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Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen

23.09.2012 | 19:45 Uhr
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
Die ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen (stehend v.l.) Iwona Zoladz, Ingrid Herrmann, Liliane Oppenkowski und (sitzend) Petra Petters werden in der TZU Akademie in Gelsenkirchen fit für den Verkauf gemacht.Foto: Michael Korte

Gelsenkrichen.  Nach der Insolvenz der Drogeriekette Schlecker und daraus folgenden Schließung der Filialen verloren rund 70 Fachkräfte ihren Job. Viele haben Probleme eine neue Stelle zu finden - sie kämpfen mit zahlreichen Absagen auf ihre Bewerbungen.

Ende Juni verloren gut 70 Fachkräfte in den Schleckerfilialen ihren Job . Viele haben seit Jahrzehnten in der Drogeriemarkte gearbeitet. Nach der Insolvenz drücken viele wieder die Schulbank, büffeln kaufmännisches Rechnen, machen sich mit der Bewerbungs-Philosophie vertraut. In der TZU-Akademie an der Weberstraße sitzen sie tagtäglich zwischen 8 und 15 Uhr vor den Bildschirmen, bewerben sich online, hoffen auf Zusagen.

Ernüchternde Bilanz

„Fit für den Verkauf“ nennt sich die Maßnahme, in der ausschließlich erfahrene Verkäuferinnen sitzen. Die Bilanz ist ernüchternd. Petra Petters ist 56, hat 35 Jahre bei Schlecker gearbeitet: „Wir sind zu alt, unsere Qualifikation zählt nicht. Ich bin nicht mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Obwohl erfahrene Mitarbeiter gesucht werden, haben wir keine Chance. Ich frage mich, warum ich so abgeschmiert werde. Mitarbeiterinnen bei Aldi sagten mir, dass sie nur Frauen bis 35 einstellen.“

Iwona Zoladz hat 25 Jahre Berufserfahrung. Bei 70 Bewerbungen war die Antwort immer gleich. Kein Bedarf. „Doch ausgeschriebene Stellen“, erinnert sich die 44-Jährige, „waren lange nach meiner Bewerbung immer noch offen.“ 7,50 Euro Stundenlohn hatte ihr Mc Donald’s angeboten. „Für eine Tätigkeit als Fachkraft ist das Angebot unverschämt. Ich würde viel zu wenig für meine spätere Rente einzahlen.“ Iwona Zoladz ärgert sich darüber, dass ihre Beraterin in der Arbeitsagentur sie gedrängt habe, die Stelle anzunehmen. Das sei besser für spätere Bewerbungen.

Liliane Oppenkowski, die 20 Jahre bei Schlecker tätig war, hat den Eindruck, dass man Schlecker-Frauen bei den Konkurrenten nicht gerne sieht. „Komischerweise tauchen die Stellen, auf die ich mich beworben habe, immer wieder auf. Ich bin erst 42, will zeigen, was ich gelernt habe und was ich kann.“ Einen selbst entworfenen Flyer, in dem neben den Personalien auch ihre beruflichen Qualifikationen stehen, hat sie immer in der Handtasche, verteilt ihn in Geschäften.

Psychische Probleme

Auch Ingrid Herrmann kennt nur Absagen. Die 57-Jährige ist verzweifelt, ihr fehlt die Arbeit, der tägliche Umgang mit den Kunden: „Mir ist in den ersten Wochen die Decke auf den Kopf gefallen. Es tut weh, feststellen zu müssen, dass uns niemand mehr will.“

Wie motiviert die Frauen sind, stellt Dozent Timm Stenderhoff täglich fest. „Die Arbeitsmoral ist enorm, jeder will weiter kommen.“ Viele sitzen zum ersten Mal vor dem PC, lernen viel über Form, Aufbau und Formulierung von online-Bewerbungen kennen.

Die vier Frauen denken nach den deprimierenden Bewerbungsergebnissen darüber nach, ob sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagen sollen. Petra Petters hat Kontakt zum Vermieter der ehemaligen Schlecker-Filiale an der Schalker Straße aufgenommen. „Er sucht dringend einen Nachfolger, will in das Ladenlokal investieren und gleichzeitig modernisieren. Die Frauen sind sehr Interessiert, doch können sie das Risiko noch nicht endgültig abschätzen. Sie wollen Gespräche mit dem Vermieter, der Agentur für Arbeit und der IHK führen, ob es ein wirtschaftlich schlüssiges Modell geben könnte.

