Gelsenkirchen macht sich fit für die Zukunft

Noch ist viel Platz vorhanden. Geht die Vision der Wirtschaftsförderung auf, entsteht im Stadtquartier Graf Bismarck eine kleine Stadt am Wasser. Deren Einwohner können vor Ort arbeiten und ihre Freizeit genießen.
Noch ist viel Platz vorhanden. Geht die Vision der Wirtschaftsförderung auf, entsteht im Stadtquartier Graf Bismarck eine kleine Stadt am Wasser. Deren Einwohner können vor Ort arbeiten und ihre Freizeit genießen.
Foto: Hans Blossey
Was wir bereits wissen
Die WAZ besucht die Industrieflächen der Stadt und stellt die spannendsten Projekte vor. Wo früher Kohle abgebaut und Stahl geschmiedet wurde, entstehen moderne Lebensräume. Dabei sollen zukunftsfähige Arbeitsplätze dauerhaft in der Stadt etabliert werden.

Gelsenkirchen.. Gut 70 Gewerbeimmobilien listet die Wirtschaftsförderung Gelsenkirchen auf ihrer Homepage auf. Bei einer großen Rundfahrt hat sich WAZ-Reporter Nicolas Westerholt die größten und bedeutsamsten Flächen einmal genau angeschaut: Mit dabei waren Rainer Schiffkowski, der seit Juni 2015 Referatsleiter der Wirtschaftsförderung ist, und Anja Büttner, Abteilungsleiterin des Referats für Dienstleistungen, Vertrieb und Standortmarketing. Sie erklären, wie sich die besuchten Flächen in der letzten Zeit verändert haben und welche Entwicklungen sich in naher Zukunft anbahnen.

Der Kampf gegen die 15

Bei allen Bemühungen hat die Wirtschaftsförderung eine Zahl im Blick: die 15. Seit Jahren stagniert die Arbeitslosenquote Gelsenkirchens bei Werten um 15 Prozent. Bei der Vermietung der freistehenden Flächen müsse man strategisch denken und die sich bietenden Chancen nutzen, glaubt Rainer Schiffkowski. „Wir haben hier die Möglichkeit, zukunftsfähige Arbeitsplätze dauerhaft in Gelsenkirchen zu etablieren“, ist sich der Referatsleiter sicher. Darüber hinaus gehe es auch darum, bereits bestehende Arbeitsplätze langfristig zu sichern. Und dann soll die große 15 schon bald der Vergangenheit angehören.

Man sei sogar dabei, über die Vermarktung der bestehenden Gewerbegebiete hinaus weitere Potenzialflächen zu erschließen. „Wir befinden uns derzeit in einem Workshop-Verfahren, in dem wir neue Ideen entwickeln“, erklärt Schiffkowski.

Das Schmuckkästchen von Gelsenkirchen

„Hier sehen wir das Schmuckkästen von Gelsenkirchen“, sagt Rainer Schiffkowski als die Delegation den Büropark Schloss Berge in Buer erreicht. Viele lokale Firmen haben hier ihren Hauptsitz errichtet. Der Softwareentwickler „GiT“ ließ sich als erster im Park nieder, es folgten unter anderem die Deutschlandzentrale des Desssous-Händlers Hunkemöller sowie die Schülerhilfe, womit sich einer der größten Franchise-Geber Deutschlands an die Stadt Gelsenkirchen gebunden hat.

Auch das Bürocenter Nienhaus, welches unter anderem den Bundestag mit Büromöbeln versorgt und die IBS Sicherheitstechnik, die bundesweit 18000 Gebäude absichert, haben am Schloss Berge ihr Zuhause gefunden. Stark umstritten war, dass hier Ende Mai 2015 das neue Finanzzentrum seine Pforten geöffnet hat, entstanden aus einer Fusion der Ämter Nord und Süd. 238 Beschäftigte besiedeln den Neubau, der so gar nichts mit dem Bild einer verstaubten Amtsstube gemein hat. Großzügige Fensterflächen sorgen für ausgiebiges Tageslicht, ein großzügig begrünter Innenhof rundet das moderne Bild ab. „Architektonisch stellen wir hohe Ansprüche an jeden, der sich hier niederlassen möchte“, betont Rainer Schiffkowski. Städtebauliche Mindeststandards müssten von jedem Ansiedler eingehalten werden. Vor allem Glasbauten mit modernen Flachdächern dominieren das Bild an Emil-Zimmermann-Allee/Ludwig-Erhard-Straße.

Beispiel für städtebauliche Qualität

„Der Büropark Schloss Berge ist ein Beispiel für gelungene städtebauliche Qualität“, findet der Wirtschaftsförderer Schiffkowski. Ein großer Vorteil für die niedergelassenen Unternehmen sei die gute Infrastruktur, etwa die schnell zu erreichende Autobahn 2.

