Graffiti-Sprayer: Spagat zwischen Kunst und Vandalismus

Auch während des Interviews mit der WAZ zeigten sich Red und Black nicht ohne ihre Maskierung.
Auch während des Interviews mit der WAZ zeigten sich Red und Black nicht ohne ihre Maskierung.
Was wir bereits wissen
Zwei Graffiti-Sprayer aus Gelsenkirchen erzählen, warum sie trotzdem der Gefahr erwischt zu werden nicht an das Aufhören der illegalen Kunst denken.

Gelsenkirchen.. Hauswände, Zugwaggons, Bushaltestellen - einfarbige Flächen ziehen sie an. Illegale Sprayer verursachen in Deutschland jährlich Schäden in Millionenhöhe. Doch das ändert nichts an ihrem Bedürfnis nach freier Kunst, Selbstverwirklichung durch Writings, Streetart oder Scratchings und nach dem Kick, den das verbotene Malen mit sich bringt.

Die Sprayer-Karriere beginnt früh

Auch Black und Red (Künstlernamen geändert) sind solche. Die jungen Männer aus Gelsenkirchen stehen mitten im Leben, sind beruflich erfolgreich und sie sprayen illegal. Wie bei den meisten Sprayern begann ihre Laufbahn im frühen Jugendalter. „Mein Opa hat damals seine Garage aufgeräumt und hat mir zwei Sprühdosen in die Hand gedrückt und gefragt, ob ich damit etwas anfangen kann. So ging es bei mir los“, erzählt Red, der heute Anfang Dreißig ist und schon seit über 20 Jahren mit Sprühdosen seine Kunst an die Fassaden bringt.

Schon bei seiner ersten Aktion mit Opas Farbe, musste er vor einem schimpfenden Mann flüchten. Es ist genau dieser Kick, der die Jungs bis heute antreibt. „Es gibt immer mehr legale Flächen für Sprayer, was eine schöne Alternative ist. Aber man möchte sich die Wände selbst aussuchen, meist springen sie einem direkt ins Auge. Außerdem werden die Bilder an den legalen Orten oft übermalt. Es ist einfach nicht dasselbe“, sagt Black, Mitte 20, seit circa zwölf Jahren in der Graffiti-Szene.

Mit Graffitis Statements setzen

Überdies ginge es nicht einfach darum, ein paar Fassaden bunt zu machen. Die Straßenkünstler wollen Statements setzen, ihre Meinung über die Bilder ausdrücken. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man sich nach einer krassen Aktion sein Werk am nächsten Tag anschaut.“

Oft ist es auch der Gangname, der groß und grell auf Stein oder Metall gesprüht wird. „Es ist eine Art der Kommunikation. In der Szene kennt man sich. Man erarbeitet sich einen gewissen Status und Respekt. Konkurrenz belebt das Geschäft“, erklären die Gelsenkirchener schelmisch.

Während Black meist mit seiner Crew loszieht, ist Red auch gerne alleine unterwegs oder verabredet sich mit Sprayern von Außerhalb. „Es kommen Leute aus ganz Europa, um hier zu sprayen. Und auch ich mache es, wenn ich zum Beispiel im Urlaub bin.“

Es ist eine Sucht

Es ist eine Sucht, da sind sich die Jungs einig. „Aber auch nicht schlimmer als eine Modelleisenbahn. Es ist einfach ein schönes Hobby. Abenteuerlich und kreativ. Ein Ausgleich zum Alltag, wie andere Hobbys auch“, meint Red.

Beide wurden schon erwischt und mussten Geldstrafen zahlen, ans Aufhören denken sie trotzdem nicht. „Es ist eine Sehnsucht, die sich nicht abstellen lässt.“

Auch während des Interviews zeigte sich, wie heikel ihre Passion ist. Während des Gesprächs kommt plötzlich die Polizei, beide flüchten.

Schäden bis 500 Millionen Euro

Bundesweit entstehen durch illegale Graffitis jährlich Schäden in Höhe von 200 bis 500 Millionen Euro. Knapp 8000 Wandmalereien wurden im letzten Jahr in Deutschland als Sachbeschädigung angezeigt.

In Gelsenkirchen waren es 130, weiß Polizeisprecherin Stefanie Dahremöller. „Die Zahl ist rückläufig. 2013 waren es noch 194 Fälle. Der Rückgang könnte mit der gestiegenen Aufklärungsquote zusammenhängen. Die Gelsenkirchener Bürger werden immer aufmerksamer und benachrichtigen schnell die Polizei. Darauf sind wir auch weiterhin angewiesen.“

Denn die Kosten für die Reinigung seien immens hoch. „Es ist extrem ärgerlich, wenn zum Beispiel eine frisch gestrichene Hauswandaufwändig gereinigt werden muss. Meist bleibt selbst dann ein Schatten. Dabei haben wir in Gelsenkirchen viele legale Möglichkeiten für Sprayer“, so Dahremöller.

Wer erwischt wird, muss mit harten Konsequenzen rechnen. Die Geldstrafen können sich auf mehrere tausend Euro belaufen, außerdem können illegale Sprayer bis zu 30 Jahre zur Kasse gebeten werden. So lange gelten die zivilrechtlichen Ansprüche des Geschädigten gegenüber dem Täter. Auch bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe kann die rechtliche Folge sein.