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Schulentwicklungsplan

„Die Hauptschule ist tot“

19.02.2010 | 20:21 Uhr
„Die Hauptschule ist tot“

Gelsenkirchen.„Der neue Schulentwicklungsplan wird hohe Wellen schlagen.“ Diese Prognose wagte Bildungsdezernent Manfred Beck bei der Vorstellung des Entwurfs. Wer einen Blick auf zentrale Empfehlungen des beauftragten Gutachters wirft, wird es nicht wagen, dem Bildungsdezernenten hier zu widersprechen.

Auflösung aller sieben Hauptschulen in Gelsenkirchen, Aus fürs Schalker Gymnasium, Zusammenschluss von Haupt- und Realschulen in Erle und Hassel, Umwandlung der Gesamtschule Ückendorf in eine Stadtteilschule - das sind die Knackpunkte des 301 Seiten dicken Wälzers.

Eine Botschaft ist der Schulverwaltung ganz wichtig: „Es wird keine Schule von heute auf morgen geschlossen“, betonen Beck, Bildungsreferatsleiter Alfons Wissmann und Referats-Vize Rolf Vonau.

Und auch nicht von morgen auf übermorgen. Denn: Mit der Vorlage des Entwurfs (der den Schulen und Politikern erst am heutigen Freitag zugeht) will die Stadt eine breite Diskussion anstoßen, an der sich auch Eltern beteiligen sollen. Verabschiedet werden soll der neue Schulentwicklungsplan dann im September im Rat. Und für alle aufzulösenden Schulen gelte, dass sie auslaufend geschlossen werden, so Wissmann. Der gesamte Prozess dauere bis 2018.

Dass etwas passieren muss, steht für die Stadt außer Frage: „Wir müssen auf die dramatische demographische Entwicklung reagieren“, sagt Beck. Das sei ein „natürlicher Zwang“.

Und dieser Handlungsdruck bestehe zuallererst beim „Auslaufmodell“ Hauptschule: „Das Anmeldeverhalten hat sich dramatisch verändert. Wir zwingen Eltern in diese Schulform. Ansonsten wäre sie schon nicht mehr existent.“

Der Dezernent (und Grüne) nutzte die Gelegenheit zu einem Frontalangriff auf die Bildungspolitik von Schwarz-Gelb in NRW: „Das Land hält hier an einem nicht mehr funktionierenden Schulsystem fest.“ Das werde sich nach der Landtagswahl ändern - selbst bei einer erneuten Regierungsbildung von Schwarz-Gelb, glaubt Beck.

Ein Kurswechsel in der Bildungspolitik des Landes wäre zur Umsetzung des federführend von Hubertus Schober (Projektgruppe Bildung und Region, Bonn) erstellten Gutachtens allerdings auch dringend nötig - könnten die Kernpunkte doch auf Basis der derzeitigen Schulsystems gar nicht oder nur mit (großen) Abstrichen umgesetzt werden.

Beck macht keinen Hehl daraus, dass er mit dem Entwurf des Schulentwicklungsplans sehr zufrieden ist. „Ich gebe aber zu, dass ich an einigen Stellen überrascht war.“

Zwei Jahre lang hat das (vom Deutschen Städtetag als eine von insgesamt drei Büros empfohlene) „Projektgruppe Bildung und Region“ am Gelsenkirchener Schulentwicklungsplan für die Sekundarstufen I und II gearbeitet. Alle weiterführenden Schulen hat das Bonner Team um den Sozialwissenschaftler Hubertus Schober dafür besucht und ist dabei auch zu der Erkenntnis gekommen, dass die Ausstattung und der bauliche Standard der Einrichtungen „sehr gut ist“. Weniger gefallen dürften einigen Schulen die Empfehlungen, die die Projektgruppe für den Schulstandort Gelsenkirchen gegeben haben. Basis für das umfassende Gutachten waren vor allem Angaben des statistischen Landesamts (LDS). Zentrale Aussage: „Die Zahl der Schüler wird in diesem Jahrzehnt an den Grundschulen und zeitversetzt in den weiterführenden Schulen um 20 bis 25 Prozent abnehmen“, so Hubertus Schober.

