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Komm Papa, wir fliegen raus!

25.12.2008 | 16:23 Uhr

Einmal im Monat treffen Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt (JVA) ihre Kinder. Wenn die knallharten Machos mit ihren Dreikäsehochs basteln, werden sie ganz weich. Eine Geschichte über Vaterliebe und das Warten auf Freiheit

Seltene Momente: Lisa hält ihren Papa ganz fest. Wie riechst du, wie fühlst du dich an? Ich möchte nicht mehr getrennt sein! Fotos: WAZ, Martin Möller

In dieser Geschichte möchte niemand erkannt werden, darum heißt keiner, wie er richtig heißt. Aber sonst ist alles ganz echt: Dass der Vater eigentlich im Gefängnis sitzt, und seine beiden Kinder mit Mama eigentlich zu Hause. Dass das heute aber anders ist: Dass Kekse und Kerzen auf dem Tisch stehen und die Türen offen im Knast und Dreikäsehochs im Flur an den Händen von Frauen mit Erwartung im Blick. Dass keiner von Vollzug redet, sondern alle von Vater-Kind-Tag.

"Ich habe mich so auf den Papa gefreut. Der Papa ist für mich der Größte, ich weiß, er hat Mist gebaut, Mama hat mir das gesagt. Abends vor dem Einschlafen warte ich immer auf den Papa. Manchmal mache ich die Augen zu und sage "Komm Papa, wir fliegen!" Dann fliegen wir raus aus dem Gefängnis." (Lisa, 7) Es ist ein regnerischer Tag, so grau, dass man die Taschenlampensprache hört. Taschenlampensprache ist ein Wort, das hat sich Julien ausgedacht, als er seinen Papa das erste Mal hinter den Gefängnismauern besucht hat. Dass man hier in der Justizvollzugsanstalt keine Telefone besitzen darf, kein Internet, sich dafür mit Leuchtzeichen durch die Gitterstäbe verständigt - für einen Zehnjährigen schwer zu verstehen.

"Ich liebe meine Kinder. Ich habe noch sechs Monate abzusitzen, ich denke sehr oft an Zuhause. Hier klar zu kommen, die viele Zeit hinter sich zu bringen und zu wissen, die Frau sitzt mit den Kindern zuhause allein - das ist manchmal schrecklich, schwer auszuhalten im Kopf. Auch für die Kinder ist es schlimm. Ich habe mir vorher nicht überlegt, was ich ihnen damit eigentlich antue." (Markus, Häftling) Obwohl die Organisatoren von der JVA alles getan haben, um diesen Nachmittag so normal wie möglich zu gestalten: Der Tisch im Gemeinschaftsraum ist mit bunten Servietten und Kuchentabletts gedeckt, für die Kinder gibt es Spielzeug, Bastelutensilien: Im Gefängnis ist nichts normal. Die Häftlinge werden nicht aus den Augen gelassen, jede Tür, die aufgeschlossen wird, wird sofort wieder zugeschlossen, vor den Fenstern hängen Gitter.

"Ja, für mich ist es schwer. Den Tagesablauf, den ganz normalen Kram, den kriegen wir zuhause hin. Aber den Papa kann niemand ersetzen. Den Tag, bevor Besuchstag ist, sind die Kinder immer ganz aufgeregt. Schlimm ist, wenn der Nachmittag zuende ist. Da wird viel geweint."

(Sabine, Frau eines Häftlings) Jetzt wird gebastelt: Laternen aus Luftballons und Krepppapier. Lisa reicht ihrem Papa die Klebe.

Lisa: "Welche Farbe soll unser Ballon haben, Papa?"

Papa: "Rosa?"

Lisa: "Rosa ist eine Farbe für Babys. Lieber rot."

Papa: "Na meinetwegen."

Lisa: "Aber du musst sagen, welche Farbe es sein soll, die Laterne ist doch für dich!"

Papa: "Nein Lisa, wir dürfen hier keine Laternen haben, die Laterne musst du mit nach Hause nehmen."

Lisa: "Und wenn ich sie anzünde, denke ich an dich!"

Der Nachmittag ist um. Türen fallen zu, Schlüssel knarren im Schloss. Aus dem Grau im Hof ist Nacht geworden. Was bleibt an Weihnachten? Das Licht der Laterne auf Lisas Nachttisch; Und Papa die Taschenlampensprache.

Von Tina Bucek

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Kommentare
27.12.2008
00:00
Komm Papa, wir fliegen raus!
von matischak | #1

Schön.

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