Kooperation zwischen FC Schalke und viagogo erzürnt die Fans

Mit der Aktion viaNOgo protestieren Fans gegen das Kartenverkaufssystem von viagogo.
Mit der Aktion viaNOgo protestieren Fans gegen das Kartenverkaufssystem von viagogo.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Ticketbörse viagogo erhitzt nach wie vor die Gemüter. Fans bewerten den Vertrag des FC Schalke 04 mit dem britischen Unternehmen als „Legalisierung des Schwarzmarktes“ und fordern eine Auflösung des Vertrages. Vorstandsmitglied Alexander Jobst bemüht sich um Aufklärung.

Gelsenkirchen.. In der Fußball-Bundesliga gibt es unter den Fans aktuell einen der sonst eher seltenen vereinsübergreifenden Solidaritätsgedanken. Gemeinsam machen sie Front gegen die Ticketbörse viagogo. Sieben Vereine in der 1. Liga arbeiten mit dem Unternehmen aus London zusammen, ab dem 1. Juli 2013 wird der FC Schalke 04 ebenfalls Vertragspartner sein.

Die Königsblauen sind an vielen Stellen erkennbar bemüht, die notwendige Konsolidierung ihrer Finanzen (Verbindlichkeiten zum 31. Dezember 2012: 151,69 Mio. Euro) voranzutreiben. Das geht neben dem notwendigen sportlichen Erfolg (gerade auf internationaler Ebene) über marktübliche Mechanismen, wie die Abgabe von Spielern (mögliche Ablöse, auf jeden Fall weniger Gehaltszahlungen). Die Vermögensverhältnisse können zudem durch Mehreinnahmen im Sponsoringbereich positiv beeinflusst werden. Dazu zählt der Vertrag mit viagogo, den Schalkes Vorstandsmitglied Alexander Jobst (Marketing) verteidigt. „Unsere Fans glauben, dass wir das Geschäft auf ihre Kosten abgeschlossen haben. Das aber ist nicht so. Jeder entscheidet selbst, ob er viagogo nutzt oder nicht.“

Gespräche "nicht auf Augenhöhe"

Den Kernvorwurf der Fans formuliert Roman Kolbe, Autor der Fan-Zeitschrift „Schalke unser“, so: „Der Vertrag mit viagogo ist nichts anderes, als die Legalisierung des Schwarzmarktes, und zwar auf Kosten der Fans.“ Frank Zellin (www.vianogo.de) sieht das genauso und fordert neben einer Abkehr vom Vertrag die Beibehaltung der vereinseigenen Ticketbörse, „die gut und problemlos für alle Beteiligten läuft“.

Den Umgang mit den Fans kritisieren Kolbe und Zellin massiv und machen dies u.a. an Punkten fest, die im Vereins-Leitbild verankert sind. Etwa: „Der FC Schalke 04 ist als Kumpel- und Malocher-Club entstanden. Daher ermöglicht unser Verein im Rahmen seiner wirtschaftlichen Verhältnisse seinen Anhängern aus allen gesellschaftlichen Schichten die Teilnahme am Vereinsleben und den Besuch der Spiele.“ – Oder wie es auf der „Aktivisten-Seite“ zu lesen steht: „Der Kumpel zockt den Malocher nicht ab.“ Zellin beklagt auch: „Mit uns wird nicht auf Augenhöhe gesprochen.“

Der Schalker Vorstand will die Wogen glätten und den Fans das viagogo-Modell erläutern. Für den heutigen Samstag sind die Bezirksleiter und die Vertreter der 23 Schalker Fan-Bezirke zum Gespräch eingeladen worden.

Alexander Jobst, Vorstandsmitglied des FC Schalke 04: „Es gibt feste Regeln in dieser Partnerschaft“

Herr Jobst, das Thema Ticketbörse viagogo sorgt unter den Fans des FC Schalke 04 für große Unruhe. Sie selbst bedauern, nie die Chance zur sachlichen Erläuterung bekommen zu haben. Hier ist die Gelegenheit. Erläutern Sie der WAZ und damit den Fans doch einmal das Modell.

Alexander Jobst: Der FC Schalke 04 hat einen Vertrag mit viagogo abgeschlossen, dessen Laufzeit am 1. Juli 2013 beginnt und drei Jahre beträgt. Wir erhalten pro Jahr 1,2 Millionen Euro für ein Sponsoringpaket. Zusätzlich erwirbt viagogo von uns für zehn Spiele, jeweils 300 Karten. Wir bestimmen die Spiele. Und es werden sicher nicht die Top-Spiele sein.


