zahlreiche Hände schüttelt, den einen oder anderen Lieblingskollegen sicher besonders herzt, dann geht er mit einem Lächeln. Ein Lächeln, dass verrät, wie gerne er seinen Job als Leiter der Bezirksverwaltungsstelle Mitte und Süd gemacht hat, aber auch ausdrückt, dass es Zeit wird, Familie und Hobbys stärker zu pflegen. Wer bleibt seinem Arbeitgeber mit 44 Dienstjahren schon ein halbes Leben lang treu? Jetzt kann er alle Akten abheften, die Büroordner zuklappen, ein neues Lebenskapitel aufschlagen. Demnächst stehen in die Pedale treten, die Ruhrhöhen erwandern, den Schrebergarten pflegen auf der Tagesordnung.

Doch die Gedanken und Erinnerungen an ungewöhnliche Episoden im Verwaltungsalltag werden noch lange haften bleiben. Wie die Zeiten, in denen Ulrich Exner als Lehrling Lohnsteuerkarten zu den Arbeitnehmern nach Hause brachte. „Da hat uns die Stadt ein paar Mark extra für bezahlt.“ Kaum vorstellbar ist heute auch der Auftrag für städtische Mitarbeiter, bei der Viehzählung Rindviecher und anderes Getier aufzuspüren. Ulrich Exner erinnert sich: „Ich bin durch Bulmke gelaufen und habe auf der Wanner Straße zwei Schweine im Nebenraum einer Metzgerei entdeckt. Sie sollten geschlachtet werden.“

Verwaltungsmann und Sozialarbeiter

Wer damals als Lehrling bei der Stadt anfing, der musste sich nicht nur als Tierfahnder bewähren. Auch die Überwachung von Sirenen gehörte zum Job eines Lehrlings, den Arbeitgeber auch gerne als „Stift „bezeichneten. Ob die Sammlung akustischer Eindrücke im Ausbildungslehrplan standen, darf angezweifelt werden. In Kindergärten, Schulen und anderen Gebäuden mussten Sirenen heulen, wenn die jungen Prüfer unterwegs waren. „Wir sollten prüfen, ob die Warnstufen funktionierten und die Sirenen auch zu hören waren“, erinnert sich der 59-Jährige.

In der Bußgeldstelle musste er später die Aktenberge an Bußgeldbescheiden abbauen, die sich in den Schränken gestapelt hatten. Seit 29 Jahren ist er Leiter der Bezirksverwaltungsstelle. Mittlerweile für Mitte und Süd. Als sie auch noch Bürger berieten, war Ulrich Exner nicht nur Verwaltungsmann, sondern gleichzeitig auch Sozialarbeiter. Einer Frau mit Sehschwäche sollte er die Summe in ihrem Sparbuch nennen, weil die ihren Verwandten nicht traute. Andere erzählten über Kriegserlebnisse, zeigten ihre Verletzungen. Exner: „Wir hatten eine hohe soziale Funktion, die Menschen schütteten ihr Herz aus und beschrieben uns ihr ganzes Leben.“

Eine Praxis, die bereits seit 1975 existiert, hat Ulrich Exner auch am letzten Arbeitstag beibehalten. Jede Sitzung der Bezirksvertretung und jeder Tagesordnungspunkt ist fein säuberlich in Kladden aufgeklebt worden. Mittlerweile in der fünften Auflage. Und wenn bei seinem Nachfolger Computerhilfe ebenso verpönt ist wie bei Ulrich Exner, dann werden noch etliche Bände im Regal verstaut werden.