Bohlen meuchelt Tristan
19.09.2010 | 13:42 Uhr 2010-09-19T13:42:00+0200
Unsere Hörgewohnheiten, Neue Musik und experimentelles Musiktheater zur Diskussion zu stellen, gewitzt zu unterwandern und dabei auch bewusst ad absurdum zu führen – kein schlechter Ansatz für ein frisches, freches Bühnenwerk.
All das will „Feeds. Hören TV“ von Johannes Kreidler sein, das am Samstag im Kleinen Haus des Musiktheaters uraufgeführt wurde. Letztlich ist es aber doch nur ein krudes Showspektakel mit vielen verschenkten Chancen.
„Hören ist Arbeit!“, propagiert Kreidler zu Beginn, in einem Essay zu „Feeds“ versteigt er sich gar dazu, diese Produktion als „Umerziehungslager“ zu bezeichnen. Erzogen werden soll das Publikum: Zu neuen Hörweisen, mittels einer fünfteiligen Bühnentalkshow zu den Themen „Abhören“, „Klang und das Unbewusste“, „Liebe, Sex und Technik“, „Musikentwertung“ und „Neues Musiktheater“.
Was der Zuschauer vorgesetzt bekommt, ist ein wirrer Mix aus inszeniertem Talk, Soundcollagen, mauen Avantgarde-Klängen, Dokumentartheater und Kabarett. Durch all das irrlichtert Johannes Kreidler wie eine Mischung aus Oliver Pocher und Ranga Yogeshwar und fordert das „Regietheater in der Musik!“
Es gibt zahlreiche gute Ansätze und Ideen in dieser Aufführung, aus denen man viel hätte machen können: Reden der Bundeskanzlerin werden klanglich analysiert und die Basslinien oder die Durchschnittshöhe in Musik umgesetzt, Zitate aus Wagners „Tristan und Isolde“ werden mit Klang-Fragmenten aus verschiedensten Quellen „re-komponiert“, Verkaufsstatistiken der Plattenindustrie werden zu Melodieverläufen, die Monatsgehälter eines Inders (45 Euro) und von Josef Ackermann (1,1 Mio Euro) werden musikalisch in Relation gesetzt. Immer wieder aber werden diese Ideen durch überzogenes Show-Gaga ihrer Wirkung beraubt oder ins Unerträgliche ausgewalzt. So darf Dieter Bohlen hier den armen Tristan zig-mal zu verschiedenen PC-Spiel-Sounds abschlachten – danke, wir hatten es auch beim ersten Mal verstanden.
Stück (Konzept und Komposition: Johannes Kreidler, Text: Leowee Polyester) und Inszenierung (Kreidler, Ulla Theissen) wollen zuviel, Bühne (Justyna Jaszczuk) und Kostüme (Jörg Bäcker) unterstreichen den Spektakel-Charakter, die sieben Musiker unter Leitung von Askan Geisler verkommen zur Staffage, Elise Kaufman (Isolde) und William Saetre (Tristan) müssen als Witzfiguren auftreten.
Am Ende, beim Thema „Neues Musiktheater“, hätte Johannes Kreidler die perfekte Chance gehabt, auch seinen eigenen Ansatz auf den Prüfstand zu stellen und eine gewisse sympathische Selbstironie zu zeigen. Diese Gelegenheit nutzt er jedoch nicht – dazu scheint der Komponist sich und sein Werk letztlich dann doch viel zu ernst zu nehmen.
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Im Netz steht ein Video der Tristan-Meuchelszene, ein kulturgeschichtlicher Abriss der Frage, wie Tod mit den Mitteln der 80er-Jahre-Computer musikalisch dargestellt wurde (Aussage Kreidler). Also ich finde es sehr unterhaltsam, das Publikum fand es offenbar auch:
http://www.youtube.com/watch?v=JWJmBMBKZ8c