Ein mühsamer Prozess stehe Gelsenkirchen bevor, der sich über Jahre hinziehen werde. Der Vorschlag, die Hauptschulen auslaufen zu lassen, betont Schober noch einmal ausdrücklich, sei nicht mutig, sondern realistisch und unvermeidbar. Auch die schwarz-gelbe Landesregierung in Hessen habe sich zu einem solchen Schritt entschieden.

Und diese Weichenstellung sieht der Entwurf für die einzelnen Schulformen u.a. vor:

Gymnasien: Die drei Gymnasien im Süden (Gauß, Grillo, Ricarda) bleiben erhalten. Schalker Gymnasium und Hauptschule Emmastraße werden „zu einer Modellschule einer drei- bis vierzügigen Sekundarschule mit neunjähriger Schullaufbahn bis zum Abitur umgewandelt“ oder alternativ (bei fehlender Genehmigung) eine weitere Gesamtschule. Bestand haben sollen auch die drei buerschen Gymnasien (AvD, MPG, Leibniz). Die mittel- bis langfristig zu versorgenden zehn Züge sollten zu größeren Teilen in den beiden sanierten Schulen am Goldberg untergebracht werden.

Gesamtschulen: Hier soll sich - jenseits der Zügigkeit nichts ändern. Ausnahme: Die Gesamtschule Ückendorf soll zu einer (kleineren) Stadtteilschule (mit Grundschule, Angeboten für behinderte Kinder und evtl. einer Kita) weiterentwickelt werden.

Realschulen: Zwei Stadtteilschulen in Erle und Hassel sollen durch Fusion von Haupt- und Realschulen entstehen (siehe Seite 1). Diese Sekundarschulen sollen an die Oberstufen von Gesamtschule Buer-Mitte (Hassel) bzw. Berger Feld/Ev. Gesamtschule/Buer-Mitte (Erle) angegliedert werden. Bäumer- (Altstadt), Lessing- (Schalke) und Mulvany-Realschule (Bulmke-Hüllen) bleiben auf lange Sicht jeweils dreizügig erhalten, so der Vorschlag des Bonner Büros.

Hauptschulen: (Auslaufende) Schließung aller sieben Hauptschulen. Für den Standort Grillostraße wird auch eine Nutzung für den Förderschulbereich erwogen.

Weiterbildungsangebote: Das Abendgymnasium habe „mit seinem Umzug von der Franz-Bielefeld-Straße in das Gebäude der ehemaligen Hauptschule Ewaldstraße in Resse einen akzeptierten Standort gefunden“. Die Raumsituation der in der Lessing-Realschule untergebrachten Abendrealschule ist „auf Dauer unzureichend“.

Berufskollegs: Optimierungsbedarf - allerdings im Rahmen einer regionalen Schulentwicklungsplanung.

Auch jenseits struktureller Weichenstellungen erwarten Gutachter und Schulverwaltung bei den Förderschulen und im integrativen Bereich erhebliche Umwälzungen. Ein Grund: die Ratifizierung der UN-Konvention, die in letzter Konsequenz auch für Kinder mit Behinderungen ein Recht auf freie Schulwahl bedeutet. „Wir wissen aber noch nicht, wie die Ratifizierung umgesetzt werden soll“, so Gutachter Hubertus Schober.

Stadt und Projektgruppe gehen allerdings davon aus, dass auch ohne feste Regelungen Schritt für Schritt mehr Kinder mit Handicaps an Regelschulen unterrichtet werden. Die Gesamtschule Berger Feld werde dafür wegen des Bedarfs im Sommer einen 2. Zug einrichten, so Bildungsdezernent Beck. Mehr sei dort aber nicht möglich; hier müssten nun auch andere Schulen aktiv werden.

Im Förderschulbereich habe Deutschland einen Sonderweg beschritten, kritisiert Schober. Und: In Gelsenkirchen liege die Quote mit 7,5 Prozent besonders hoch (Schnitt: 5 %).

