Jazz in fremden geheimnisvollen Gewand

Rafaelle Rinaudo spielt die E-Harfe.
Rafaelle Rinaudo spielt die E-Harfe.
Foto: publicjazz
Was wir bereits wissen
Das französische Duo „Five 38“ erstaunt mit ungewöhnlichen Klangkompositionen. Konzert im Maschinenraum im Nordsternpark.

Gelsenkirchen.. Viele der knapp hundert Besucher des FineArtJazz-Konzertes am Freitag gönnen sich erst einmal den imposanten Panoramablick von der Terrasse des 18. Stocks – der Nordsternturm schenkt einen strahlenden Sonnenuntergang über der Ruhrgebietskulisse. Mit Lounge-Musik im Ohr und dem Glas Wein in der Hand geht es in den Maschinenraum, das Duo „Five 38“ lädt zu einer ausgefallen Performance.

Liebe gilt Beethoven und Rachmaninov

Die 31-jährige Rafaelle Rinaudo aus Paris und die 33-jährige Fanny Lasfargues aus Marseille spielen erst seit zwei Jahren zusammen. Kennengelernt haben sie sich im Künstlerkooperative „COAX“ der französischen Hauptstadt. Beide kommen aus der klassischen Musik, „wir lieben Beethoven, Rachmaninov“, aber gemeinsam beschreiten sie experimentelles Neuland.

Ein schüchternes „Guten Abend“ und dann geht die Reise in die Welt der mysteriösen Klänge los. Lasfargues mit ihrem elektroakustischem Bass und Rinaudo mit der E-Harfe sind zu zweit, doch durch das technische Hilfsmittel unendlicher Loops scheinen sie viele. Ganz vorsichtig formt sich ein metallischer Klangteppich erzeugt vom Geigenbogen auf den Harfensaiten. Durch die Verdoppelung und Verdreifachung schwellen die Töne ins Unermessliche.

Komplettes Spektrum der Musik ausschöpfen

Der Bass liefert kaum Melodie, sondern einzeln in den Raum geworfene Töne, hin und wieder verzerrt, dann klar und spitz mit Fingerplektren gezupft durchdringen sie die Ohren. Etwas weh tut eben diesen das krächzende Traktieren der Harfe mit einer Plastikkarte – Lasfargues und Rinaudo wollen nicht nur das ästhetisch Schöne, sondern das komplette Spektrum der Musik ausschöpfen.

„Seillemar“ heißt das zweite Stück, ein Anagramm der Geburtsstadt von Lasfargues – ein ostinato von Wellen, wie sie unendlich an das Ufer plätschern, füllt die Maschinenhalle - Meditation pur. Einige Zuhörer genießen mit geschlossenen Augen, andere verfolgen eher neugierig die vielen Handgriffe der Musikerinnen zum Entstehen der Klänge.

Das schnarrende Geräusch einer Bürste über den Saitensteg gezogen und auf den hohlen Holzkörper des Basses geschlagen, steht rhythmusgebend im Mittelpunkt der eher schnellen Stücke. Hier wird es jazzig im klassischen Sinne, auch wenn der Sound fremd und geheimnisvoll bleibt.

Nicht alle Zuhörer sind nach der Pause noch dabei, einigen ist es zu unzugänglich. Verpasst haben sie die Komponente des Gesangs, den Lasfargues und Rinaudo im zweiten Teil in ihre Klang-Konstrukte einbauen.

Loops von rasselnden Nusssäcken

Loops von rasselnden Nusssäcken, Handventilatoren und Streifen alter Tonbänder legen sich aufeinander, jeder Gegenstand bringt die Saiten auf seine Weise zu klingen. Zart hauchen die Mädchenstimmen Vokale oder Wortfetzen hinein. „With You“ lässt sich an Ende vernehmen – die anwesenden Gäste sind mit großem Applaus auf jeden Fall dabei.