"Grande Dame" des Theaters
20.06.2007 | 08:36 Uhr 2007-06-20T08:36:33+0200Von 1950 bis 1967 begeisterte Irene Tolges-Dodel die Massen am Gelsenkirchener Stadttheater.Heute feiert sie ihren 85. Geburtstag und lernt immer noch gern Texte auswendig
"Langeweile", sagt Irene Tolges-Dodel und schüttelt dabei energisch ihren Kopf, "nein, Langeweile kenne ich wirklich nicht." Lächelnd und ein wenig nachdenklich blickt sie auf die vielen schwarz-weißen Fotos, die vor ihr auf dem Tisch liegen, und kann sich genau an jeden Zeitpunkt der Aufnahme erinnern. Irene Tolges-Dodel kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Einst begeisterte sie als Schauspielerin die Massen im Theater, rührte mit ihren dargestellten Charakterrollen die Zuschauer, rüttelte auf oder brachte sie zum Lachen.
Heute feiert Irene Tolges-Dodel ihren 85. Geburtstag - "ein Tag wie jeder andere auch", sagt sie bescheiden. Bescheidenheit ist nur eine Charaktereigenschaft, welche die "Grande Dame" des damaligen Stadttheaters, dem heutigen Musiktheater, niemals verloren hat. Versucht man einen Begriff zu finden, der Tolges-Dodel treffend charkterisieren würde, man würde scheitern. Denn kein Wort der Welt kann diese Persönlichkeit der Seniorin treffend ausdrücken.
Von 1950 bis 1967 war sie am Gelsenkirchener Stadttehater eine gefragte Schauspielerin, wo sie, wie man im Theterjargon sagt, "alles spielte, was gut und teuer war". Ob Elektra-Lavinia, die Minna von Barnhelm, die zu einer ihrer Lieblingsrollen zählt, die Helena im "Trojanischer Krieg findet doch nicht statt" oder verschiedene Shaw-Rollen und Komödien - Irene Tolges-Dodel wusste genau, wie sie die Herzen der Menschen erobern konnte. "Dabei wollte ich gar nicht nach Gelsenkirchen", verrät die sympathische Seniorin hinter vorgehaltener Hand.
Ihre Karriere begann am Landestheater in Coburg und ging von dort aus nach Bochum zu Saladin Schmitt, einem der großen Intendanten des deutschen Theaters. Höhepunkt ihrer Bochumer Jahre war die Abschiedsvorstellung des Intendanten. Irene Tolges-Dodel spielte neben Horst Caspar die Sanvitale in "Tasso". "Wir haben uns eineinhalb Stunden verbeugen müssen", schwelgt sie in alten Erinnerungen.
1950 wurde sie in Gelsenkirchen engagiert und ist bis heute hier wohnen geblieben. Mit Leib und Seele verkörperte sie die verschiedendsten Rollen. Bis zu jenem Tag, als sie nach einer Doppelvorstellung und einer schweren Erkältung ihre Stimme verlor. Ein ganzes Jahr dauerte ihre Krankheit, langsam kam ihre Stimme wieder, aber alle Ärzte waren sich einig, dass es mit der Schauspielerei vorbei sei.
Irene Tolges-Dodel ließ sich auch davon nicht entmutigen und arbeitete als freie Übersetzerin für Fernsehspiele und an der Volkshochschule im Bereich Sprecherziehung.
Auch auf ihre alten Tage hat sie das Lernen nicht aufgegeben. Noch heute kann sie jede ihrer Vorsprechrollen rezitieren und lernt derzeit die Rede des Mark Anton aus Shakespeares "Julius Cäsar". Lächelnd schlägt sie ihr Buch auf und sagt: "Sonst würde man ja einrosten."
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