Gelsenkirchener Mädchen und Jungen tauschen die Rollen

Die zwölfjährige Sara Brinkhoff aus Welper (Hattingen) hospitiert am sogenannten Girls’ Day am Donnerstag in der Werkstatt von Mercedes Lueg an der Schwarzmühlenstraße in Gelsenkirchen. Hier hilft sie dem Karosseriebaumeister Matthias Güthe bei der Montage eines Stoßfängers.
Die zwölfjährige Sara Brinkhoff aus Welper (Hattingen) hospitiert am sogenannten Girls’ Day am Donnerstag in der Werkstatt von Mercedes Lueg an der Schwarzmühlenstraße in Gelsenkirchen. Hier hilft sie dem Karosseriebaumeister Matthias Güthe bei der Montage eines Stoßfängers.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die WAZ besuchte beim Girls’ und Boys’ Day in Gelsenkirchen Mädchen und Jungen, die während des Aktionstages atypische Berufsfelder erkunden.

Gelsenkirchen.. Offen sein für alles und mit den klassischen Rollenbildern brechen, das wollen die Veranstalter des „15. Girls’ Day“ am Donnerstag erreichen. Parallel dazu fand auch der „5. Boys’ Day“ statt, an dem Jungen typische Frauenberufe kennenlernten. Auch viele Gelsenkirchener Betriebe waren mit von der Partie, die WAZ hat einige Mädchen und Jungen besucht.

Karosseriebau im Autohaus

An Saras Armen und Händen klebt schwarz-ölige Schmiere. Im „Blaumann“ werkelt die zwölfjährige Schülerin aus Welper im Autohaus Lueg an der Schwarzmühlenstraße. Ihr zur Seite mit wachen Augen und kundigen Händen steht Karosseriebaumeister Matthias Güthe (44). „Wir haben bislang eine Stoßstange ausgebaut und zerlegt, eine Türscheibe eingestellt“, sagt Sara stolz in der Pause. Im Anschluss daran gilt es noch, ein Sitzgestell zu erneuern und eine elektrische Heckklappe so herzurichten, dass sie wieder sanft ins Schloss einrastet.

Muffensausen? „Quatsch“, sagt Sara Brinkhoff keck. „Ich fahre Skateboard, und an dem Longboard bastel ich immer wieder mal herum.“ Werkzeug und Reparaturen sind ihr nichts also nicht fremd.

Der Großvater ist übrigens Karosseriebaumeister, arbeitet ebenfalls bei Lueg und hat wohl durch den ein oder anderen Reifenwechsel daheim das Interesse der Enkelin an Technik geweckt. „Ich interessiere mich für Autos“, bestätigt Sara, „und will wissen, wie sie funktionieren.“ Nun, alles kann die Zwölfjährige an einem Tag hier nicht lernen, aber sich zumindest „einen Eindruck verschaffen“, was frau in diesem Job erwartet. Der Dreck ist jedenfalls kein Problem. „Ich habe keine Angst, mich schmutzig zu machen“, sagt die passionierte Reiterin, die im Moment auch Pferdewirtin in die engere Wahl als Ausbildungsberuf zieht.

Mädchen sehr wissbegierig

In der Klasse war Sara übrigens die einzige, die „Schrauben geht“. Kein Nachteil. Im Gegenteil. 15 Mädchen hat Matthias Güthe als Ausbilder seit 1996 betreut. Sein Urteil: Deutlich über 50 Prozent hinterlassen einen sehr guten Eindruck, bei den Jungs waren es nur ein Drittel.“ Der Karosseriebaumeister hat es schon erlebt, dass Mädchen mit dem Schulbuch in der Hand auf ihn zukamen, um sich live in der Werkstatt etwas Technisches erklären zu lassen – „Jungs aber machen das in der Regel nicht – leider.“

Sara Brinkhoff jedenfalls genießt den Tag im Autohaus. Und findet: „Ein Tag reicht nicht. Der Girl’s Day müsste mehrere haben.“ Dass es trotz offenkundigem Interesse an dem Job dennoch wenig Frauen in Autowerkstätten gibt, erklärt Matthias Güthe so: „Das größte Problem dabei ist die Bereitstellung eines Sozialraumes. Denn nach der Arbeit duschen muss man, sonst sieht man aus wie ein Pinsel“ Und frau auch.

Für Benedict Kocyan (13) und Halil Ibrahim Erdogan (16) ist die Herausforderung gleich doppelt so groß. Der Arbeit im sozialen Bereich setzen die Gesamtschüler – der eine in Buer-Mitte, der andere in Ückendorf – mit ihrem Engagement in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung an der Braukämperstraße noch einen Schwierigkeitsgrad oben drauf.

Hilfe in Behindertenwerkstatt

Berührungsängste? „Nicht die Spur“, berichten die aufgeweckten Schüler. „Wir sind von den Menschen hier mit sehr viel Wärme und Neugier empfangen worden.“ Und wenn es bei der Verständigung mit Worten mal nicht geklappt hat auf Anhieb, dann reichten Gesten aus.

Benedict liebäugelt mit einem Job bei der Wasserschutzpolizei, Halil hat einen Faible für Autos und könnte sich die Arbeit als Kfz-Mechatroniker vorstellen. Dennoch sind beide auf den sozialen Geschmack gekommen – Benedict, weil er zuvor schon einmal in die Arbeitswelt „in einem Kindergarten schnuppern“ durfte, Halil, weil ein Klassenkamerad nach einem Praktikum im Krankenhaus schon so redete, als ob er „sein halbes Leben zwischen Ärzten und OP verbracht hatte“. Das hat mächtig Eindruck gemacht, die Neugier geweckt.

In den Werkstätten entfernten die Schüler unter anderem mit den Gehandicapten Späne aus Industrielappen mit Zangen, dazu galt es, stählerne Befestigungswinkel und Dübel zu stapeln, zu sortieren und zu verpacken. Zudem lernten sie die Heilerziehungspflege und Sozialarbeit im Jobprofil kennen.

Ihr Fazit: Die Menschen hier waren bei der Arbeit viel schneller und geschickter als wir – das hat uns verblüfft. Und erst recht wie freundlich sie sind“. Den Boys’ Day finden Benedict und Halil hilfreiche, aber auch sie hätten gerne mehrere Tage vor Ort gearbeitet: „Gerade im sozialen Bereich braucht es Zeit, bis man in die Arbeit da hineinwächst.“