„Vielleicht,“ so hofft Petra Petters, „gibt es ja Zuschüsse für ein Geschäftsmodell mit überschaubaren Risiken.“ Der Bedarf in Schalke, das ist sie sicher, sei vorhanden. Und arbeitslos zu bleiben, das wollen und können sich alle vier nicht vorstellen: „Es ist grausam, nicht gebraucht zu werden.“

Klaus Johann



Kommentare
25.09.2012
09:49
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von grundwissen | #14

In dem Kommentar von von TVtotal | #12 zum Thema Ausweitung des Niedriglohnsektors hat der Autor noch einen ganz wesentlichen Punkt der augenblicklichen Lage von HARTZ-IV-Beziehern genannt. Nämlich den Aspekt, dass dem "Arbeitsagentur-Kunden" nach einer kurzen Dauer, jede zumutbare Arbeit angeboten werden kann, die auch von den Verdienstmöglichkeiten weit unterhalb seiner bisherigen Bezüge sein können. Wobei der Fallmanager der Agentur entscheidet, was zumutbar sein könnte. Das Zwangssystem wird dadurch komplettiert, dass die Weigerung an (sinnlosen) Maßnahmen teilzunehmen und die Weigerung sich in Billig-Jobs vermitteln zu lassen mit einer gestaffelten Sanktionspraxis der Agenturen belegt wird, die bis zum völligen Entzug der Leistungen führen kann und damit auch ggf. zum Verlust der Wohnung, Heizung und anderer Versorgungsmöglichkeiten. Das gab es vergleichbar in der Form nur im Zwangsapparat zwischen 1933 und 1945.

24.09.2012
18:39
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von wkah | #13

und wie der Beitrag von "broncezeit" zeigt, gibt es immer noch genügend Leute es würde genauso wie bisher immer alles weiter gut gehen.

24.09.2012
17:13
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von TVtotal | #12

So Mc.Donald bietet 7,50 € das sind halt seit Schröder schon fast Spitzenlöhne, und bei einem 400 € Job sinkt der Lohn dann noch auf 5,50 € bis 6,66 €, Schröder (SPD ex Bundeskanzler) hat sich damit gebrüstet den besten Niederiglohnsektor in Europa geschaffen zu haben...und in spätestens einem Jahr können von den Frauen dann solche Angebote nicht mehr abgelehnt werden!

24.09.2012
16:49
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von AuroraBorealis | #11

Übrigens, kann die WAZ nicht mal langsam dazu übergehen, nicht mehr von Schlecker-Frauen und statt dessen richtigerweise von Schlecker-Mitarbeiterinnen schreiben?

Ich bin überzeugt, dass das keine Schlecker-Frauen sind.
Die Vielweiberei ist m. W. in Deutschland verboten.

Aber Falschbezeichnungen und deren Tolerierung durch die Redaktion sind beim WAZ-Konzern mittlerweile leider usus geworden.
Gern wird hier nämlich auch von sozial Schwachen geschrieben, obwohl damit finanziell (!) Schwache gemeint sind.
Sozial schwach sind Personen, welche den Sozialstaat (der Deutschland nach dem Grundgesetz einer ist) abzuschaffen versuchen, also Teile von SPD, Grüne, CDU, FDP.
Finanziell schwach ist jemand, dem ein ungenügendes Einkommen, wie es z. B Hartz IV ist, zur Verfügung steht, mit dem selbst ein Mindestmaß an deutschem Lebensstandard verwehrt bleibt.

Es wäre für den WAZ-Konzern ein positives Aushängeschild, wenn man diese einfachen Grundsätzlichkeiten versteht und künftig auch verwendet.

1 Antwort
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von Broncezeit | #11-1

Die Linken werden den Abbau des Sozialstaat zu verhindern wissen. Das haben sie schon im Arbeiter- und Bauernparadies bewiesen.

