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Die Nummer 693

14.04.2010 | 11:00 Uhr

Gelsenkirchen. „Das kenne ich auch noch, das hatten wir damals....“ Diese und ähnliche Begeisterungsausrufe dürften mehr als einmal fallen, wenn am 22. Mai Neugierige auf Schacht Bismarck auf Karl-Heinz Galle treffen. Der erinnert hier nämlich mit seinem Stand und auf Initiative des Sozialwerks St. Georg an die Vergangenheit der im September 1966 geschlossenen Anlage.

Dafür hat der heute 76-Jährige daheim einiges ausgeräumt und mitgebracht, was weit über das allseits berühmte Arschleder hinausgeht. Neben dem geplanten Trödel- und Kunstmarkt dürfte der letzte Kumpel von Bismarck ein absoluter Höhepunkt sein, wenn man einmal vom „Start“ des riesigen gelben Heliumballons absieht, der an diesem Tag neben rund 400 anderen im Ruhrgebiet über Bismarck steht und so ein „SchachtZeichen“ setzt.

Wer Galle im Café Kaue etwas fragt, der sollte sich tunlichst viel Zeit mitbringen, denn der 76-Jährige hat verdammt viel erlebt und kann darüber äußerst witzig und spannend berichten. Er war die Nummer 693: Das runde Metallschildchen, das ihn als Mittagsschichtler ausweist, existiert noch, genau wie zahllose „beschaffte“ Aufnehmer. „Graf Bismarck“ ist da eingewebt. Oder die gelblichen Tannenbaumkerzen, die die Familien damals zu Weihnachten bekamen. Kumpel Galle hat auch die aufgehoben.

Und da ist die alte Gezähe-
Kiste. Mit einem Schmunzeln gibt der rüstige Senior zu, dass die Kumpel eigentlich daheim werkzeugtechnisch perfekt ausgerüstet waren - und sind. Vieles trägt da den Stempel RAG (oder Vorgänger). Vom Motteck bis zur Zange, vom schweren Gerät bis zur Säge, die Bergleute haben schon Spitzenqualität daheim...

Über die Selbstversorgung kann Galle viel erzählen. So weiß er noch ganz genau, wie der Kohlezug von Buer kommend in Höhe Josefinenstraße stoppen musste. Das war dann der Startschuss für all die, die hier auf der Lauer lagen. Schnell kletterten sie auf die Waggons und warfen brockenweise die Kohle raus. Manchmal waren die Klappen am Waggon noch offengeblieben, als der Zug weiter fuhr, „so dass die ganze Kohle noch weit über den Bahnübergang rauslief...“

Auf diese Weise hatten es die Familien der Bergleute warm - auch in den ganz schlechten Zeiten. Warm war es aber auch im bekannten „Strudel“ im ehemaligen Hafen von Graf Bismarck. Da sorgte das Kraftwerk für einen warmen Strudel, in dem immer wieder gerne gebadet wurde.

Fürs leibliche Wohl deckte man sich auf der Uferstraße in einem Silo ein. Da lagerten gefrorene Schweinehälften, die plötzlich das Fliegen lernten. Wie das ging? Auch dazu sollte man den 76-Jährigen befragen.

Sieben Kinder war man bei Galles daheim, mit 14 Jahren landeten alle Söhne, fünf an der Zahl, auf’m Pütt. Kalle fing hier im Oktober 1947 an. 1951 blieb mit 21 Jahren - drei Tage vor Weihnachten - der ältere Bruder unter Tage. Er war in einen Blindschacht gestürzt.

Galle erinnert sich an die imposanten Leichentransporte zum Friedhof nach Heßler. „Eineinhalb Kilometer lang war so ein Leichenzug mit Blaskapelle, schweren Kränzen. Die mussten die Leute damals die gut fünf Kilometer bis zum Friedhof schleppen. Im Trauermarsch. Das war verdammt schwer!“

Als sein Bruder umkam, habe das auch den Vater umgebracht. Er habe nur noch getrunken und sei dann mit 56 Jahren gestorben. Weder der Vater noch die anderen drei Brüder hätten seither wieder einen Fuß in den Pütt gesetzt. Nicht so er, er hatte Angst, seine Wohnung zu verlieren. „Wenn hier wer abhaute, kam sofort die Räumung.“

In der Stilllegungsphase zwischen Februar und September 1966 bekam jeder Bergmann eine Bleibeprämie. „Sonst wären doch alle weg gelaufen!“ 3000 Euro waren das für die Familie Galle, eine Prämie, die aber pünktlich erst am 30. September ausgezahlt wurde.

7000 Kumpel waren damals auf allen Schächten, erinnert sich der letzte Kumpel Bismarcks. 2800 waren auf Bismarck, das Kraftwerk und die Kokerei eingeschlossen. 1400 arbeiteten unter Tage, 500 über Tage. Und Karl-Heinz Galle mittendrin.

Christa Gruber

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