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Sechs Stolpersteine...

"Dort ... musstet ihr sterben"

13.07.2009 | 16:04 Uhr

In Gelsenkirchen sind die ersten sechs Stolpersteine verlegt worden: Der Kölner Konzeptkünstler Gunter Demnig ließ an drei Stellen im Stadtgebiet Steine mit Gedenktafeln für Opfer der Nazis ins Pflaster ein: an der Markenstraße in Horst, an der Florastraße sowie an der Kolpingstraße in der City.

Von rechts dröhnt der Verkehr der Husemannstraße, links hetzen Passanten über die Bahnhofstraße. Es riecht nach Urin. Und im benachbarten Schaufenster werden Polo-Shirts für 9 Euro angepriesen. Trotzdem könnte dieser Moment nicht bewegender, nicht ergreifender sein. Der Moment, in dem Esther Goldschmidt auf der Kolpingstraße zwischen C&A und Kaufhof vor drei Stolpersteinen steht und einen Brief verliest, den sie an ihre drei von den Nazis ermordeten Verwandten geschrieben hat.

Aus Flensburg ist die gebürtige Hernerin angereist, um am Montagmorgen dieser Premiere beizuwohnen - als Patin der Steine für die getöteten Gelsenkirchener Juden Fritz und Grete Goldschmidt sowie Mathilde Wertheim, geborene Goldschmidt, genannt Tilla. „Heute schreibe ich euch zum ersten Mal einen Brief”, liest sie mit zitternder Stimme. Und: „Eure Reise führte euch nach Riga, nach Stutthof, ... und dort ... und dort ... musstet ihr sterben ... alle so jung.”

Einen Stolperstein hat der Kölner Konzeptkünstler Gunter Demnig zuvor für jeden der drei Goldschmidts, die hier einst ihren Lebensmittelpunkt hatten, ebenerdig ins Pflaster gesetzt. So wie er es in 442 Städten zuvor bereits gemacht hat. „Hier wohnte . . .” steht auf jeder Messingplatte, es folgt Name, Geburts-, Todesdatum.

Rückblende, eineinhalb Stunden früher, Markenstraße 19, Horst-Süd. Hier wohnten einst . . . Frieda und Simon Neudorf, bevor sie von den Nazis deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurden. Kurz vor 9 Uhr fährt Demnig (61) mit seinem roten Bulli in Horst vor, packt sein Handwerkszeug aus und macht sich an die Arbeit. Andreas Jordan (Gelsenzentrum), Initiator der lokalen Stolperstein-Bewegung, verliest vor rund 40 Zuhörern einen Brief vom Stein-Paten Herman Neudorf (84), der in den USA lebt. Der Sohn der Neudorfs entging als Jugendlicher im KZ knapp dem Tod. „Möge dieser denkwürdige Akt der Stolpersteinlegung als Mahnung an kommende Generationen dienen”, schreibt Neudorf. Er bedankt sich ausdrücklich bei Andreas Jordan. Und bedauert, dass er nicht selbst kommen konnte.

Nach der Einlassung der Steine wird eine rote Rose mit schwarzer Schleife auf den Apshalt gelegt, der jüdische Vorbeter Yuriy Zemskyi spricht (und singt) das Gebet „El male rachamim”. Diese Zeremonie wiederholt sich kurz darauf auf der Florastraße 84, wo mit einem Stolperstein der ebenfalls von den Nazis ermordeten Jüdin Regina Spanier gedacht wird, und schließlich auf der Kolpingstraße.

Die (denk-)würdige Stolperstein-Premiere endet mit einer Matinee im Bildungszentrum, zu der das Internetforum Gelsenkirchener Geschichten und ein daraus hervorgegangener Unterstützerkreis für das Projekt eingeladen haben.

Bereits im Februar sollen die nächsten Gelsenkirchener Stolpersteine verlegt werden. Damit auch für weitere von den Nazis ermordete Menschen gilt, was Esther Goldschmidt in dem Brief an ihre Verwandten so formuliert hat: „Ich werde dafür Sorge tragen, dass man euch nicht vergisst. Versprochen!”

Lob und Vorbehalte

Fast 20 000 Stolpersteine hat Gunter Demnig in halb Europa bereits verlegt. Trotzdem war es für ihn kein alltäglicher Termin: „Es ist immer etwas Besonderes, die Stolpersteine in einer Stadt zum ersten Mal zu verlegen.”

Zur Verlegung auf der Kolpingstraße kam auch OB Frank Baranowski - und bezeichnete das Projekt als „eindrucksvolle Form des Gedenkens”. Konkurrenz zwischen Stolpersteinen und „Erinnerungsorten” (dem vom Rat beschlossenen Projekt) sehe er nicht: „Gut, dass es beides gibt.” Lob für Demnigs Engagement fand auch Judith Neuwald-Tasbach (Vorsitzende jüdische Gemeinde), die an allen drei Verlegungen teilnahm. Aber: Das Konzept sage ihr nicht zu, weil man „mit Füßen auf die Namen der Opfer tritt”. Sie bevorzuge die Erinnerungsorte, weil die (auf Tafeln) mehr Infos lieferten.

