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Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita

10.10.2009 | 09:59 Uhr

Gelsenkirchen. Jugendliche Sexualstraftäter werden nicht länger auf einem Kita-Gelände betreut. Am Tag nach der WAZ-Berichterstattung demonstrieren die Verantwortlichen Einigkeit: Angeblich gibt es keine Informationslücke und mit der Nachbarschaft "kein Problem".

Alfons Wissmann, Leiter des Jugendamtes der Stadt Gelsenkirchen, weist die Kritik zurück. Fotos: Dirk Bauer

Am Tag danach ist alles anders: Nach dem Bericht der WAZ über ein Therapieprojekt für jugendliche Sexualstraftäter auf dem Gelände einer Gelsenkirchener Kindertagesstätte wussten auf einmal doch alle Bescheid, die sich am Donnerstag noch erstaunt gezeigt hatten. Und sehen in der räumlichen Nähe keinen Anlass zur Besorgnis. „Es gibt kein faktisches Problem”, erklärte Alfons Wissmann, Leiter des Jugendamts, am Freitag. Trotzdem werden die betroffenen Jugendlichen umziehen müssen: „Wir werden das Angebot nicht mehr in diesem Gebäude machen.”

Gegen das Stigma, ein Sextäter zu sein

Allerdings keinesfalls, weil man eine Gefahr für die Kinder sieht oder etwas „im Verborgenen getan hätte”: Grund, so Wissmann, sei einzig, dass nach der Berichterstattung jeder Jugendliche, der das Haus besuche, „das Stigma erfährt, womöglich ein Sexualstraftäter zu sein”. Die WAZ hatte berichtet, dass auf dem Gelände einer Kindertageseinrichtung auch eine ebenfalls städtische Erziehungsberatungsstelle ansässig ist. Die unter vielen Angeboten für Familien seit 15 Jahren auch sehr erfolgreich Jugendliche therapiert, die durch sexuellen Missbrauch von Kindern auffällig geworden sind. Eine Standortentscheidung, die er heute anders treffen würde, hatte Wissmann eingestanden, und: Man hätte darüber mit den Erzieherinnen offener sprechen müssen.

Wusste doch Bescheid: Barbara Büchler, Leiterin der Kita.

Deren ehemalige und die aktuelle Chefin hatten zunächst gesagt, die genauen Umstände des Projekts nicht gekannt zu haben. Auch sei es nie detailliert mit den Eltern besprochen worden. Gestern erklärten sie übereinstimmend: „Ich wusste um das Projekt.” Die Zusammenarbeit unter Nachbarn lobte die jetzige Leiterin der Kita, Barbara Büchler, als „super-gut”. Auch eine Elternvertreterin erklärte, es sei klar gewesen, „dass in einer Beratungsstelle Therapieangebote stattfinden”. Sie kenne „die Ängste nicht”.

Wolfgang Schreck, Leiter der Beratungsstelle, bestätigte, man leiste „Pionierarbeit”, über die er bei regelmäßigen Besuchen in der Kita auch berichtet habe. Schwerpunkt seiner Arbeit sind Erziehungsfragen, die Themen Partnerschaft oder Gewalt. Von 1208 Fällen bezogen sich 2008 nur 24 auf jugendliche Sexualstraftäter.

Tatsächlich hat es auch Presseberichte gegeben über das Therapieprojekt und öffentliche Sitzungen im Stadtrat. Dennoch gibt es auch diese Szenen am Freitag: Frauen, Mitarbeiterinnen oder Mütter, die an der Tür zur Beratungsstelle vorbeigehen und leise reden. „Und hier sind die immer reingekommen?” – „Mach mir keine Angst.”

Sicherer Ort für Kinder

Dabei will Angst niemals jemand gehabt haben; „Angst wird jetzt erst geschürt”, sagt Kita-Chefin Büchler. Vollkommen unnötig, meint Wolfgang Schreck: „Es gibt keinen sichereren Ort für Kinder, als sich auf diesem Gelände aufzuhalten”, betreut von geschulten Erzieherinnen. Es sei „schlechterdings unmöglich”, dass ein Kind hier durch Übergriffe Schaden erleide.

Annika Fischer und Tina Bucek

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Kommentare
29.03.2010
23:33
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von Adekon | #45

Der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats hat in seiner Sitzung am 4. März 2010 einstimmig festgestellt hat, dass der WAZ-Artikel über die Beratungsstelle Gelsenkirchen presseethisch gegen publizistische Grundsätze verstößt. Er spricht der WAZ eine Missbilligung aus.,

17.10.2009
17:46
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von Adekon | #44

Seit 15 Jahren gibt es die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die sexuell übergriffig sind.
Die Arbeit ist erfolgreich. Nur 2 % Rückfälle. Und jetzt: durch unseriöse Berichterstattung ist die Arbeit gefährdet. Ein Skandal, der keiner ist, schreibt der Stadtspiegel. Und alle haben es es gewußt, alle Jugendpolitiker! Auch Herr Heinberg, der jetzt so tut als wisse er nichts. Welch eine Heuchelei! Im JHA ist zahlreich über die erfolgreiche Arbeit berichtet worden.
Alle Jugendlichen bewegen sich frei in der Stadt. Gehen mit anderen in eine Klasse. Rückfälle wurden durch erfolgreiche therapeutische Arbeit verhindert. Die WAZ hat einen Schaden angerichtet, der nicht wieder gut zu machen ist.