Die sechs Gelsenkirchener Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen sowie die Förderschule Sprache sollten auf lange Sicht in zwei, drei „Kompetenzzentren“ münden. Diese würden nur als Stützpunkte dienen, weil der größte Teil der Schüler in Regelschulen gehen werde, so die Prognose. Für die beiden Förderschulen für geistige Entwicklung sowie für die Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung werde es auch künftig Bedarf geben, sagt Schober. Allerdings seien z.T. Standortverlagerungen vom Norden in die Bezirke Mitte oder Süd nötig, um lange Schulwege zu verhindern.

Der Schulentwicklungsplan-Entwurf steht erstmals am Dienstag, 2. März, politisch auf dem Prüfstand: in der Sitzung des Bildungsausschusses ab 15 Uhr in der Mensa der Gesamtschule Horst.

Lars-Oliver Christoph

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Kommentare
23.02.2010
14:07
?Die Hauptschule ist tot?
von Dolo Lozano | #21

es ist sehr einfach zu behaupten, das Schalker sucht sich ihre Schüler aus!!!!!!!
Es sind die Eltern und Schüler die aus bekannte Gründe andere Gymnasien aussuchen (wozu sich mit einer 2 Fremdsprache quälen, wenn es doch mit Muttersprache als Fremdsprache so einfach ist?)
Aber klar, wenn Schulleiter mit im Bildungsausschuss sitzen, wird es die eigene Schule kaum treffen!!!!!!!!!

Ich habe Migrationshintergrund, meine Kinder gehen zum Schalker und ich sehr zufrieden!!!!!!!!!!

22.02.2010
23:47
?Die Hauptschule ist tot?
von fordernfördernmodellieren | #20

Interessant daran ist, dass sich der Schulentwicklungsplan Sek I und II mit der Förderschule Sprache auseinandersetzt, die eine reine Grundschule ist und nichts mit dem SEP zu tun hat. Auch als Fördeschule sollte sie doch wohl eher im SEP Grundschule zu betrachten sein, aber die falsche Einstufung zeigt, dass es mit dem Inklusionsgedanken in der Verwaltung noch nicht so weit ist, weil hier wieder alle Förderschüler zusammengefasst werden, obwohl es nicht umsonst unterschiedliche Förderschwerpunkzte und -orte mit ihren besonderheiten der primar und sekundar Zuordnungen gibt.
Dass alle Kinder und Jugendlichen zusammenlernen können zeigen die Pisa-Vorderen; für eine gelingende Inklusion muss aber auchder äußere Rahmen stimmen und eine deutliche Steigerungen aller!!! Ressourcen erfolgen-ja man muss auch Geld investieren wenn man Geld sparen will- ......
Modellschule sagen sie Herr Beck, lassen Sie uns eine Zukunfstwerkstatt machen........aber ohne tabus und finanzielle Grenzen, das heute investierte Geld wird sich irgendwann bezahlt machen

22.02.2010
18:52
?Die Hauptschule ist tot?
von papagena44 | #19

Nicht jeder,der Klavier spielen kann,wird ein Mozart.Hört auf mit der Gleichmacherei,Spezialdemokraten,dasklappt so nicht!!!!!!!!!!

22.02.2010
08:42
?Die Hauptschule ist tot?
von SI | #18

Die jetzige Situation ist für alle unbefriedigend. Ich bin für allgemeine Leistungstest am Ende der vierten Klasse mit einer verpflichtenden Aussage, wo das Kind anzumelden ist. Dazu müsste das Schulsystem durch Schulformwechesel nach oben durchlässiger und flexibler werden.

22.02.2010
06:18
?Die Hauptschule ist tot?
von Epo | #17

Die Hauptschule ist natürlich NICHT tot: sie lebt in ihrer natürlichen Nachfolgerin Gesamtschule fröhlich weiter!

21.02.2010
22:58
?Die Hauptschule ist tot?
von castroper | #16

Sollte es zur Einheitsschule kommen, werde ich, bevor ich Kinder bekomme, genügend Geld ansparen um meine Kinder auf eine Privatschule schicken zu können. Jeder wiess mittlerweile, dass das Projekt Gemeinschaftsschule gescheitert ist. Die Starken und die Schwachen werden dort nicht ausreichend gefördert und heraus kommt nur ein Mittelmaß.