Die Fans sagen, dass die Preise, die dort verlangt werden dürfen, Wucher seien.

Es gibt feste Regeln in dieser Partnerschaft, auf deren Einhaltung wir sehr genau achten werden, andernfalls werden wir viagogo abmahnen. Richtig ist, dass der maximale Aufschlag auf den Kartenpreis hundert Prozent betragen darf.

Die beispielhafte Rechnung lautet, dass ein Stehplatz-Ticket für die Nordkurve, das sonst 15,50 Euro kostet, in der Börse mit Gebühren und Versand dann insgesamt 46,48 Euro kosten könnte.

Jobst: Das hat dann aber nichts mit unserem Vertrag zu tun. Das geht nur, wenn tatsächlich der Kumpel, der seine Karte dort verkauft, den Malocher, der sie haben will, abzockt. In Verbindung mit unseren Kartenkontingenten ist das nicht möglich.

Wieso nicht?

Jobst: Weil wir nur Tickets der Preiskategorien 1 und 2 abgeben (52 bzw. 41,50 Euro, Anm. d. Red.), alle anderen Karten gehören nicht zu unserem Abkommen mit viagogo. Und dazu ausdrücklich: Wir haben ein eigenes Vertragspaket für den FC Schalke 04 geschnürt, der Inhalt ist mit keinem anderen Bundesligisten vergleichbar. Allerdings gebe ich zu, dass die Gebühren, die anfallen, tatsächlich nicht niedrig sind.

Fans fürchten auch, dass viagogo über weitere Zukäufe das Kontingent für die Heimspiele ausbauen könnte.

Jobst: Das ist ausgeschlossen, denn das sieht unser Abkommen nicht vor. Neben den 300 Karten für zehn Spiele, die viagogo von Schalke kauft, ist alles andere, was auf der Plattform stattfindet, freiwillig. Jeder kann seine Karte auch so an seinen Freund weitergeben, etwa verschenken oder zum Selbstkostenpreis verkaufen. Und auf viagogo bestimmt der Schalke-Fan den Preis. Er muss ja keinen Aufschlag von hundert Prozent verlangen. Was wir aber nicht wollen, ist ein unkontrollierbarer Ticket-Schwarzmarkt...

... genau das führen die Fans ins Feld. Der Deal mit viagogo sei die Legalisierung des Schwarzmarktes.

Jobst: Nein. Das ist nicht der Fall. Genau so bekommen wir Kontrolle und können den Schwarzmarkt bekämpfen. Ab 1. Juli ist es nur gestattet, auf viagogo Karten für Schalker Heimspiele weiterzugeben. Wir werden alles andere ab dem Sommer intensiv beobachten und Verstöße aktiv bekämpfen. Dazu verstärken wir unser Personal innerhalb des Mitarbeiterstabs, das ist schlichtweg notwendig. Andernfalls kann ein Verein heute im Zeitalter des Internet-Ticketing nicht mehr erfolgreich gegen den Ticket-Schwarzmarkthandel vorgehen.

Dass es Fans gibt, die gegen die Plattform Position beziehen, wissen Sie. Sie haben die Aktivisten, die Unterschriften sammeln, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung zum Thema einzuberufen, unlängst vom Gelände verwiesen und mit einem Tages-Stadionverbot belegt.

Jobst: Ja. Wir mussten an dieser Stelle unseren Vertragspartner schützen und können keine Aktion unterstützen, die sich gegen einen künftigen Sponsor richtet, zumal wir die Aktivisten bereits im Vorfeld darüber informiert haben.

Zu hören ist, dass die erforderlichen 8500 Stimmen für eine außerordentliche Versammlung noch nicht zusammengekommen sein sollen. Die Rede ist von etwa 6000 Unterschriften bisher. Das Thema wird Sie aber sicherlich auf der ordentlichen Mitgliederversammlung, die am 29. Juni stattfinden soll, beschäftigen. Zumindest dort wollen die Fans ein eindeutiges Votum zu diesem Geschäft abgeben.

Jobst: Eine Zahl höre ich jetzt zum ersten Mal. Dass das Thema auf der JHV besprochen wird, ist klar. Und ich freue mich darauf, mehreren tausend Mitgliedern unsere Sicht der Dinge zu erzählen und ihre zu erfahren. Wir haben einen operativen Vorstandsbeschluss, der einstimmig vom Aufsichtsrat genehmigt worden ist.