Der Fall des Toten im Lift in Gelsenkirchen bleibt ungelöst

Tagelang hat die Menschen der Stadt der Tod eines 59-jährigen Mannes beschäftigt, der erst nach acht Tagen in einem steckengebliebenen Aufzug entdeckt wurde. Die Ermittlungen wurden jetzt eingestellt.
Tagelang hat die Menschen der Stadt der Tod eines 59-jährigen Mannes beschäftigt, der erst nach acht Tagen in einem steckengebliebenen Aufzug entdeckt wurde. Die Ermittlungen wurden jetzt eingestellt.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Ermittlungsverfahren nach dem Fund eines toten Patienten im Fahrstuhl der Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen eingestellt. Ermittler stoßen auf Erinnerungslücken.

Gelsenkirchen.. Eine gelbe Krankenhauswand ist das Letzte, das Wolfgang S. (59) von der Welt sieht, bevor sich die Türen des Fahrstuhls schließen, in dem er sterben wird. Acht Tage lang passieren Patienten der Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen (EvK) ahnungslos den zwischen zwei Etagen steckengebliebenen Edelstahlkäfig auf ihrem Weg in die Schmerztherapie, Mitarbeiter eilen vorüber zu ihrer Cafeteria. Erst am 10. Juli 2015 schließlich findet ein Techniker die Leiche in üblem Zustand. Wie ist Wolfgang S. gestorben? Warum blieb sein Körper so lange unentdeckt? Welche Rolle spielte die Haustechnik?

Diese Fragen werden wohl nie geklärt werden, denn gestern stellte die Staatsanwaltschaft Essen ihre Ermittlungen ein – ihr Bericht weist große Erkenntnislücken auf. Offenbar wollen auch die Evangelischen Kliniken nicht zur weiteren Aufklärung beitragen oder halten den Fall für abgeschlossen: Äußern wollte sich gestern die Geschäftsführung nicht mehr zu dem Vorfall. Und auch den Ermittlern waren Grenzen gesetzt.

Niemand kann sich erinnern

Die Justizbehörde geht von einer Verkettung „unglücklicher Umstände“ aus, die zu dem tragischen Tod geführt haben. „Ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten bestimmter Personen war nicht feststellbar“, erklärt die zuständige Staatsanwältin Valeria Sonntag.

Lifttoter Der Aufzug mit dem Patienten war am 2. Juli zwischen zwei Etagen steckengeblieben, die stark verweste Leiche am 10. Juli von einem Techniker gefunden worden. Seit dem 3. Juli hatten mehrere Stationen telefonisch bei der Haustechnik Störungen des Lifts gemeldet (Mail ist auch möglich, laut EvK).

Bemerkenswert: Von den „sieben Technikern“, so die Staatsanwältin, „will niemand einen solchen Anruf bekommen haben“. Auch kann sich von den Stationsleitungen keine erinnern, mit wem von der Haustechnik gesprochen wurde.

"Es wurden keine Namen genannt"

Der Behörde zufolge ist der Lift zwischen dem 3. und 10. Juli von einem Haustechniker sogar noch in eine Parkposition bewegt und der Hauptschalter ausgeschaltet worden. In der Kabine nachgeschaut worden ist wohl aber nicht.

Die Stilllegung wird technisch nicht protokolliert, so dass der Zeitpunkt und der oder die diensthabenden Techniker nicht erfassbar sind. Sonntag: „Wir können daher keinen Verantwortlichen ermitteln. Es wurden keine Namen genannt, aus welchen Gründen auch immer.“

Wolfgang S. Verschwinden ist der behandelnden Klinik am 2. Juli aufgefallen und dem Gelsenkirchener Wohnheim, in dem er lebte, gemeldet worden. Tags darauf folgte die Vermisstenanzeige.

Kein Notruf, kein Klopfen

Fehleinschätzungen dürften in dem Fall auch eine tragische Rolle spielen. Weil am 30. Juni die Aufzüge von einer Firma gewartet wurden und fälschlicherweise eine Ersatzteilbestellung zu dem betreffenden Fahrstuhl geschrieben wurde, sei der Aufzug wohl nicht mehr beachtet worden. „Man ist wohl im Krankenhaus davon ausgegangen, dass die entsprechenden Stellen Bescheid wüssten und der Störfall bereits in Bearbeitung ist“, sagt die Staatsanwältin.

Mysteriös auch: Warum hat der Patient nicht den Notruf in der Kabine betätigt? Denn das System war funktionsfähig, ist aber nicht ausgelöst worden. Und wann starb der Mann? Klar ist: Nach dem 4. Juli war Wolfgang S. tot, das ist das Ergebnis der biologischen Untersuchungen. Was vorher und bis dahin passierte, bleibt allerdings ein Rätsel. Klopfzeichen etwa, habe laut Staatsanwaltschaft niemand bemerkt.

Kommentar von Nikos Kimerlis: Ein skandalöser Vorfall

Keiner hat etwas bemerkt, keiner kann sich mehr erinnern. Wer das glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann.

So mancher Ermittler dürfte die Faust in der Tasche geballt haben, schließlich sind die meisten Untersuchungen ins Leere gelaufen. Nicht zuletzt dadurch, weil die Aufklärung an einer Wand des Schweigens endete. Schwer vorstellbar ist etwa, dass die Stationsleitung, die die Störung des Fahrstuhls meldet, nicht weiß, wer von der Haustechnik am anderen Ende der Leitung ist. Vielleicht wird künftig zumindest einer unruhiger schlafen, oder auch nicht.

Die Klinikleitung äußert sich nicht. Kein Wort darüber, ob die Organisation hinterfragt und verbessert wird. Wer so Schaden vom Krankenhaus abwenden will, bewirkt das Gegenteil. Der tragische Tod des Patienten bleibt mysteriös. Und skandalös.