Infrarot-Kameras und viel Training
16.02.2010 | 18:00 Uhr 2010-02-16T18:00:00+0100
Gelsenkirchen. Jonas Eltern sind mit ihren Kräften am Ende: Der Zweijährige schafft es abends nicht, allein einzuschlafen. Die Mutter sitzt am Bett und streichelt unablässig die kleine Hand. Aber sobald sie ihr vermeintlich schlafendes Kind verlassen will, schreckt der Junge wieder hoch.
Schlafstörungen bei Kindern und Kleinkindern nehmen zu, sagt Dr. Kurt-André Lion, Leitender Arzt der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. Genau deswegen habe die Klinik nun viel investiert, um ein umfassendes und zurzeit deutschlandweit noch einmaliges Therapieangebot gestalten zu können: „Wir haben ein Schlaftrainingsprogramm für Eltern und Kinder entwickelt“, erläutert Diplom-Psychologe Dietmar Langer. „Neu dabei sind die Infrarot-Kameras, die wir in den Zimmern angebracht haben. So können wir die Kinder auch nachts beobachten.“ Fängt es dann beispielsweise an zu schreien, können die Nachtschwester reagieren.
„Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil des Programms“, erklärt Kurt-André Lion. „Eine Therapie dauert mindestens drei Wochen, die wichtigste Bezugsperson des Kindes ist in der Zeit auch stationär aufgenommen.“ In den ersten Tagen jedoch werde dem Kind bewusst diese Bezugsperson entzogen. „Von zu Hause weiß das Kind, dass zum Beispiel die Mutter sofort kommt, wenn es schreit.“ In der Kinderklinik komme eine Schwester. Die wolle es aber nicht sehen und schlafe in der Regel schnell wieder ein. „Das ist für die Mutter wichtig, denn die hat über Wochen oder Monate keine Nacht mehr durchgeschlafen.“
Schaffe es das Kind, mehrere Nächte durchzuschlafen, werde die Bezugsperson behutsam wieder „zugeführt“, beschreibt Dietmar Langer. „Zuerst wird das Kind dann testen, ob die Mutter noch so reagiert wie früher.“ Was sie aber nicht tut: „Natürlich wird die Mutter wach, aber sie stellt sich schlafend. Damit signalisiert sie dem Kind, dass Schlafenszeit ist und vor allem, dass keine Gefahr im Verzug ist.“ Parallel zum Schlaftraining werden die Kinder auch tagsüber in ihrer Interaktion mit den Eltern beobachtet. Denn auch hier liegen oft Ursachen für das gestörte Verhalten.
Warum die Zahl der Kinder mit Schlaf- oder Ess-Störungen zunimmt, dafür haben die Experten Lion und Langer eine Erklärung: „Die Stressbelastung für Kinder hat enorm zugenommen. Es wird immer mehr von Kindern erwartet. Gleichzeitig stehen viele Eltern unter enormem Druck, haben Angst, den Job zu verlieren.“ Deswegen gehört es auch zur Therapie, Belastungen innerhalb der Familie zu identifizieren und wenn möglich zu beseitigen oder abzumildern. „Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen“, sagt DietmarLanger. „Aber er braucht auch seine Ruhephasen.“
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