Asylbewerberin in Gelsenkirchen beklagt Vermieterschikane

Im Erdgeschoss des Backsteinbaus sind die Fensterläden herunter gelassen, die Wohnungen im Obergeschoss scheinen unbewohnt zu sein. Gegenüber liegt das ehemalige alte Postamt.
Im Erdgeschoss des Backsteinbaus sind die Fensterläden herunter gelassen, die Wohnungen im Obergeschoss scheinen unbewohnt zu sein. Gegenüber liegt das ehemalige alte Postamt.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
21-jährige Sonja B. lebt ohne Wasser, ohne Heizung und ohne funktionierende Toilette in Gelsenkirchen. Dem Vermieter wurde ein Bußgeld angedroht.

Gelsenkirchen.. Ungezählte Fälle hat Ernst Georg Tiefenbacher als Rechtsanwalt des Deutschen Mieterbundes schon bearbeitet – einer wie der von Sonja B. ist ihm in 40 Jahren aber noch nicht untergekommen. „Mein Eindruck: Hier ist jemand ausländerfeindlich und schikaniert seine Mieterin“, empört sich Tiefenbacher, der Strafanzeige erstattet hat.

Was die 21-jährige Albanerin Sonja B. drei Tage nach dem Einzug in die Buerer Straße am 13. November von Vermieterin Monika B. über sich ergehen lassen muss, das erzählt sie im Beisein ihrer Dolmetscherin Mercedes Alushaj, die sich unter anderem ehrenamtlich für die Tafel Gelsenkirchen engagiert.

Geld für Post und Eintritt

Am 16. November sei ihr das Wasser abgestellt worden, erzählt die ehemalige Geologiestudentin, deren Asylantrag derzeit bearbeitet wird. „Die Toilette funktioniert nicht, ebenso die Heizung. Als mich ein Verwandter aus Wuppertal besuchen wollte, musste ich sechs Euro Eintritt an die Vermieterin zahlen, für die Herausgabe meiner Post zehn Euro.“ Ihre Vermieterin versperre ihr zudem den Zugang zu den Mülltonnen. Duschen täte sie jetzt einmal in der Woche bei der Dolmetscherin, sie hat ihr auch einen „kleinen Heizlüfter zu Verfügung gestellt“, weil es eiskalt sei in der Wohnung. Ihre Notdurft verrichte sie unter den Umständen in Cafés und Restaurants.

Alushaj und Sonja B. beklagen zudem, dass die Stadt nur sehr langsam reagiere, mehrfach hätten sie beim Amt vorgesprochen oder sich schriftlich geäußert. Getan habe sich bislang aber nichts.

Stadt schickt Aufsicht

Bei der Stadt „ist der Fall seit Mitte Dezember aktenkundig“, wie Sprecher Oliver Schäfer mitteilt. Die Verwaltung betont, dass es sich um einen Einzelfall handele. Die Wohnumstände stufte der Sprecher als „nicht haltbar“ ein.

Und weiter: Im Gespräch zwischen einer Sachbearbeiterin der Stadt und Vermieterin Monika B. habe diese sich uneinsichtig gezeigt, das Eintrittsgeld bestätigt. Von den geschilderten Verhältnissen alarmiert, hat die Verwaltung reagiert und die Wohnungsaufsicht am Mittwoch zur Überprüfung zur Buerer Straße in Horst geschickt.

Das Ergebnis: Die Vorwürfe bezüglich Heizung, WC, Wasser und Müll treffen alle zu.

Die Folge: „Etwas mehr als 100 Euro Nebenkosten von der Stadt zu kassieren ohne eine Leistung zu erbringen“, sagt Stadtsprecher Schäfer, „erfüllt einen Straftatbestand.“ Die Stadt gehe von Vorsatz aus und hab der Vermieterin ein Bußgeld in Höhe von 5000 Euro angedroht, ein Zwangsgeld in Höhe von 3100 Euro könnte dem noch folgen. Monika B. muss nun die Mängel umgehend beheben. Auferlegt wurde ihr auch eine unmittelbare Erreichbarkeit.

Nummer unvollständig

Mit Monika B. ein Gespräch zu führen, könnte schwierig werden. Am Dienstag war sie daheim nicht anzutreffen, später bat sie am Telefon wegen eines „plötzliches Todesfalls“ um eine Vertagung auf Mittwoch. „Ich melde mich“. Tat sie nicht. Gestern folgte dann auf unsere Anrufe hin die elektronische Ansage, dass die Nummer unvollständig sei.

Kommentar von Nikos Kimerlis: Menschenverachtend

Skandalös, anders kann man das Verhalten der Vermieterin nicht bewerten. Was sie bewegt hat, so mit der jungen Frau umzuspringen, die krank einer Operation entgegensieht, bleibt unklar. Klar ist: Die Hausbesitzerin hat ihre Mieterin übel gegängelt. Und Geld bekommen, dessen Gegenwert sie schuldig blieb. Das ist entwürdigend, menschenverachtend und betrügerisch.

Die Stadt erklärt, dass das Vermittlungsteam vom „ersten Anruf bei der Vermieterin über die Wohnungsbesichtigung bis hin zur Vertragsunterschrift dabei gewesen“ ist. Gut und richtig.

Allerdings schaut man Menschen nur vor den Kopf, wie dieses Negativbeispiel zeigt. Asylbewerber haben oft allein wegen der Sprachbarriere keine echte Stimme. Der Vorfall mahnt dazu, genauer hinzuschauen. Und nachzufragen. Ansonsten ist dem Kassemachen auf dem Rücken der Schwächsten Tür und Tor geöffnet. Pegida und Co. haben unserem Ruf schon genug geschadet.