Platz für weitere Ansiedlungen ist noch vorhanden, etwas mehr als zweieinhalb Hektar. Wie es aussieht, wird sich hier schon in Kürze etwas tun. So kündigt sich ein Gesundheitszentrum an, das auf einer Fläche von 4600 Quadratmetern entstehen soll und über 100 neue Arbeitsplätze schaffen wird. Bei einer weiteren Fläche von 10 000 Quadratmetern befinde man sich laut Schiffkowski in Gesprächen mit einem Interessenten. Auch ein Leerstand soll in Kürze behoben werden. In das Gebäude möchte ein Dienstleister einziehen, es würden Arbeitsplätze für 50 hochqualifizierte Menschen geschaffen.

Bereits jetzt ist der Büropark Schloss Berge ein Erfolgsprojekt. Das hat sich auch in der Wirtschaft herumgesprochen, so dass in naher Zukunft das komplette Potenzial der Fläche genutzt werden dürfte. Rainer Schiffkowski: „Es läuft hier auf eine vollständige Vermarktung hinaus.“

Spitzensport, Gesundheit und Freizeit

Das Filetstück des Arena Parks ist die Veltins-Arena, in der der FC Schalke 04 seine Heimspiele austrägt. Darüber hinaus wird die Arena auch für viele fußballfremde Veranstaltungen genutzt. Konzerte von nationalen und internationalen Musikgrößen wie Herbert Grönemeyer oder Metallica locken Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet an. Doch das Gelände hat weit mehr zu bieten als die namensgebende Arena. Im Bereich des alten Parkstadions, von dem noch zwei in den Himmel ragende Flutlichtmasten an alte Zeiten erinnern, soll nun ein kleines Stadion entstehen, in dem Schalkes U23 seine Heimspiele in der Regionalliga austragen soll.

Da, wo früher die Gästefans in der Südkurve des Parkstadions ihre Mannschaft anfeuerten, befindet sich eine weitere Baustelle: Das Gesundheitszentrum Medicos vergrößert sich und bekommt einen Anbau für die Bereiche Psychosomatik und Ergotherapie. Seit seiner Eröffnung im Februar 2006 hat sich Medicos Auf Schalke zur größten ambulanten Rehaeinrichtung in Europa entwickelt, die 200 Menschen Arbeit bietet.

Drei Millionen Besucher jährlich

„Insgesamt bietet die Fläche eine Mischung aus Spitzensport, Gesundheit, Freizeit und Tourismus“, fasst Rainer Schiffkowski zusammen. Dadurch zählt der Arena Park jährlich drei Millionen Besucher. Den Tourismus deckt das Courtyard by Marriott Hotel ab. Das 20 Millionen Euro teure Vier-Sterne-Objekt dient als Herberge für auswärtige Fußballfans, Urlauber und Geschäftsreisende. „An Holländer werden komplette Pakete verkauft, die die Unterkunft und Ausflüge in die Rhein-Ruhr-Region beinhalten“, weiß Schiffkowski zu berichten.

Platz für weitere Ansiedlungen ist vorhanden. So gibt es eine 8000 Quadratmeter große Fläche, über die die Wirtschaftsförderung gerade mit einem Investor verhandelt. Dazu stehen zwei weitere Flächen mit einer Größe von jeweils zwei Hektar für Neuansiedlungen bereit. An einer davon soll aktuell ein Dienstleister Interesse zeigen. Bedingt durch diese Entwicklungen zeigt sich, dass die aktuelle Parkplatzsituation nicht ausreichend ist. Ein neues Parkhaus soll hier Abhilfe verschaffen.

Synergie-Effekte am Kino

Im Bereich rund um das Kino tut sich gerade viel. Michael Meyer hat hier groß in die Renovierung des Apollo Cinemas investiert, wodurch er jährlich 400 000 Besucher verzeichnen kann. Jetzt profitiert er von der gastronomischen Entwicklung in der Umgebung. Den Anfang hat das Café del Sol gemacht, kürzlich ist die italienische Kette L’Osteria dazugekommen. In Kürze wird der Asiate Xiao das kulinarische Angebot um eine weitere Variante bereichern.

„Hier entstehen tolle Synergie-Effekte“, freut sich Anja Büttner, „das Kino und die Gastronomiebetriebe profitieren sehr von den Besuchern des jeweils anderen.“

Die Vision von der Stadt am Wasser

Es fällt schwer zu glauben, dass man sich mitten in Gelsenkirchen befindet, wenn man an der Promenade des Rhein-Herne-Kanals steht und seinen Blick über das umliegende Stadtquartier Graf Bismarck schweifen lässt. Das Auge erblickt viel Wald, freie Flächen und eine Siedlung von Einfamilienhäusern. Etwa 100 Eigenheime sind bereits realisiert worden, weitere sollen folgen. Gelsenkirchen verfolgt hier die Vision von der „Stadt am Wasser“. Abgesehen von neuem Wohnraum sieht diese auch die Ansiedlung von Unternehmen vor. Bereits vor Ort ist unter anderem ein Spezialist für Tor-Systeme.