21.02.2010
12:56
?Die Hauptschule ist tot?
von Hotte Schuhschreck | #15

Es wird sein, dass die SPD im Ruhrgebiet vollständig gestoppt wird!

Das von der SPD zu verantwortende Elend bei verfehlter Integrationspolitik, katastrophaler Spaltung der Gesellschaft durch Hartz IV und in den 70+80-ern durch Rau und Rau+Gründ gelegte Kuckucksei bei der Bildungspolitik und Wirtschaftspolitik (man denke nur an die WestLB und SPD-Skandale) muss endlich durch harte Einschnitte beendet werden.

21.02.2010
11:19
?Die Hauptschule ist tot?
von 123 | #14

....als Milieu-Elternteil eines vermeintlich begabten Mittelschichtskindes blicke ich besorgt in die Zukunft wenn diese ganzen Pläne in die Tat umgesetzt werden......für mich spiegelt sich hier auf gewisse Art und Weise das Schulsystem der USA wieder welches ja bestens funktioniert solage man als Elternteil wohlhabend genug ist sein Kind auf eine Privatschule zu schicken......ich sehe das Problem nicht in unserem Schulsystem sondern indem was danach kommt.....jeder sollte die Möglichkeit auf eine Ausblidung bekommen...anstatt Stadtteilschulen zu schaffen sollte man lieber Ausbildungsstätten schaffen...zum Glück wird es mein Kind nicht mehr betreffen wenn das neue Schulsystem umgesetzt wird ....allen anderen drücke ich die Daumen...... P.S. an Frau Phillip können sich manche Schulleiter eine Scheibe abschneiden......Ich bin mit ihr sehr zufrieden...

21.02.2010
09:58
?Die Hauptschule ist tot?
von ermes67 | #13

Es verwundert mich nicht, dass ein gewisses Milieu (Schalker Gymnasium-Eltern) gegen diese sinnvollen Reformen aufbegehrt:
Zu lange haben Sie doch ihre vermeintlich begabten Mittelschichtskinder vor den ach so schlimmen Hauptschülern mit Migrationshintergrund schützen können...

Herr Beck, Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt (eigentlich ja schon längst), setzten Sie sich durch:

Das dreigliedrige selektive Schulsystem ist ein Auslaufmodell und hätte schon seit Jahrzehnten begraben werden müssen. Es ist sozial ungerecht, volkswirtschaftlich ein Disaster (wir verschenken jeden Tag auf der Haupt- und Realschule Potenziale) und sozialpolitisch eine Bankrotterklärung...

Eigentlich müsste die Überschrift lauten:
Das Gymnasium ist tot! Es lebe die Bildungspolitik!

Ich könnte dazu nur sagen: Na endlich, haben Sie es endlich verstanden!

Wir brauchen ein integratives Stadtteilschulsystem mit individueller Förderung, kleineren Klassen und längerem Lernen - Herr Beck, die Grünen in GE und die Schulverwaltung sind auf dem richtigen Weg. Weiter so!

Ich hoffe, dass die SPD , die ja angeblich auch für die integrative Schule ist, ihn jetzt nicht hängen lässt.

Seien Sie sicher : Dem Heulen von Frau Philipp und dem Schalker Gymnasium trauert in Gelsenkirchen gewiss keiner nach.

Durchhalten!

20.02.2010
22:24
?Die Hauptschule ist tot?
von K.K. | #12

Ich habe nur den Hauptschulabschluss. Weil ich zweimal in gruntschule sitzengeblieben bin kamm ich nur auf realschule. Später wurde ich auf hauptschule apgeschobben. Wen ich wie andere kinder zum Gymasium gegangen wäre ich auch Doktor geworden.
Das darf nie wieder pasieren! Deshalp ist das richtig was Herr Doktor Beck macht! Alle könen zum Uni wen sie nur auf Gymasium dürfen!

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