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Hitler-Buch

"Mein Kampf"-Veröffentlichung sorgt jüdische Gemeinde

05.01.2016 | 16:42 Uhr
"Mein Kampf"-Veröffentlichung sorgt jüdische Gemeinde
Judith Neuwald-Tasbach ist Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen. Im WAZ-Interview äußert sie sich zur anstehenden Neupublikation von Adolf Hitlers „Mein Kampf". Im Hintergrund hängt ein Foto ihres verstorbenen Vaters Kurt Neuwald, Ehrenbürger der Stadt Gelsenkirchen.

Gelsenkirchen.  Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ soll – kommentiert – neu veröffentlicht werden. Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, hat dazu eine klare Meinung.

70 Jahre nach dem Tod eines Autors erlischt das Urheberrecht und seine Werke dürfen von jedem verbreitet werden. Das gilt auch für das Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler , dessen Tod sich 2016 zum 70. Mal jähren wird. Am 8. Januar bringt das Münchner Institut für Zeitgeschichte eine mit vielen Anmerkungen versehene kritische Edition heraus. Die Bundesjustizminister der Länder kündigten unterdessen an, dass sich Herausgeber der Hetzschrift wegen Volksverhetzung vor Gericht werden verantworten müssen. Wir sprachen mit der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchens, Judith Neuwald-Tasbach, über das Buch und die Folgen.

Was war Ihr erster Gedanke, als sie davon hörten, dass Hitlers „Mein Kampf“ wieder in Deutschland erscheinen wird?

Judith Neuwald-Tasbach: Wie furchtbar. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen viel zu wenig über das Dritte Reich wissen. Es ist erschreckend, wie viele Leute nicht mehr wissen, was ein Konzentrationslager ist oder wie viele Menschen in dieser Zeit umgebracht worden sind. Schüler haben mich gefragt, wer eigentlich Hitler war. Wenn in dieser Zeit ein Buch veröffentlicht wird, das als Anleitung zum Dritten Reich gesehen werden kann, dann kommt das in Hände, die nicht damit umgehen können. Um das Buch verstehen zu können, muss man die Geschichte kennen. Es enthält die verwirrten Gedanken eines Gefängnisinsassens, der voller Wut und Hass ist. Diese Gedanken treffen jetzt auf Menschen, die demgegenüber vielleicht gar nicht so unaufgeschlossen sind.

Kann es nicht auch sein, dass durch das Buch das Thema wieder mehr in den Fokus rückt und mehr Menschen über das Grauen aufgeklärt werden?

Neuwald-Tasbach Das wäre auf jeden Fall ein positiver Aspekt. Ich wünsche mir sehr, dass die Menschen erkennen, dass das Thema „Drittes Reich“ nicht schuldbeladen sein muss. Mit dem Wissen darum sollte für uns nur die Verpflichtung verbunden sein, zu verhindern, dass es erneut passiert. Ich glaube auch, dass das Buch dazu beitragen kann – wenn es richtig benutzt wird – dass die Aufklärung verbessert wird. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass ein gegenteiliger Effekt eintritt, wenn wir das Buch unkommentiert auf Menschen treffen lassen. Dass das Gedankengut wieder Fuß fasst.

Um die Worte Hitlers nicht unkommentiert stehen zu lassen, bringt das Münchner Institut für Zeitgeschichte eine kritische Edition heraus. Wissenschaftliche Kommentare und Fußnoten sollen den Inhalt einordnen.

Neuwald-Tasbach Eine lange Erklärung werden viele Menschen nicht lesen. So etwas ist gut für Menschen, die sowieso geschichtlich oder literarisch interessiert sind und die vielleicht ein wissenschaftliches Arbeiten gewohnt sind. Aber der Durchschnittstyp, der sich ein Buch nimmt, einfach um es zu lesen, der wird sich nicht mit wissenschaftlichen Begleittexten und Erklärungen befassen. Ich sehe keine Möglichkeit, wie man es gestalten könnte, dass die Menschen begreifen, dass das Buch eine ganz furchtbare Handlungsanleitung war, das viele Menschenleben zerstört hat.
Die Erklärungen sind also gut gemeint, aber ein großes Risiko. Es kommt zur schlimmsten aller Zeiten, wenn man mitbekommt, wie intolerant die Menschen zur Zeit sind. Es gibt Anschläge auf Flüchtlingsheime, Rechte sitzen in den Stadtparlamenten. Das sind für mich Vorboten einer Zeit, die nur noch schlimmer werden kann.

