Hier geht etwas schief
30.05.2008 | 20:25 Uhr 2008-05-30T20:25:57+0200FETTDRUCKT Was geht hier bloß schief?, fragte sich einst der Autor Michael Klaus in einer gleichnamigen Kurzgeschichte. Selbiges fragt man sich auch bei zahlreichen Reaktionen auf zwei WAZ-Berichte in der vergangenen Woche. ...
... Um nicht missverstanden zu werden: Ihre Meinung ist uns wichtig, Leserreaktionen wünschen wir uns ausdrücklich. Dennoch: Sowohl übers Internet, als auch telefonisch erreichten uns auch Äußerungen, die uns, gelinde gesagt, ins Grübeln gebracht haben über die Frage: Was darf wer wann wie wo sagen? Die Rede ist von Reaktionen auf den Beitrag über die Deutsche mit türkischer Herkunft, die sich bei der Wohnungssuche diskriminiert fühlte, sowie auf den Bericht zu der Beschwerde des Vaters über eine Linienbusfahrer, der seine lärmenden Kinder kurzerhand vor die Tür gesetzt hatte.
Anders als bei Michael Klaus nämlich, der ein satirisch-liebenswertes Schlaglicht auf seine nachts von der Panik seiner Bewohner beleuchtete Heimat Gelsenkirchen wirft, sind manche Äußerungen weder satirisch noch liebenswert. Sie sind irritierend bis erschreckend. Fakten und sogar Gesetze werden schlichtweg ignoriert bzw. bestritten, heißt in diesen Fällen: Sowohl dem Busfahrer als auch dem Vermieter ist ein Fehlverhalten zu bescheinigen. Der Busfahrer hat gegen dienstliche Anweisungen verstoßen, ein Vermieter, der es ablehnt, an Ausländer zu vermieten, verstößt gegen ein Bundesgesetz (allgemeines Gleichbehandlungsgesetz). Wer das bestreitet und im Gegenzug den Vater oder die integrierte Deutsche mit türkischem Hintergrund heftig attackiert, verlässt den Boden der Sachlichkeit. Hinzu kommt, dass Wortwahl und Ansprache jeglichen Respekt vermissen lassen. Erschreckend wird es, wenn ein aktueller Vorgang zum Anlass genommen wird, eine ganze Gruppe pauschal zu diffamieren. Dass auch Rassisten und Faschisten versuchen, die Anonymität des Internets zu nutzen und ihre menschenverachtenden Ansichten publik zu machen, ist nicht überraschend. Solche Beiträge gilt es zu erkennen und zu entfernen - wie hier auf DerWesten.de in zwei eindeutigen Fällen geschehen.
Aber was ist mit anderen Beiträgen, die unter die Gürtellinie zielen? Was darf also wer wann wo wie sagen? Aus Sicht der WAZ-Redaktion jedenfalls niemand nirgendwo, den aus dem Bus geworfenen Kindern als Entschädigung keine Zookarten zu schenken, sondern sie in den Zoo zu sperren.
Wir wollen, dass Sie sich äußern! Zahlreich, leidenschaftlich und, wenn Sie ein Thema bewegt, auch emotional, per Leserbrief, am Telefon, im Internet. Dennoch: Es gibt Regeln, die es im gegenseitigen Austausch einzuhalten gilt. Respekt und Sachlichkeit gehören dazu, nicht aber Beleidigungen und Diskriminierung, und auch nicht vorsätzlich falsche Tatsachenbehauptungen. (Das anonyme World Wide Web macht solche Regeln umso notwendiger.) Denn ob nun bei Deutschen, Türken, Busfahrern, Fahrgästen oder wem-auch-immer - Aufgabe der Zeitung ist es, Missstände als solche zu erkennen, aufzugreifen und zu thematisieren. Und wenn etwas schief läuft, wie in der Diskussion zu den beiden hier genannten Fällen, wird die Redaktion auch künftig Stellung beziehen. Im Gegenzug hoffentlich mit fruchtbaren und gehaltvollen Anregungen.
09:45
Eine Zeitung sollte aber auch darüber Gerichten, welches Gedankengut eine Partei bzw. Bürgerbewegung hat. Es geht nicht um Meinungsmache, sondern um Aufklärung!
23:15
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13:47
Hier wird zweierlei vermischt. Es ist sicherlich richtig, die Leser zu ermahnen, dass der Ton und der Stil der Auseinandersetzung immer fair und sachgerecht bleiben sollte. (Wobei sich niemand darüber wundern sollte, dass Foren, die anonym genutzt werden können, auch genauso genutzt werden, wie man es dann erwarten kann: nämlich häufig unsachlich und beleidigend.) Es ist aber nicht richtig, wenn hier anderen Sichtweisen die Legitimität abgesprochen wird. Wer das bestreitet und im Gegenzug den Vater oder die integrierte Deutsche mit türkischem Hintergrund heftig attackiert, verlässt den Boden der Sachlichkeit. Selbstverständlich sollte niemand attackiert werden, aber wieso ist es unsachlich, wenn die Dienstanweisungen der Bogestra, die es einem Fahrer verbieten lärmende Kinder zum Schutz der anderen Fahrgäste aus einem Bus zu werfen, angezweifelt werden? Und nicht jeder, der Verständnis dafür äußert, dass ein Vermieter nicht an eine türkischstämmige Familie vermieten will, ist schon ein Rassist. Vielleicht hat derjenige ja auch nur einschlägige Erfahrungen mit türkischen Familien im Haus gemacht. Klar, jeder hat ein Recht darauf, ungeachtet seiner ethnischen und sonstigen Herkunft eine faire Chance zu bekommen, aber diese Chance wird vielen nicht gegönnt. Uns allen passiert es, dass wir vorab in Schubladen gesteckt werden. Nur steht das dann nicht in der Zeitung ...
07:52
Gilt Obiges auch für das eigentlich sehr gelungene Schüler-Interview mit der zwangsverheiraten Elife in der ZEUS-Beilage vom 28.5. ? Bis heute ist der Artikel nicht über das Online-Archiv von Der Westen aufrufbar. Ein wohl einmaliger Vorgang der vorauseilenden Selbstzensur.