Ein Abend fürs Gelsenkirchener Heimatgefühl

Volles Haus: Über 800 Gäste hatten sich zum Stadtempfang im Musiktheater im Revier angemeldet. Entsprechend eng wurde es zwischenzeitlich im Foyer.
Volles Haus: Über 800 Gäste hatten sich zum Stadtempfang im Musiktheater im Revier angemeldet. Entsprechend eng wurde es zwischenzeitlich im Foyer.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Beim Stadtempfang im Musiktheater im Revier ging es um die Zukunft der Stadt, aber auch um Verständnis und Toleranz. Eben die Zutaten für gutes Zusammenleben. Die Zugaben: Arien, Kabarett und viel Gedränge.

Gelsenkirchen..  Zum Auftakt eine Protest-Begrüßung der lokalen Jägerschaft mit schallerndem Horn draußen auf dem Kennedyplatz, zum Finale eine feine Mozart-Arie der Opernprofis auf der Bühne im Großen Haus: Musikalisch wurde breit gefächert beim Neujahrsempfang der Stadt Gelsenkirchen im Musiktheater im Revier. Dazwischen und danach hatte der Abend aber noch weit mehr zu bieten – für Kopf, Gefühl, Sinne und zuletzt den Magen mit allem von Räucherfischplatte bis Cranberrycreme. Die AWO hatte wieder das Catering übernommen. Gut 80 Mitarbeiter von Stadt und Verband sorgten für einen gelungenen Empfang. Geschiebe mit Tellern und Besteck inklusive.

„Das ist ja voll hier wie auf der Cranger Kirmes“, bemerkte eine Besucherin. In der Tat. Teilweise gab es kein Durchkommen im Foyer, in dem sich ein Jugendgrüppchen das Treiben ansah. Die Jahrgangsbesten der Gelsenkirchener Schulen waren ebenso geladen wie Gäste aus Wirtschaft und Politik, Sport, Kirchen und Kultur. In Dreierreihen schoben sie sich die Treppen hoch, einzeln begrüßt von einem Empfangskomitee: Oberbürgermeister Frank Baranowski, Bürgermeisterin Martina Rudowitz und Bürgermeister Werner Wöll standen Seite an Seite. Händeschütteln, freundliche Worte, Lächeln, Foto, Getränk ergattern, ab ins Getümmel. Ein einziges Kommen und Gehen.

Lehr-Stück aus lebendiger Erinnerung und Uni-Vorlesung

Die Stölting Dienstleistungsservices, der Sponsor des Abends, hatten Aktive ihres Radteams im Trikot aufs Rad gesetzt – zum Schauradeln. Ihnen wird kaum wärmer geworden sein als den Besuchern im mollig geheizten Großen Saal. Um die Quartiers- und Stadtentwicklung, um das Lebensumfeld und -gefühl von Schalke-Nord bis zu den europäischen Dienstleistungsmetropolen, um Städtebauförderung und Wohnumfeldverbesserung, um das IBA-Erbe und den aktuellen Emscherumbau ging es hier in den Redebeiträgen. Den ganz großen Bogen schlug ein versierter Kenner, Prof. Christoph Zöpel, ehemaliger Landesminister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr. Sein Vortrag geriet zum Lehr-Stück aus lebendiger Erinnerung und Uni-Vorlesung. Die lokalen Marken setzte zuvor OB Baranowski, auch weil er einging auf die Stimmung nach den Terrortagen von Paris und die fremdenfeindlichen Demonstrationen. „Wir in Gelsenkirchen leben in einer bunten Stadt, in einer Stadt mit mehr als 100 Nationen – und wir leben ganz gut mit dieser Vielfalt“, betonte Baranowski. Und: „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss. Und wir in der Heimat Gelsenkirchen sind ganz entschieden gegen Ausgrenzung, Intoleranz und Gewalt.“ Dafür gab es viel Beifall.

Mit „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ bereiteten die MiR-Sänger final Wilfried Schmickler (der auf seinem Shirt unterm Jackett bekannte: „Je suis Charlie“) schließlich die Bühne. Mozarts Zauberflöte als wegweisender Stoff für den Kabarettisten? Nicht ganz. Schmickler brodelte, aber kochte nicht. Auszüge aus seinem Programm „Ich weiß es doch auch nicht“ spielte er bis bis 21.30 Uhr. Manch einer freute sich danach auf ein frisches Abkühlungs-Pils.

Ein Button als Zeichen der Solidarität

Wenige Tage nach den Terroranschlägen konnte und wollte Baranowski beim Neujahrsempfang der Stadt nicht zur Tagesordnung übergehen und auch sichtbare Zeichen setzen. Den Gästen wurde zur Begrüßung ein Ansteckbutton überreicht, um während des Empfangs Solidarität zu zeigen. „Es gibt einen Satz, der für alle Menschen dieser Welt gelten muss“, so der OB, „und dieser Satz steht im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: „Die Würde des menschen ist unantastbar“. Mit diesem Statement rief die Stadt alle Gäste auf, jeden Menschen jederzeit zu achten – und das auch zu zeigen.

Neben dem Grundrecht zeigt der Anstecker auch das in Gelsenkirchen schon bekannte Symbol einer Menschenkette. Insgesamt hat die Stadt 1000 Buttons fertigen lassen. Die Auflage soll in den nächsten Tagen noch erweitert werden.

830 Anmeldungen waren bei der Stadt für den Neujahrsempfang eingegangen, so viele wie noch nie. Entsprechend voll waren Foyer und Gänge des Musiktheaters. Und überall an Anzug-Revers und Kostümen hing die Solidaritäts-Botschaft.