80 Hektar umfasst das Quartier, die eine Hälfte davon ist bewaldet, die andere kann zur Umsetzung von Bauprojekten genutzt werden. Allerdings gibt es hierbei Beschränkungen: Ein Gestaltungsbeirat muss sämtliche Neubauten bewilligen und achtet darauf, dass alle Gebäude in die Landschaft passen. Drei weitere gewerbliche Vorhaben sind laut Wirtschaftsförderung in der nächsten Zeit geplant. Bereits in trockenen Tüchern ist die Errichtung eines vierstöckigen Bürogebäudes, das auf 8000 Quadratmetern Platz für 150 Mitarbeiter bieten soll.

Loftwohnungen am Kanal

Speziell im Bereich des Hafens gibt es drei weitere Bauvorhaben. Es soll Platz für Ladenlokale, Cafés, Restaurants, Arztpraxen und Büros entstehen. Zudem wird eine Steganlage gebaut, an der Sportboote und Fahrgastschiffe anlegen können. „Zudem werden hier hochwertige Loftwohnungen entstehen“, kündigt Rainer Schiffkowski an, der zuversichtlich ist, dass die „Stadt am Wasser“ in den nächsten drei bis vier Jahren Gestalt annehmen wird.

„Die Menschen werden zwischen Wald und Wasser wohnen und arbeiten“, fasst Anja Büttner die städtische Vision zusammen. Auch was die Gestaltung der Freizeit betrifft, treffen die zukünftigen „Wasserstädter“ auf gute Bedingungen. Das Gelände grenzt an die Zoom Erlebniswelt und liegt nahe der Schalker Arena und ihrer umliegenden Freizeit- und Sportangebote.

Lofts, Cafés und Sportboote: So könnte aus dem ehemaligen Industriegelände mit Kraftwerk und Kohlehafen schon bald das angesagteste Viertel des Stadtsüdens werden.

Solarkraftwerk als Vorzeigeobjekt

Mit einer Gesamtfläche von mehr als 100 Hektar ist der Schalker Verein die größte Fläche, die die Stadt im Angebot hat. Wo früher über Jahrzehnte hinweg in der Stahlherstellung malocht wurde, herrschte nach dem industriellen Wandel lange Zeit Stillstand. Die Wirtschaftsförderung arbeitet gemeinsam mit der Entwicklungsgesellschaft NRW.Urban daran, den Standort wieder zu beleben. „Was hier stattfindet, ist die Revitalisierung eines Brachgeländes“, sagt Rainer Schiffkowski. Noch sieht vieles nach Baustelle aus, doch die Pläne sind groß.

Das größte Solakraftwerk der Stadt

Eine besonders schöne Entwicklung findet Schiffkowski, dass im 80 Familien in Eigenheimen ein neues Zuhause im westlichen Teil des Schalker Vereins finden werden. In das alte Schalthaus wird voraussichtlich ein Café oder Restaurant einziehen. Die benachbarte Skater-Anlage erfreut sich bei Skateboardfahrern aus ganz NRW großer Beliebtheit.

Ein besonderes Vorzeigeobjekt ist die Nutzung des Erz-/Kokshochbunkers. Private Investoren haben ihn zu einem Solarkraftwerk umfunktioniert. Mit einer Fläche von 5000 Quadratmetern und einer Leistung von 355 Kilowatt ist es das größte Solarkraftwerk der Stadt.

Logistik- und Industriestandort für das mittlere Ruhrgebiet

Der westliche Teil soll als Heimat für Betriebe aus dem Dienstleistungsbereich dienen. Pionier bei den Unternehmensansiedlungen war Nightfever Showtechnik, ein Spezialist für Medientechnik, der hier auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern seinen Unternehmenssitz errichtet hat. Ein Lebensmittelimporteur wird folgen.

Auf dem im östlichen Teil gelegenen Gelände eines ehemaligen Gussrohrwerks soll ein Logistik- und Industriestandort für das mittlere Ruhrgebiet errichtet werden, Bei der Akquise neuer Investoren greifen Rainer Schiffkowski und Co. auf Kontakte zurück, die sie bei der Immobilienmesse Expo Real geknüpft haben. Schiffkowski ist zuversichtlich, was weitere Abschlüsse betrifft: „Wir verzeichnen hier eine sehr hohe Vermarktungsdynamik.“