Beim Online-Händler Amazon ist die kritische Edition bereits ausverkauft...

Neuwald-Tasbach: (schlägt die Hände über dem Kopf zusammen) Ich fürchte, dass die Menschen damit nicht umgehen können, weil sie zu wenig Kenntnis über die damalige Zeit haben. Es kann plötzlich eine ganz interessante Lektüre werden: Ah, das war doch gar nicht so schlecht, was der gedacht hat. Wer war das eigentlich? Mich erschreckt, dass so ein Buch für den Verkauf freigegeben wird, ohne zu wissen, auf welchen Boden es fällt.

Wer sich für das Buch interessiert hat, konnte es auch bisher schon mit wenigen Mausklicken im Internet bekommen…

Neuwald-Tasbach: Ich glaube, Leute, die ein Faible dafür haben, konnten sich schon immer alles besorgen. Und wenn Sie mal im Internet stöbern, was es da für Portale gibt, da läuft ihnen das Grauen runter. Aber dafür müssen sie schon in eine ganz bestimmte Richtung interessiert sein. Bisher bekam man es nur, wenn man gezielt danach gesucht hat. Aber Normalos, die sonst niemals darauf gestoßen wären, sehen es jetzt in der Buchhandlung liegen – das ist die Gefahr.

Kann es nicht auch sein, dass die Hetze in dem Buch so offensichtlich und an den Haaren herbeigezogen ist, dass heute niemand mehr darauf reinfällt?

Neuwald-Tasbach: Wie oft habe ich schon den Satz gehört: Früher war alles besser. Eins muss man Hitler lassen: Er war ein wahnsinnig guter Rhetoriker. Gebildete Menschen mögen es als wirr empfinden, aber er hat das Volk damals schon mitgerissen. Ich glaube, dass heute so jemand auch wieder eine Chance hätte. Schauen Sie sich die Pegida-Leute an. In welch kurzem Zeitraum sie es geschafft haben, so viele Leute zu mobilisieren. Das Buch ist alt, aber Menschen sind beeinflussbar. Man kann sie damit nicht alleine lassen. Es hat so viele Menschen ins Unglück gestürzt, ich habe meine ganze Familie dadurch verloren.

Der Deutsche Lehrerverband möchte diese kommentierte Fassung im Oberstufenunterricht einsetzen.

Neuwald-Tasbach: Ich finde es gut, mit Schülern über das Dritte Reich zu diskutieren. Jedoch ist im Lehrplan dafür nur sehr wenig Zeit vorgesehen. Jedenfalls nicht genug, um klar zu machen, dass dieses Buch die Anleitung zum Unglücklichsein ist. Wie will man ein komplettes Buch in ein paar Schulstunden besprechen? Wenn das nur halbherzig gemacht wird, kann es auch daneben gehen.

Nicolas Westerholt

Kommentare
06.01.2016
21:31
"Mein Kampf"-Veröffentlichung sorgt jüdische Gemeinde
von fassbier | #8

Ich lasse mir grundsätzlich nicht vorschreiben, was ich lese. Frau Neuwald-Tasbach möge sich um ihre eigenen Belange kümmern, nicht um mein...
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1 Antwort
"Mein Kampf"-Veröffentlichung sorgt jüdische Gemeinde
von FritzePfeiffer | #8-1

Ja, das ahnte ich schon.

Dass es den einen oder anderen geben wird, der der Meinung von Menschen wie Frau Neuwald-Tasbach kein Verständnis entgegenbringen will, und das auch noch laut verkünden muss.

Schade, dass es so ist.
Aber gut, dass Sie zu einer Minderheit gehören, die von der Mehrheit ganz entschieden abgelehnt wird.

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"Mein Kampf"-Veröffentlichung sorgt jüdische Gemeinde
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2016-01-05 16:42
Interview, Gelsenkirchen, Adolf Hitler, Mein Kampf, Judith Neuwald-Tasbach, Geschichte, Jüdische Gemeinde.
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