15.10.2009
18:57
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von Senta | #43

Aus der Presseerklärung der Stadt GE:
GE. Der Sprecher der CDU im Jugendhilfeausschuss, Klaus Herzmanatus, teilte gestern der Verwaltung mit, dass die CDU-Fraktion entschieden habe, den Antrag auf eine Sondersitzung des Jugendhilfeausschusses zur Situation der Erziehungsberatungsstelle und der Kita Schweizer Dorf zurückzuziehen.
Jugenddezernent Dr. Manfred Beck: „Ich bin froh über diese Entscheidung der CDU-Fraktion, weil eine Sondersitzung eine fehlerhafte und skandalisierende Presseberichterstattung überbewertet hätte“. Es gelte nunmehr, den durch diese sogenannte „Berichterstattung“ angerichteten Schaden zu begrenzen. Das Problem liege nicht in der landesweit anerkannten guten Arbeit des Gelsenkirchener Jugendamtes, sondern in den Auswüchsen eines Tatsachen negierenden Skandaljournalismus.
Die Verwaltung wird nunmehr in der ersten Sitzung des neu konstituierten Jugendhilfeausschusses ausführlich zur Situation der Erziehungsberatungsstelle und der Kita Schweizer Dorf berichten.

15.10.2009
07:49
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von mm0307 | #42

Mal nebenbei gesagt: Der Stadtspiegel sollte - als reines Werbeblättchen - nicht zu Vergleichszwecken herangezogen werden. Maßgabe dort ist, JEDEN (!) redaktionellen Teil rauszuwerfen, wenn jemand an der Stelle Werbung schalten möchte.

Ansonsten denke ich ist in dieser Diskussion alles gesagt.

Ein gutes Programm, das helfen würde, Prävention genau DA zu betreiben, wo sie wirkt, wurde mit Hilfe dieser Berichterstattung, die nur auf primitive Skandalisierung zielt, fürs erste abgewürgt.

Großartig, WAZ, Großartig, Frau Bucek! :-(

14.10.2009
16:35
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von gefreund | #41

Ich empfehle, den aktuellen Stadtspiegel GE zu lesen (vom 14.10). Über einen Skandal, der keiner ist.
Dann wird die unseriöse WAZ Berichterstattung deutlich.

12.10.2009
17:39
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von halloge | #40

Der Leiter der Erziehungsberatungsstelle, Herr Schreck, kommt jedes Jahr in jede einzelne Kindergartengruppen des Schweizer Dorfes. Alle Eltern hätten hier die Gelegenheit gehabt, sich über die einzelnen Projekte zu informieren und nachzufragen. Ich wusste nicht, welche Art von Therapie dort angeboten wurde, ABER ich wusste, dass dort mit Kindern- und Jugendlichen gearbeitet wird, die Opfer und Täter von sexuellem Missbrauch sind. Wo, wenn nicht in dieser Beratungsstelle hätten denn diese Kinder- und Jugendliche therapiert werden sollen?
Es handelt sich hier um Kinder- und Jugendliche, die nicht weggesperrt werden, sondern die am normalen Leben teilhaben. Sie gehen zur Schule, in den Sportverein usw.
Fachleute vom Jugendamt, Staatsanwaltschaft und Beratungsstelle entscheiden, welche Kinder- und Jugendliche an dieser Therapie teilnehmen dürfen.
Diese Kinder- und Jugendliche hätten unseren Kindern überall begegnen können. Sie gehen zur Schule, in den Sportverein, auf den Spielplatz oder anderswo hin. Des weiteren sind doch viele dieser Täter vorher selbst Opfer gewesen. Diese Therapie ermöglicht Ihnen (mit nur 2% Rückfallquote), ein Leben ohne Gewalt - oder wollen Sie anfangen 6 jährige Kinder sofort wegzuschließen??
Ich hatte und habe keinerlei Angst um meine Kinder, die das Schweizer Dorf besuchen und besucht haben.
Viel bedauerlicher finde ich es, dass durch diese reißerische Berichterstattung, (man muss nur mal hinsehen, in welchem Umfeld die WAZ diese Artikel im überregionalen Teil positioniert hat), die Arbeit der Beratungsstätte ins schlechte Licht gerückt wird und Kinder- und Jugendliche, die Beratung suchen und benötigen, sich jetzt nicht mehr trauen, diese aufzusuchen.