24.09.2012
16:33
Auch die Grünen sind harte Hartzer!
von tagesschau | #10

"Schönredner aus der FDP, SPD und CDU/CSU versuchen immer wieder der Öffentlichkeit weiß zumachen, dass durch Minijob- und Niedriglöhne, Zeitarbeit und Kürzung der Rentenleistungen alles besser wird."

Da sollten wir aber die Grünen nicht vergessen! Auch sie sind in der großen Mehrzahl harte Hartz-Leute, also ebenfalls unwählbar!
...

24.09.2012
16:29
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von B.Schmitz | #9

Haben die Schlecker Frauen etwa etwas anderes erwartet? Außerdem gibt es noch genügend andere Menschen und nicht nur die Schlecker-Frauen die Arbeit suchen.
Aber Merkel & Co. werben ja lieber andere Arbeitskräfte aus dem Ausland an anstatt die eigene Bevölkerung in Lohn und Brot zu bringen. Merkel & Co. veruntreuen unsere Gelder nach Griechenland und damit haben sie keine Zeit sich um die eigene Bevölkerung zu kümmern. Man muss ja als Kanzlerin aus der DDR Machtspiele betreiben und will Europa beherrschen.

24.09.2012
16:00
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von Raylander | #8

Das war ja auch vorhersehbar und was macht unsere deutsche Regierung???
Nichts, wie immer nichts!!!
Merkel & Co müssen doch die EU (Welt) retten und haben keine Zeit sich um so lapidare Probleme wie ein paar Tausend arbeitsloser Frauen zu kümmern.
Bezüglich des EU-Rettungsschirmes sprach man noch vor zwei Tagen von 2 Billionen und seit heute von fast 4 Billionen Euro!!! Unsere politiker tun so, als handelt es sich hier um eine Bagatelle, aber wir Steuerzahler müssen die Suppe wier einmal auslöffeln wenn die Sache schief geht und dass sie schief geht ist so sicher wie das Amen in der Kirche!!!!

24.09.2012
15:24
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von gena | #7

Arbeit gibt es genug - für 7,50 € auf 400,00 Basis. Nur davon kann niemand leben.
Unsere Wirtschaft ist hier in der Pflicht - aber die stellt sich quer, weil sonst die 6stelligen Managergehälter nicht mehr gezahlt werden können.

24.09.2012
13:32
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von grundwissen | #6

Fortsetzung:
Dass viele ehemalige Schlecker-MitarbeiterInnen, vielleicht die Mehrzahl von ihnen, Filialen geleitet haben und Facharbeiter sind, scheint bei der Arbeitsagentur unbekannt zu sein. Schönredner aus der FDP, SPD und CDU/CSU versuchen immer wieder der Öffentlichkeit weiß zumachen, dass durch Minijob- und Niedriglöhne, Zeitarbeit und Kürzung der Rentenleistungen alles besser wird. Weil es dazu keine Alternative gäbe. Diese Politiker aus diesen Parteien nicht mehr zu wählen, wäre eine Alternative. Reichtum ist da, er ist nur falsch verteilt!

24.09.2012
13:32
Ernüchternde Bilanz für Schlecker-Frauen in Gelsenkirchen
von grundwissen | #5

So schlimm scheint es mit der Arbeitslosigkeit nicht zu sein, behaupten doch die Herren aus Politik- und Wirtschaftselite: "Die Arbeitsmarktsituation für Schlecker-Mitarbeiter sei jedoch günstig. Es gebe derzeit fast doppelt so viele freie Stellen im Einzelhandel wie Schlecker-Mitarbeiter, denen eine Kündigung drohe“, sagte seinerzeit Rösler. Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) machte den von einer Entlassung bedrohten Schlecker-Mitarbeitern Hoffnung. "Bei 11.000 Entlassungen bin ich noch ganz guter Dinge, dass viele einen neuen Job im Handel finden", sagte der HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth in Düsseldorf. Denn in vielen Regionen würden vom Handel erfahrene und qualifizierte Arbeitskräfte gesucht." Warum aber Arbeitssuchende am Arbeitsmarkt auf ein qualifiziertes Arbeitsplatzangebot warten, aber nicht eingestellt werden, bleibt geheimnisvoll. Fortsetzung

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