„Der Sturm“ fegt ungehemmt über die Bühne

„Der Sturm“ ist eines der tiefgründigsten Werke über die menschliche Natur und den schmalen Grat zwischen Gut und Böse.
„Der Sturm“ ist eines der tiefgründigsten Werke über die menschliche Natur und den schmalen Grat zwischen Gut und Böse.
Glockengeläut und Windgeräusche, im dunklen Raum werfen Lichtpunkte Schatten eines taumelnden Floßes an eine gespannte Leinwand: Lee Beagleys Inszenierung von „Der Sturm“ der Bremer Shakespeare Company beginnt am Samstag Abend im Kleinen Haus alle Sinne vereinnahmend.

Gelsenkirchen.. Glockengeläut und Windgeräusche, im dunklen Raum werfen Lichtpunkte Schatten eines taumelnden Floßes an eine gespannte Leinwand: Lee Beagleys Inszenierung von „Der Sturm“ der Bremer Shakespeare Company beginnt am Samstag Abend im Kleinen Haus alle Sinne vereinnahmend.

Die Zuschauer stranden förmlich gemeinsam mit den Edelherren Antonio, Alonso, Ferdinand und Gonzalo auf der geheimnisvollen Insel des Zauberers Prospero. Und bleiben mitten im Geschehen, in bester „Globe“-Tradition agieren die Schauspieler viel aus dem Raum, stürmen von hinten die Bühne, kriechen vor den Füßen der ersten Reihe.

Beagles Prospero (Erik Roßbander), optisch eine Mischung aus Kapitän Nemo und Indiana Jones, bleibt stets der kühle Strippenzieher. Roßbander, der wissenschaftlich Notizen in sein Büchlein schreibt und große Sätze wie „wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“ ohne Pathos mit entwaffnender Einfachheit skandiert, ist ein großartiger Ruhepol im atemberaubend schnellen Spiel. Kann der Luftgeist Ariel, eine faszinierende Petra Janina Schultz, besser dargestellt werden, als mit schwirrenden Peitschenhieben von dünnen Bambusstäben?

Transzendentale Klänge

Unterstützt werden Ariels mystisch beklemmende Aktionen von den transzendentalen Klängen aus der Feder von Andy Frizell, gesungen von Hanna Beagley. Eine wohliges Gruseln schleicht sich den Rücken hinunter, als könne etwas Unerwartetes geschehen. Das in einem Stück, das zur Weltliteratur gehört, sprich bekannt ist – chapeau. Shakespeares „Zotenszenen“, ein krönender Höhepunkt im Spektakel. Tim D. Lee und Markus Seuß als Matrosen Trinculo und Stephano frönen hier dem Gott Bacchus in Form von 0,5 l Bierdosen, die kräftig geschüttelt, den Gerstensaft zum Spritzen bringen. Der abgestandene Geruch schwängert die Luft. Gemeinsam mit einem großartigen Michael Meyer als Caliban (der schon in der Doppelrolle als republikanisch-grüner Gonzalo glänzt - „was die Gemeinschaft braucht, schafft die Natur von selbst ohn´ Müh“) wälzen sie sich im Dreck, besudeln sich mit Flüssigkeit und grölen Trinksprüche unseres Jahrhunderts „Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zack zack“ – der große englische Dichter, der die Unterhaltung auf der Ebene unter der Gürtellinie stets eingebaut hat, hätte seine Freude daran gehabt. Wie auch das Publikum, das am Ende mit Applaus, Stampfen und Bravo-Rufen gerne dem Bitten des Prosperos nachkommt, ihn und seine Gefährten „mit Euren guten Händen, mich zu befrein aus diesen Wänden“.

Am 1. Februar gibt es noch einmal die Gelegenheit „Der Sturm“ der Bremer Shakespeare Company im Kleinen Haus zu sehen. „Ariel“ lädt augenzwinkernd ins Stammhaus in die Hansestadt ein: „Die Autobahn funktioniert in beide Richtungen.“