Ein Kampf um Gerechtigkeit

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Liesel Appel hat stets um Gerechtigkeit gekämpft. Ein Erlebnis hat die heute 73-Jährige für ihr weiteres Leben geprägt. Sie erfuhr 1951 durch einen ehemaligen jüdischen Nachbarn von den Gräueltaten der Nazis. Die engagierte Frau, die in Bottrop aufwuchs und Freunde in Gelsenkirchen hatte, lebt sei 1980 in den USA. Jetzt kam sie zum ersten Mal nach Deutschland zurück und stellte im Betsaal der alten Synagoge ihr Buch „Der Sohn des Nachbarn“ vor.

Als wohl behütete Tochter der Nazi-Familie Heinrich und Else Steffens, die Adolf Hitler verehrte, wurde sie im Elternhaus erzogen. Als Kind bekam sie die Menschen verachtende Politik und die Verbrechen der Nazis nicht mit. Die Liebe zu ihren Eltern endete erst, als der ehemalige jüdische Nachbar Wilhelm Meyer 1951 nach Bottrop zurückkehrte und nach dem Lebensretter seines Sohnes Edgar forschte.

Das Erlebte nie verarbeitet

Die kleine Liesel war neun, als sie der Mann, dem damals das Kaufhaus nebenan gehörte, auf der Straße ansprach. Die Nazis hatten in der Pogromnacht im November 1938 bei der Suche nach jüdischen Bürgern den kleinen Jungen aus dem Bett gezerrt und ihn vom Balkon aus dem Fenster geworfen. Der Nachbar, ein Kinobetreiber, hatte den Kleinen damals aufgefangen und ihm damit das Leben gerettet. Liesel war überzeugt, dass ihr verstorbener Vater der Lebensretter war. Sie lud den Mann in die elterliche Wohnung ein. „Wie konntest du es wagen, den hierher zu bringen“, schimpfte sie die Mutter aus. „Du bist eine Schande für den Papa. Der hätte niemals einen Juden gerettet.“ „Mir wurde von dem Tag an die Wahrheit bewusst, wir sind Nazis,“ schreibt Liesel Appel in ihren Erinnerungen. „Ihr seid Mörder“, schrie sie die Mutter an, die sie von dem Tag an nie mehr Mutter nannte. Sie habe sich aufs Bett geworfen und geweint. Verarbeiten konnte sie das Erlebnis nie. Sie sucht noch heute nach der Antwort, ob sie damals das Recht hatte, so zu reagieren.

Mit gerade einmal 60 Mark in der Tasche floh die gelernte Kindergärtnerin 1961 vor ihrer Vergangenheit nach London. Sie heiratete einen schwarzen Musiker, bekam zwei Kinder, änderte ihren Namen, sprach kein deutsches Wort mehr. Der Einsatz für Gerechtigkeit bestimmte ihr Leben.

Appel arbeitete für Amnesty International, kämpfte mit den Rebellen im ehemaligen Belgisch Kongo. 1990 trat sie zum jüdischen Glauben über, heiratete einen Juden. Den seinerzeit geretteten Nachbarjungen hat sie lange gesucht, aber nie gesehen, bis sie schließlich sein Grab in Israel fand.

„Ich konnte über eine lange Zeit nicht nach Deutschland zurückkehren“, sagt die 73-Jährige. Heute fühlt sie sich verpflichtet, vor allem junge Menschen auf die Geschichte des anderen Deutschland hinzuweisen und sie aufzufordern, nicht zu vergessen. Sie will die heutige Generation zu Toleranz und Mitmenschlichkeit aufrufen.

Liesel Appel hofft, dass die Menschen aus den Ereignissen der Vergangenheit gelernt haben: „Sie müssen dabei mitwirken, dass Liebe und Verständnis unter den Menschen wohnen.“