Gelsenkirchener Hartz IV-Empfänger legten die Arbeitslosigkeit nieder

Mitglieder der Hartz IV-Selbsthilfegruppe des evangelischen Industrie- und Sozialpfarramtes machten am Donnerstagmorgen mit ihrem Warnstreik auf sich aufmerksam.
Mitglieder der Hartz IV-Selbsthilfegruppe des evangelischen Industrie- und Sozialpfarramtes machten am Donnerstagmorgen mit ihrem Warnstreik auf sich aufmerksam.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Ein besonderer Streik zog Donnerstagmorgen die Aufmerksamkeit an: Hartz IV-Empfänger legten die Arbeitslosigkeit nieder und schüppten politische Luftschlösser in den Sack.

Gelsenkirchen.. Unter der 25 Meter hohen Glasstele, dem Gelsenkirchener Prisma, dessen Fläche an diesem Donnerstagmorgen vom Sonnenlicht geküsst einen ganz besonderen Glanz ausstrahlt, schüppt eine Hand voll Leute Luft in Gartenabfallsäcke. Rund um das aufragende Kunstwerk von Jürgen LIT Fischer auf dem Neumarkt ist typisches Baustellenflatterband gespannt.

Die Arbeiter tragen Westen in leuchtendem Orange. Gäbe es den Hinweis „Warnstreik“ nicht, man könnte annehmen, die Streikenden gehören zur Gruppe der Arbeiter, die die Innenstadt zurzeit umkrempeln. Martin (51) hat längst mehr auf der Schüppe als Teile des Luftschlosses: „Die Arbeitsgelegenheiten ohne Entgeltvariante kommen auch in den Sack. Und das zehnte Bewerbungstraining, und die Arbeitsfördermaßnahmen.“ Er lacht sarkastisch – nach mehr als zehn Jahren ohne Job.

„Das ist das Trostpflaster für den Gelsenkirchener Appell“

Was die Hartz IV-Empfänger aus der Selbsthilfegruppe des ISPA dazu sagen, dass die Finanzmittel für Jobcenter zu Gunsten von Arbeitsförderprogrammen gekürzt werden sollen? Franz-Josef (55) meint nach kurzem Nachdenken: „Wenn ich mir anschaue, welche Programme es für uns gibt, ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn den Jobcentern die Zuschüsse gekürzt werden.“ Und Christoph (54) setzt noch eins drauf: „Das ist das Trostpflaster für den Gelsenkirchener Appell.“

Martin kritisiert am Rande des ungewöhnlichen Warnstreiks die Stigmatisierung der Arbeitslosen. „Man schert uns alle über einen Kamm und sagt, man müsse uns an die Hand nehmen.“ Etwa in den so genannten Aktivierungsprogrammen. „Erwerbslose werden eingeladen, man fragt sie, was sie den ganzen Tag so machen. Und dann greift die Aktivierung, man will Struktur in unseren Tag bringen.“ Klassischer Fall von hartnäckigem Vorurteil: „Als wenn wir morgens alle bis elf Uhr schlafen und dann erst mal ‘ne Flasche Bier trinken und eine Zigarette dabei rauchen.“ Seine Streikkollegen nicken. „Aber was wir uns wirklich wünschen, ist eine halbwegs vernünftig bezahlte Arbeit.“

Leute, die des Weges kommen und interessiert stehen bleiben, zeigen durch die Bank Verständnis für die zweistündige Aktion der Luftschlossbezwinger. Die jedem erzählen: „Wir stehen hier, um die Arbeitslosigkeit zu bestreiken.“

„Atypische Beschäftigung wächst unaufhörlich“

Auf ihren grünen Handzetteln argumentieren die Streikenden mit Fakten. Da heißt es etwa: „Atypische Beschäftigung wächst unaufhörlich. Mittlerweile arbeiten mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland ohne regulären Job. Das Bundesarbeitsministerium hat bestätigt, dass 1993 noch 4,4 Millionen Arbeitnehmer atypisch beschäftigt waren und 2013 bereits 7,6 Millionen. Leider nehmen unsere verantwortlichen Politiker diese Entwicklung nicht wahr und bauen weiter Luftschlösser.“

Die Klagen der Politik über zunehmende Politikverdrossenheit der Bürger erklärt die Selbsthilfegruppe des Sozialpfarramts unter anderem mit der wachsenden Realitätsferne vieler Politiker. „Sie reden von Ingenieurmangel, vom Fachkräftemangel und von der Industrie 4.0 und werden nicht müde zu erwähnen, dass Vollbeschäftigung bald erreicht sei. Sie wollen jetzt bei den Arbeitsagenturen 17.000 Stellen streichen, da das Problem Arbeitslosigkeit in Deutschland angeblich keins mehr sei.“ Nun ja, betroffene Gelsenkirchener wissen es ja wohl besser.

Die Hartz IV-Selbsthilfegruppe trifft sich übrigens jeden zweiten Donnerstag um 10 Uhr im Kreiskirchenamt, Pastoratstraße 10.