Die Gelsenkirchener Schulwirklichkeit contra Prognose

Die Gesamtschule im Stadtteil Erle ist mit Beginn des Schuljahres eröffnet worden. Schulleiter Andreas Lisson und die stellvertretende Schulleiterin Dr. Franka Christen zogen im November  nach 100 Tagen eine positive Bilanz.
Die Gesamtschule im Stadtteil Erle ist mit Beginn des Schuljahres eröffnet worden. Schulleiter Andreas Lisson und die stellvertretende Schulleiterin Dr. Franka Christen zogen im November nach 100 Tagen eine positive Bilanz.
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Was wir bereits wissen
Prognosen sind wichtig für die Planung, auch in der Schulpolitik. Die Wirklichkeit allerdings hält sich nicht immer an solche Voraussagen. Auch in Gelsenkirchen nicht.

Gelsenkirchen.. Prognosen sind wichtig für die Planung, auch in der Schulpolitik. Die Wirklichkeit allerdings hält sich nicht immer an solche Voraussagen. Im Jahr 2014 haben die Schulen in der Stadt das mehr als deutlich zu spüren bekommen. Nicht nur, weil schon die Zahlen bei den normalen Grundschulanmeldungen unerwartet erstmals wieder leicht angestiegen sind.

Für tägliche Überraschungen in den Schulverwaltungen sorgen vielmehr die Kinder von Zuwanderern aller Altersklassen. Wobei die städtische Schulverwaltung zu Beginn dieses Jahres bereits eine exzellente Schätzung geliefert hatte. „Wir rechnen mit bis zu 900 Kindern im Laufe dieses Jahres, die in internationalen Förderklassen bei uns zu unterrichten sein werden“, schätzte Referatsleiter Alfons Wissmann damals. Damals waren es gut 200 Kinder, mit Beginn der Weihnachtsferien waren es mehr als 880 Kinder. . .

Viele Schulen in der Stadt haben dabei Unglaubliches geleistet: Grundschulen und in erster Linie die viel zu oft geschmähten Hauptschulen. Vor allem am Dahlbusch und an der Grillostraße werden Zuwandererkinder mit unterschiedlichsten Voraussetzungen mit offenen Armen aufgenommen, aufgefangen und so gut irgend möglich fit gemacht für Regelklassen. Da sind Kinder, die daheim gut in der Schule waren, nur die deutsche Sprache noch nicht beherrschen.

Aber auch Zehnjährige, die weder lesen noch schreiben können und deutsch sowieso nicht. Der Lernwillen vor allem bei den jüngeren Kindern ist immens, bestätigen die meisten in den Lehrkräfte in den internationalen Förderklassen. Bei 15-Jährigen, die kein Alphabet kennen, allerdings nicht. Mit ihnen haben es die Lehrer oft schwer.

Die Planung wird in Zukunft nicht leichter

Zurück zur Schulplanung. Sie wird in Zukunft nicht leichter werden. Nicht allein wegen der schwer einschätzbaren Zahl und Verweildauer von Zuwandererkindern. Das hat auch die Politik erkannt.

Einerseits melden immer weniger Eltern ihre Kinder an einer Hauptschule an. Andererseits leisten gerade sie hervorragende Integrationsarbeit bei den Internationalen Förderklassen.

Einerseits müssen alle Gesamtschulen regelmäßig Kinder abweisen. Die neu gegründete Gesamtschule in Erle konnte auf Anhieb fünfzügig starten. Andererseits gibt es eine Ausnahme: die Gesamtschule Ückendorf, die es immer noch nicht schafft, Eltern von ihren Qualitäten zu überzeugen. Obwohl gerade im Süden Gelsenkirchens der Bedarf an Gesamtschulplätzen zweifellos groß ist und die übrigen drei im Norden und somit viel zu weit entfernt sind. Die einzige andere Gesamtschule, die Evangelische in Bismarck, musste diesmal mehr als die Hälfte der Bewerber abweisen! So kann es nicht weitergehen, in 2015 wird die Politik eine Lösung für diese Widersprüche finden müssen.

Lehrer und Schüler wünschen sich Klarheit

Und dann sind da noch die Berufskollegs. Im Juli 2013 wurde das Gutachten zur Bedarfsentwicklung, das Grundlage für die Entwicklungsplanung sein soll, vorgelegt. Noch immer heißt es, danach soll auch gehandelt werden. Mehr als drei Standorte für Berufskollegs seien auf Dauer vor Ort nicht mit einem guten Angebot vertretbar. Das Gutachten sieht erheblich weniger Bedarf an Berufsschulplätzen.

Auf Bedürfnisse von Zuwandererkindern und deren Lebenspläne geht das Gutachten nicht ein, konnte es damals noch gar nicht. Anfang 2015 will man erneut darüber reden. Es wird Zeit: vor allem Lehrer und Schüler der Augustaschule, deren Standort geschlossen werden soll, wünschen sich Klarheit.

Wechsel an der Spitze

Bei den weiterführenden Schulen hat es 2014 regen Wechsel bei den Schulleitungen gegeben. Rolf Rasch, zuletzt kommissarischer Leiter des Schalker Gymnasiums, der fast sein ganzes Lehrerleben und sein Schülerdasein am Schalker Gymnasium verbracht hatte, wechselte 2014 ebenso in den Ruhestand wie seine letzte Chefin, Angelika Philipp. Immerhin konnte hier der neue Leiter Wilhelm Derichs sofort im August starten.

Am Grillo-Gymnasium ging „Urgestein“ Manfred Gast in Pension, am benachbarten Ricarda-Huch-Gymnasium wechselte die für ihre erfolgreiche Arbeit hochgelobte Schulleiterin Ursula Klee zur Bezirksregierung nach Münster. Die Stelle am Ricarda ist noch unbesetzt, Klees Stellvertreter hat die kommissarische Leitung übernommen. Und auch am Grillo gibt es nur eine kommissarische Leitung.

An der Lessing-Realschule übernahm Ursula Kischkewitz den Führungsstab von Norbert Schwarzkopf, der schon im Juli 2013 gegangen war. Dr. Jürgen Smula, langjähriger Leiter der Mulvany-Realschule, hat immerhin sofort eine Nachfolgerin bekommen. Ein Zustand, von dem manche Grundschule nur träumen kann.