Jan Lisiecki begeistert Zuhörer

Der Pianist des Abends betritt am Dienstag die große Bühne des MiR, das Klavier-Festival Ruhr 2015 macht Station in Gelsenkirchen. Wie zerbrechlich und fragil wirkt Jan Lisiecki, der erst 20-jährige Kanadier mit polnischen Wurzeln, ein großer Junge mit blonden Locken. Vor sechs Wochen hat Lisiecki zugesagt, für den verhinderten chinesischen Künstler Yundi einzuspringen – der Chopin-Abend musste nicht entfallen. Lisiecki, eine „Aushilfe“, ein „Nachwuchspianist“ – nein, ein Glücksgriff.

Fast ausverkauftes Haus

Das hören die Gäste im fast ausverkauften Großen Haus schon nach den ersten Klängen des „Grande Valse brillante“. Die Unbeschwertheit der Jugend, die sich im Korsett des Dreivierteltaktes verbirgt, springt wie ein bezaubernder Funken über. Ebenfalls die vagen Andeutungen von ausdrucksstarker Tiefe. Diese offenbart sich vollends im Zyklus „24 Préludes“ op. 28.

Die oftmals als „Gipfelwerk Chopins Schaffenskraft“ bezeichnete Sammlung zeigt, warum der Kanadier weltweit den Ruf hat, einer der vielversprechendsten Chopin-Interpreten der jungen Generation zu sein. Hoch konzentriert und mit unglaublicher Technik präsentiert er die unterschiedlichen Temperamente der Sätze. Immer weiß Lisiecki zum rechten Zeitpunkt den sanften Anschlag in einen kraftvollen zu wandeln. Jetzt spielt er wie von Sinnen, als gelte es einem Verderben zu entrinnen, dann wieder schaut er gedankenverloren den leisen Tönen hinterher, wie sie den Klangkörper des Steinweg-Flügels verlassen.

Von immenser Traurigkeit und Melancholie erzählen die diversen „largo“, aufbrausend und stürmisch ist das Andantino in A-Dur, spielerisch sanft das „Cantabile“. Wie herrlich passend die italienische Sprache zur Beschreibung der Sätze. Jan Lisieckis Nr. 22 „molto agitato“ ist fürwahr innerlich angespannt und erregt den Zuhörer bis in die Haarspitzen.

Die Präsentation gipfelt im großen Drama der Nr. 24 mit dem ebenso bekannten wie herzzerreißenden Thema, zweieinhalb Minuten ausufernde Verzweiflung über alle Oktaven. Drei in Stein gemeißelte tiefe Akkorde setzen dann einen Schlusspunkt unter eine herausragende Darbietung.

Aber muss ausgerechnet im Moment dieser tiefsten Ergriffenheit des Künstlers und des Publikums jemand lautstark husten und diesen magischen Moment so zerreißen? Mit dieser berechtigten Frage gehen die Zuhörer applaudierend in die Pause.

Herausragende Darbietung

Jan Lisiecki beglückt im zweiten Teil mit „Drei Nocturnes“ op. 9, „Drei Walzer“ op. 64 und dem „Andante spianato et Grande Polonaise“. Ein wunderbarer Abend mit den Klängen des großen polnischen Komponisten, bis heute ungebrochen geliebt von seinen Landsleuten, interpretiert von einem Künstler, dessen Eltern ebenfalls dort beheimatet sind – eine wirklich fantastische Choreographie.