Kolleg wehrt sich
29.04.2009 | 18:44 Uhr 2009-04-29T18:44:00+0200
Hätte das Berufskolleg besser auf den psychisch kranken Schüler reagieren müssen, der wegen Morddrohungen in Essen vor Gericht stand? Die Schule wehrt sich gegen Kritik.
Hans-Georg Kuhlmann ist der Letzte, der nicht begrüßt, dass seinem 22-jährigen kranken Ex-Schüler, der wegen Morddrohungen und Amok-Lauf-Ankündigungen in Essen wie berichtet vor Gericht stand, geholfen wird und er nicht in die geschlossene Psychiatrie muss. Dass allerdings seine Schule, das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung, an den Pranger gestellt wird, traf ihn schwer.
Gutachterin wie Verteidigerin hatten der Schule an der Augustastraße am Urteilstag am Dienstag vorgeworfen, nicht rechtzeitig und aufmerksam auf die Drohungen und das Mobbing des 22-Jährigen reagiert zu haben. „Ihr sollt alle brennen, ich schlachte euch ab”, hatte der Schüler gedroht. „Diese Vorwürfe haben uns sehr betroffen gemacht”, so der Schulleiter, der seit den Geschehnissen im Herbst 2008 zahllose schlaflose Nächte hatte.
„Das sind Situation, die fürchtet jede Schule”, sagt Kuhlmann, seit 1997 Leiter des Berufskollegs. Gerade mal wenige Wochen war der 22-Jährige im August frisch in der Klasse der Unterstufe der höheren Handelsschule. „Wir wussten nichts von seinen schweren psychischen Erkrankungen, konnten sie auch nicht ahnen”, betont Kuhlmann, der den jungen Mann selbst auch unterrichtete. „Anders” war der hagere Schüler, „aufgefallen” sei er. Wie manch anderer Schüler immer mal wieder. Der Klassenlehrer, unterstreicht Kuhlmann, habe dennoch schnell reagiert, habe mit dem jungen Mann gesprochen. „Aber wie soll man das Krankheitsbild einer paranoiden Schizophrenie erkennen?”, fragt Kuhlmann. Und bei einem Volljährigen, betont der Schulleiter, hätte eine Schule ohnehin keine Chance.
„Wir können auch nicht wissen, was alles auf dem Schulhof passiert”, hatte die Schule keine Kenntnis, dass der 22-Jährige zugleich derb gehänselt wurde. Und weiter: Jahre vorher war der junge Mann während einer Ausbildung auf der Schule. „Da war er ganz normal”, erinnert sich Kuhlmann. Als im September auf einem Schulpflegschaftsabend die Morddrohungen des Schülers gegen Mitschüler und Lehrer bekannt wurden, hatte die Schule nach Kuhlmanns Worten sofort regiert und am nächsten Morgen Polizei und Behörden informiert, kam der Schüler in die Psychiatrie. „Die Zusammenarbeit klappte gut”, so Kuhlmann.
Auch wenn das Thema Amok und Mobbing ein schwieriges, ein Angst besetztes ist, ist es am Berufskolleg kein Tabuthema, unterstreicht Kuhlmann. Die Schule beteiligt sich an dem Amokplan-System in Gelsenkirchen und sensibilisiert sich – Schüler wie Lehrer – für die Prävention. „Wir arbeiten hier grundsätzlich deeskalierend und präventiv”, so der Schulleiter. Lehrer beteiligten sich an angebotenen Fortbildungen und die Schüler würden bei den Schuleingangstagen mit dem Thema Gewalt, Mobbing und gewaltfreie Schulkultur konfrontiert. Auch werde der aktuelle Fall in den Klassen besprochen.
0mitdiskutieren