Im Bildungszentrum erinnerte Kulturdezernent a.D. (und Stolpersteine-Unterstützer) Peter Rose an den Nazi-Terror. Elisbabeth Schulte-Huxel, Patin des Steins für Regina Spanier, überbrachte Grüße von deren in Schweden lebenden Enkelin Ilse Reifeisen. Außerdem las Esther Goldschmidt aus ihrem (veröffentlichten) Tagebuch. Für die Begrüßung sorgte Lothar Lange (GE-Geschichten).

Lars-Oliver Christoph

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Kommentare
15.07.2009
10:29
Dort ... musstet ihr sterben
von SPD gleich Hartz IV Partei | #15

@ # 14 von Danke Andreas

Der letzte Satz in Ihrem Kommentar trifft genau den Gedanken, den ich mit obigem Kommentar zum Ausdruck gebracht habe.

15.07.2009
10:04
Dort ... musstet ihr sterben
von Danke Andreas | #14

Danke , lieber Andreas

Ich will deinen Worten nichts hinzufügen, du hast es es so gut gemacht! Du und Gunter Demng ihr seid mutige Menschen.
Für die, die wahrhaftig hier in dieser Runde anscheinend politisch noch nicht so sehr informiert sind:
Engagiert euch für Eure Belange! Engagiert Euch für alles Unrecht und wägt nicht zwischen Vergangenem und neuem ab. Doch vergleicht nicht!!! Da kann man nicht vergleichen... Das Grauen damals ist Gott sei Dank mit noch nichts zu vergleichen....egal wie viele Kriege es bis jetzt bereits wieder gegeben hat, wie furchtbar auch vieles heute noch ist...es ist nicht zu vergleichen. Das geschehen von damals muss uns allen eine Lehre sein und wir alle müssen daran arbeiten, dafür Sorge tragen, dass so etwas nie wieder geschehen kann.

15.07.2009
08:32
Dort ... musstet ihr sterben
von Andreas Jordan | #13

Die Menschen sind durch die nationalsozialistischen Mörderhände gestorben. Auf dem Fließband des Todes sind sie von den Mordfabriken der Nazis verschlungen worden. Diese Diskussionen und Vergleiche sind beschämend und entwürdigen die Opfer ein weiteres mal.

Gunter Demnig ist ein Mensch, der Achtung und Respekt verdient. Ein Mensch, der inzwischen fast 20.000 Opfern der Nazi-Barberei ihren Namen, Ihre Würde und Ihre Individualität zurückgegeben hat. Wir haben gemeinsam mit vielen Bürger und Bürgerinnen am 13. Juli 2009 die ersten Stolpersteine in gelsenkirchen verlegt. und es werden nicht die letzten sein.

15.07.2009
07:08
Dort ... musstet ihr sterben
von Ein besorgter Bürger | #12

Als Konzeptionskünstler sind Stolpersteine schnell mal verlegt...

Interessanter wären, zumindestens für mich, mal die Aussagen des Kölner Konzeptionkünstlers Gunter Demnig aktuell zum Thema Israel, der Iran: die Vernichtung Israels durch Atomwaffen.

PS: gibt es diesen Menschen Gunter Demnig überhaupt? Uawg: (Um Antwort gebeten)!

Ein schönes Leben noch...

15.07.2009
00:06
Dort ... musstet ihr sterben
von Ralf N aus GE | #11

@ 10 von KnutM

Dieses wurde auch weder von # 5 noch von # 8 behauptet.
Vielmehr ist es so, dass auch heute wieder Politiker Menschen als Schmarotzer bezeichnen dürfen, Zwnagsumzüge und Zwnagsarbeit stattfinden ohne dass das Volk sich dagegen groß auflehnt.
Wie fing die unsägliche Horrosgeschichte der Nazis an?!
Erinnern Sie sich!

14.07.2009
23:25
Dort ... musstet ihr sterben
von KnutM | #10

@#5 und #8
Ich bezweifele dass die Bundeswehr Europa besetzt und den Kontinent von Westen nach Osten systematisch ach Hartz IV Empfängern durchkämmt um sie in Zügen in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern zu transportieren, wo sie verhungern, zu Tode geschunden oder vergast werden.

14.07.2009
21:34
Dort ... musstet ihr sterben
von lo | #9

Eine wohlgemeinter Tipp:
Einfach mal Schweigen,denn das ist die Pause zum Denken, nicht vom Denken.

14.07.2009
16:45
Dort ... musstet ihr sterben
von HSch | #8

@ 7 von pito

Ja, wenn man den Kommentar unbeingt so lesen WILL wie Sie, dann kommt man auch zu der völlig unpassenden Schlußfolgerung die Sie da ziehen.
Denn, irgendwann hat alles Schlechte einmal unbeachtet angefangen und wurde von Leuten wie Ihnen geleugnet.

14.07.2009
14:13
Dort ... musstet ihr sterben
von pito | #7

@SPD gleich Hartz IV Partei:
Befasse Dich doch mal ein wenig mit deutscher Geschichte, dann wirst Du bemerken wie scheußlich unpassend und überzogen dein Vergleich ist. Du verharmlost die Opfer von damals und rückst deine Zeitgenossen pauschal in die Nähe von Mördern. Na dann gute Nacht.

14.07.2009
09:19
Dort ... musstet ihr sterben
von KnutM | #6

#5
war klar das wieder so eine dumme Gleichsetzung kommt.

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