Geschichten begleiteten die Kindheit

Es tauchen Erinnerungen in dem Gespräch mit Judith Neuwald-Tasbach auf, da sagt die Vorsteherin der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, dass sich ihr bei diesem Gedanken „der Magen umdreht“. Eine Geschichte hat sie ihre Kindheit durch begleitet. Ihr Vater Kurt Neuwald habe sehr an einer Enzyklopädie gehangen. „Die musste er zu einem Spottpreis weggeben.“ Ebenso sein Fahrrad. „Meinem Vater wurde seine Mobilität, sein Ohr in die Welt und seine Kontinuität genommen“, sagt Judith Neuwald-Tasbach. Die Familie musste sich 1941 von Porzellan, Möbeln, Radio trennen, in einem Zimmer zusammenrücken, sich Küche und Sanitäranlagen mit anderen Bewohnern teilen.

Neuwalds hatten ein Bettengeschäft. Die Wohnung lag über dem Laden. In der Pogromnacht wurde das Ladenlokal kurz und klein geschlagen. Die Wohnung blieb nur verschont, weil der SS-Mann Großmutter Neuwald kannte und Geld einsteckte. „Für diese Rücksicht war die Großmutter ihm unendlich dankbar“, erzählt die Enkelin.

Eine nicht nachvollziehbare Dankbarkeit, die Neuwald-Tasbach so begründet: „Wenn man unter Wölfen lebt, ist man für jedes bisschen Menschlichkeit dankbar.“ Das galt auch für eine Begegnung, die der Vater als Häftling im KZ Riga 1942 mit einem Gelsenkirchener hatte. „Sie auch hier?“, habe der Mann gerufen und ihm einen Eimer Kartoffelschalen geschenkt „und nicht, wie später geschrieben einen Sack Kartoffeln.“ Der Vater habe immer wieder voller Dankbarkeit davon erzählt, „als ob er eine Dose Kaviar bekommen hätte“.

Jahre später rief eine Frau aus Gelsenkirchen in der Synagoge an und teilte mit, dass ihr Bruder in Hamburg verstorben sei. Es war der Mann mit den Kartoffelschalen.