12.10.2009
16:27
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von hippo351 | #39

Aus Sicht eines (Teil-) Betroffenen: Unser Kind ist im Schweizer Dorf in einer Kita- Gruppe.
Eine Therapie von jugendlichen Straftätern, die sich evtl.an Kindern vergangen haben, finde ich an diesem Ort (!) völlig daneben - unabhängig von der Tatsache, ob und wie etwas passieren würde, würde doch von jedem (auch von mir) im Nachhinein (nach einem Vorfall) die Frage gestellt, ob man so etwas nicht verhindern konnte - verbunden mit dem Wunsch nach persönlichen Konsequenzen der Verantwortlichen.
Auch ich fühle mich jetzt unsicher, wenn ich mein Kind nachmittags abhole und nicht weiß, wer mit mir den Eingang und das Gelände nutzt - allein aus diesem Grund erscheint mir ein Fortbestand des Status quo nicht akzeptabel.
Womit ich (neben der ziemlich plakativen Berichterstattung) allerdings ein Problem habe, sind die dargestellten Aussagen der Kita- Leitung, die gemäß der Darstellung im ersten Artikel nicht informiert sein wollten und im obigen Artikel einräumen mussten, natürlich (bei einer gemeinsamen Nutzung des Geländes hätte ich das auch erwartet) zugeben mussten, vollständig informiert gewesen zu sein. Dies stellt sich gegenüber den Eltern als äußerst unglücklich dar.
Den Kita- Angestellten wurde übrigens gegenüber den Eltern ein Redeverbot erteilt, Anfragen und Diskussionen sollten über den Elternrat mit der Kita- Leitung geführt werden (ist wahrscheinlich auch sinnvoll gewesen, um die erste Empörung zu bremsen ;-)). Es wird sich wahrscheinlich durch die Aufgabe des Therapieangebotes erledigen, aber eine wahrhaftige breitere Information und Diskussion, bei der offensiv dargestellt würde, dass man davon wusste und es mitträgt, hätte mir mehr imponiert. Dann wäre es immer noch meine Entscheidung, mein Kind dort zu belassen (nebenbei: das gesamte Kita- Personal macht einen wunderbaren Job und ich würde mein Kind dort auch beim Fortbestand der Therapie nicht abmelden, weil ich vom Konzept und den Personen in den Gruppen überzeugt und begeistert bin) oder eine Konsequenz aus dem evtl. vorhandenen Unbehagen zu ziehen.

12.10.2009
14:49
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von mm0307 | #38

Opferprogramme sind sehr nützlich - Programme zur Rehabilitation der jugendlichen Täter aber auch, gerade damit aus ihnen keine erwachsenen Täter mehr werden.
Die sexuellen Auffälligkeiten, wegen der dort therapiert wird, sind nicht mit Vergewaltigungen gleichzusetzen. Auch Kinder, die sich vermehrt Pornos im Netz angucken werden dort behandelt.

Diese wertvolle Arbeit wird jetzt aufgrund der schlimmen und schlichtweg falschen Berichterstattung der WAZ erschwert und teils sicher unmöglich gemacht.

Wie sollen denn unter solchen Bedingungen zukünftig potentielle Opfer geschützt werden?

Das ist echt sehr schwach.

12.10.2009
12:57
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von einGEmischt | #37

Ein jeder Mensch mit einem Kind macht sich Gedanken, wie wird es meinem Kind ergehen - hoffentlich wird es niemals Opfer.
Beide Seiten haben hier Recht. Täter sollen dies nicht mehr tun - Wegschließen hilft nicht, sonst wären hier bald amerikanische Verhältnisse an der Tagesordnung. Daher ist eine Therapie gerade für jugendliche mehr als sinnvoll.
Doch auch Eltern haben ein Recht auf Information. Immerhin hat man den Eltern eine persönliche Freiheit genommen - nämlich die der freien Entscheidung auf Grund aller Informationen.

Fast alle Berichte zum Thema Kindesmißbrauch zeigen doch ganz deutlich, das es sich auch häufig um tickende Zeitbomben handelte.
Wer außer der Presse sollte sich damit beschäftigen - wenn die Politik eine solche Fehlentscheidung trifft.

Wichtig ist nun bei der Berichterstattung und den Bürger und Bürgerinnen nicht durchzudrehen und alle Täter über einen kamm zu scheren und erst recht nicht zu verhindern, das die Einrichtung keinen Platz mehr in unserer Stadt findet - denn wer weiß nicht ob vielleicht auch das eigene Kind einmal Hilfe braucht.
Uns kann das nicht passieren haben vermutlich auch die Eltern der Täter wie auch der Opfer gedacht.

11.10.2009
14:50
Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita
von ftp | #36

wer in diesen einrichtungen arbeitet? sozialarbeiter, heilpädagogen und erzieher, die das gleiche gehalt bekommen wie müllmänner und die zumindest ein paar seelen retten können bevor die amok laufen. aber um das zu verstehen und wertschätzen zu können, ach...

perlen vor die säue

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