Bei Bernhard Schwichtenberg ticken die Uhren anders
29.08.2009 | 17:00 Uhr 2009-08-29T17:00:00+0200
Der Kieler Kunstprofessor Bernhard Schwichtenberg zeigt im Städtischen Kunstmuseum ab dem 30. August Werke aus 50 Jahren. Dabei wird deutlich: Der Künstler hat sich und seine Kunst immer wieder neu erfunden.
Er hat sich und seine Kunst immer wieder neu erfunden – und ist gerade dadurch seinem Stil treu geblieben: Bernhard Schwichtenberg, Kinetik-Künstler, Grafiker, Kunstprofessor und Tüftler in einer Person. Das städtische Kunstmuseum Gelsenkirchen widmet dem 71-Jährigen nun eine Werkschau, die die vielen Facetten seiner Arbeit auf drei Etagen zeigt. „Aus meinem Repertoire – Bilder und Objekte” ist die Wanderausstellung, die zuvor bereits in Kiel und Bayreuth zu sehen war, betitelt. Gezeigt werden über 150 Arbeiten aus 50 Jahren.
Und was verbindet den Künstler mit Gelsenkirchen? „Am liebsten würde ich mir in der kinetischen Sammlung hier ein Bett aufstellen und für immer bleiben”, sagt Bernhard Schwichtenberg lachend. Und verschweigt dabei, was Museumsleiterin Leane Schäfer sogleich verrät: „Bernhard Schwichtenberg gilt als einer der Pioniere der kinetischen Kunst.”
Zu merken ist dies auch bei den ersten Objekten seiner Ausstellung: Hier hängt ein bewegliches Fantasie-Objekt mit vielen Zahnrädern aus dem Jahr 1965 neben einem aktuellen Werk aus dem Jahr 2008, an dem „Bitte nicht füttern” steht. Drei Fischgräten aus Draht drehen sich dabei in einem leeren Aquarium um die eigene Achse. Leise rattern die Motoren der Werke vor sich hin. Auch ein berühmtes Werk, der „Drahtmann, hirnlos”, mit dem Schwichtenberg international für Aufsehen sorgte, ist hier zu finden.
Bei diesem Objekt, das über Lautsprecher rechtsradikale Parolen verbreitet, zeigt sich die politische Ebene seiner Werke, die sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Schaffensperioden zieht: Da sind winzige Drahtobjekte, die der Künstler zur Weihnachtszeit an Freunde und mahnend an Politiker aus aller Welt verschickte. Hier wird der Nah-ostkrieg thematisiert, Tschernobyl, die Wiedervereinigung und die Ausländerfeindlichkeit im Land. Niedlich sind die Objekte nur auf den ersten Blick.
Dass Bernhard Schwichtenberg, der in Kiel Grafik studierte und gleich als Professor dort hängen blieb, stets mit der Zeit ging, verraten seine Ziffernblatt-Objekte. Auch mit Licht hat der Tüftler gern gearbeitet. Dabei sticht eine Kugelbahn mit Stromabnehmer und leuchtenden Kugeln heraus. Im Erdgeschoss der Museumsvilla sind neben Grafikarbeiten auch Exponate zu finden, die Schwichtenberg seit Jahren am Herzen liegen: Seine „Plattitüden”, Blechdosen, die er mit dem Auto plattfuhr und hinter Japanpapier verbannte, um sie aus der Welt zu schaffen. „Dosen waren mir schon immer ein Dorn im Auge”, sagt er und zeigt ein Werk, das die Wegwerfmentalität der USA kritisiert: Hier prangt ein plattgefahrener Big Mäc neben Coladosen hinter Glas. Hier ist alles echt. Das macht Schwichtenberg als Künstler so authentisch.
Seinen Lebenslauf hat Bernhard Schwichtenberg übrigens in einem kleinen Kasten zu Kunst verarbeitet: Aus Berlin, wo er 1938 geboren wurde, stammt dafür eine Anstecknadel und ein Blechspielzeug, aus Köln, wo er lange lebte, ein Kölsch-Bierdeckel. Das kinetische Element darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Eröffnet wird die Ausstellung „Aus meinem Repertoire” am Sonntag, 30. August, um 11.30 Uhr im städtischen Kunstmuseum an der Horster Straße 5-7.
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