Letzte Hoffnung Gelsenkirchen

Edith Albert (re.) ist Mitarbeiterin des Dienstes Aufsuchende Sozialarbeit Südost bei der Awo Gelsenkirchen. In der Neustadt betreut sie die Familie von Simona.
Edith Albert (re.) ist Mitarbeiterin des Dienstes Aufsuchende Sozialarbeit Südost bei der Awo Gelsenkirchen. In der Neustadt betreut sie die Familie von Simona.
Foto: WAZ
Eugen und Simona kamen mit ein paar Koffern aus Rumänien. Wie auch Michaela und Robin. Auf den Weg gemacht haben sie sich, um ihren Kindern bessere Lebens-Chancen zu bieten. Ihre Geschichte(n):

Gelsenkirchen.. Eugen und Simona (Namen geändert) haben alles aufgegeben. Der 39-jährige Rumäne und seine Frau hatten in ihrer Heimat beide Arbeit. Sie besaßen sogar ein eigenes Haus. Selbst gebaut. Alles bestens also – ? Nein. Als das Haus nach 15 Jahren fertig war, hat die Familie die Koffer gepackt, ist nach Deutschland ausgewandert. Erstes Ziel: zwei unrenovierte Zimmer mit Ungeziefer in Untermiete in einer herunter gekommenen Immobilie in Ückendorf. Fünf Monate ist das jetzt her.

Heute wohnt die Familie in der Neustadt. Wir dürfen Simona besuchen, die vormittags mit den drei kleinen Kindern, das jüngste noch kein Jahr alt, zuhause ist. Die älteren Kinder besuchen IFÖ-Klassen. Edith Albert, die 35-jährige Sprach- und Integrationshelferin der Awo, und ihre Kollegin Loreta Licheva (51) haben den Kontakt hergestellt. Die beiden Frauen haben die Familie von Anfang an begleitet und genießen längst ihr Vertrauen. Wir sitzen im blitzblanken Wohnzimmer, das Eugen und Simona unter anderem mit Möbeln, die Nachbarn zum Sperrmüll bringen wollten, gemütlich eingerichtet haben. Edith Albert, selbst Rumänin, übersetzt.

Zwei unrenovierte Zimmer mit Ungeziefer in Untermiete

„In Rumänien ist es sehr schwer für die Kinder, eine gute Ausbildung zu bekommen. Und für eine bessere Schule hätten wir bezahlen müssen“, erzählt uns Simona. Von nebenan klingt ab und zu fröhliches Kindergeplapper herüber, das Baby schläft in Simonas Armen. Sie und ihr Mann hätten nicht genug Geld gehabt, um die teure Schule zu bezahlen, sagt sie. Und immer zu sagen, „meine Eltern haben das Geld nicht“, hätte auch am Selbstbewusstsein der Kinder genagt.

Apropos Schule. Anfangs haben die älteren Kinder der Familie – „Schreiben Sie bitte mehr als achtköpfig“ – ihre sieben Sachen unter dem Arm getragen. „Sie waren so froh, als wir ihnen Schultaschen mitgebracht haben“, lächelt Loreta Licheva versonnen. Eine echte Helfernatur, genauso wie ihre Kollegin Edith Albert. Ein großes Problem konnten die beiden Awo-Integrationshelferinnen indes nicht lösen: die Krankenversicherung. „Wir haben für den Notfall die europäische Versicherung“, sagt Simona. Daher hofft sie inständig, dass ihr Mann diesmal den Job als Fahrer behalten kann. Er hatte bereits eine Reihe von Gelegenheitsarbeiten. „Leider ohne Festanstellung.“ Dabei hat er in seiner Heimat eine Reihe beruflicher Qualifizierungen erworben. Diesmal soll es klappen. Damit die Familie außer Kindergeld eigenes Geld hat, aber auch, damit sie ordentlich krankenversichert ist.

Simona bekräftigt: „Egal, welche Schwierigkeiten es geben könnte, die Kinder waren uns wichtiger.“ Und: Ja, sie und ihr Mann würden den Schritt noch einmal wagen. Der Kinder wegen. Was sich die Mutter für ihr Leben in Gelsenkirchen wünscht: „Sicherheit, Arbeit für meinen Mann und mich und eine bessere Zukunft für unsere Kinder.“ Simona selbst würde gern einen Sprachkurs besuchen, was aber wegen der drei Kleinen zurzeit nicht geht. Sie lächelt, wiegt ihr Jüngstes in den Armen.

Die Geschichte von Michaela (37) und Robin (38)

Sebastian hat eine literarische Ader. In seiner alten Heimat hat der 16-Jährige die neunte Klasse des Gymnasiums besucht. Er hat nebenbei ein Diplom für Gedichte und eins für literarische Kreativität bekommen. Lächelnd deutet er mir an, in den Heften zu blättern, in denen seine Gedichte abgedruckt sind. Eine berufliche Perspektive sieht er dennoch in der Literatur für sich nicht. „Ich möchte Jura studieren“, sagt Sebastian, der mit seinen beiden jüngeren Brüdern jetzt an der Gesamtschule Berger Feld fleißig Deutsch büffelt.

Die Geschichte von Michaela (37) und Robin (38) und ihren drei Kindern ähnelt der von Simona und Eugen. „Wir sind hier, um Arbeit zu finden und um unseren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen“, sagt die Mutter. Mioara Boboc und Danail Veselinov, die beiden Awo-Integrationshelfer im Stadtteil Schalke, übersetzen.

Ihre Hoffnung: schnell Arbeit finden

Ankommen in Gelsenkirchen, wie war das? Michaela überlegt, bevor sie sagt: „Ich bin mit anderen Vorstellungen gekommen. Schwierig ist die deutsche Sprache. Ich dachte, wir finden hier schnell Arbeit für uns beide und ein Haus.“ Nach Gelsenkirchen zu ziehen, „das war Schicksal“. Sie lacht. Weniger zum Lachen war die erste Wohnung. „Ganz schlecht“, sei die gewesen. Jetzt sitzt die Roma-Familie in einer neuen, mit eigenen Kräften frisch renovierten und blitzblanken Wohnung. Darauf ist sie sichtbar stolz.

Die deutschen Nachbarn sind in Ordnung, sagt sie. Und an der Schule läuft’s für ihre Jungen auch gut. Freizeit? Sebastian lacht. „Fußball spielen.“ Schalke kennt er auch – und hält den Daumen hoch. Er geht gern spazieren, sagt auf Deutsch: „In Bochum, ist schön in Bochum.“ Seine Mutter ist voll des Lobes für die Awo. „Firma Awo ist großartig. Am Anfang wussten wir die richtigen Wege nicht. Da haben wir Hilfe bekommen.“ Auch die Flyer der Stadt für zugewanderte Neubürger seien hilfreich gewesen. „Wir wollen uns ja an die Regeln halten“, sagt sie, „aber wenn man neu hier ist, kennt man sie nicht.“ Michaelas Mann hat inzwischen einen Minijob, die Familie hat daher aufstockende Leistungen beantragt. Man ist also auf einem guten Weg. Aber auf meine Frage, ob sie noch einmal ihren kleinen Heimatort verlassen und nach Deutschland kommen würde, sagt sie: „Nein.“ Mit einer Einschränkung: „Nur für meine Kinder!“