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Schmerztherapie

Kein Ekel vor dem Egel

10.08.2010 | 12:00 Uhr
Kein Ekel vor dem Egel
Die speziell gezüchteten Egel sollen durch ihren im Speichel befindlichen Wirkstoff Hirudin schmerzlindernd wirken. Nach einer Saugzeit von 45 Minuten bis zu zwei Stunden sind sie „satt“ und fallen ab. Foto: Martin Möller

Gelsenkirchen. Sie lassen ihr Leben, damit es den Menschen nach ihrem Einsatz besser geht - trotzdem ernten sie kaum Dank, wenn, dann erst nach ihrem Tod und zuvor meist werden sie mit einem „Iihgitt!“ begrüßt.

Die Rede ist von Blutegeln, deren heilsamen Hunger die Großeltern noch gut kannten und gegen allerlei Beschwerden nutzten.

Nur: Damals warf man die Tiere wieder zurück in die Weiher, aus denen man sie gefischt hatte - heute müssen sie nach ihrem Einsatz am Menschen getötet werden. Sie müssen wie Einmalspritzen „behandelt“ werden. Gezüchtet werden sie in speziellen Blutegelfarmen.

Im regelmäßigen Einsatz sind die nicht gerade possierlichen aber fleißigen Ringelwürmer in Gelsenkirchen in der Orthopädischen Gemeinschaftspraxis Adler/Kuhn und - nachdem der erste Ekel überwunden ist - ernten sie Begeisterung bei den Patienten.

Eine Mahlzeit reicht für zwei Jahre

Blutegel werden seit 2004 vom Gesetzgeber als Fertigarzneimittel eingestuft. Die Biebertaler Egelzucht, die größte im Lande, beherbergt zwischen 800 000 und zwei Millionen Egel in rund 40 Teichen. Es kommen auch importierte Wildfänge meist aus dem Balkan und der Türkei, die bleiben acht Monate in Quarantäne. Es dauert 20 Monate bis ein aus dem Kokon geschlüpfter Egel überhaupt einsatzbereit ist. Er wächst nur, wenn er gefüttert wird. Mit einer Mahlzeit kann er bis zu zwei Jahren überleben.Einsatzbereiche für Blutegel sind in der Schmerztherapie, bei Entzündungen, Durchblutungsstörungen und bei Gewebetransplantationen. Krampfadern und Hexenschuss sind weitere Einsatzbereiche.

So auch bei Monika Bulitta, die seit vielen Jahren unter Arthrose in den Knien leidet. In der Praxis wurde zunächst ein Knie mit Akupunktur behandelt, was ihr gut tat, wie sie gegenüber der WAZ betonte. Aber da die Kasse eine zweite Akupunktur nicht bezahlte, schlug ihr Mediziner Dr. Kuhn vor, eine Blutegelbehandlung auszuprobieren. Eine Therapie, wie Dr. Kuhn erklärte, ein Schattendasein führte, nachdem Schmerzmittel und Antibiotika in der Schulmedizin Einzug hielten.

„Ich brauchte ein Wochenende um mich zu entscheiden. Ausschlaggebend war einfach, dass ich wegen der Schmerzen viel zu viele Tabletten hätte nehmen müssen - und dass mein ganzes Leben lang. Das wollte ich nicht.“

Sie habe sich überwunden, aber zunächst beim Aufsetzen der vier Egel auf das Knie nicht hinschauen können - auch später habe sie nur an die Decke gestarrt, bis eine Helferin sagte, sie solle sich das einmal anschauen, das wäre nicht so schlimm.

„Da nahm ich all meinen Mut zusammen und guckte mir mein Knie an.“ Da seien die vier Egel schon voll am Werk gewesen. „Erstaunlich, dass die sich genau mein Schmerzzentrum hinten in der Kniekehle selbstständig ausgesucht haben.“ Was die Egel dazu treibt, weiß auch Dr. Kuhn nicht. Der Biss der kleinen Vampire, „wenn sie andocken“, sei wie ein Insektenstich - kein Problem, nicht schmerzhaft. Sind die Egel vollgesogen und satt, fallen sie ab. Das kann bis zu zwei Stunden dauern. „Die Stelle hat dann aber gut einen Tag lang heftig geblutet, was aber auch sein sollte.“

Seither hat Monika Bulitta keinerlei Beschwerden mehr in diesem Knie. Drei Monate ist das her. „Hätte ich nie geglaubt. Unvorstellbar. Keine Tabletten mehr!“

Sie schwört auf diese Behandlung, die ohne Nebenwirkung ist. Was genau die Schmerzlinderung bewirkt, weiß man nicht, es kann der im Speichel der Egel befindliche Wirkstoff Hirudin sein. Aber es funktioniert, wie Monika Bulitta am eigenen Leib erfahren hat. Derzeit ist eine Handvoll neuer Patienten „in Behandlung“ bei Dr. Kuhn und seinen hessischen Egeln. Und denen dürfte es heute auch schon deutlich besser gehen.

Christa Koch

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2010-08-10 12:00
Gelsenkirchen