Zweites Zuhause für kleine Bewohner in der Wohngruppe

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Was wir bereits wissen
In der Kinderwohngruppe des Evangelischen Kinder- und Jugendhauses im Herzen von Buer wachsen Kinder in familienähnlichen Verhältnissen auf, die kurzfristig oder dauerhaft nicht im elterlichen Heim leben können.

Die Osterdekoration steht noch auf der breiten Fensterbank. Sie Sonne fällt durch die großen Fenster, lässt den Raum förmlich erstrahlen. Am großen Esstisch sitzen gespannt die kleinen und größeren Bewohner des Hauses. Für sie ist der Raum ein Herzstück ihres Zuhauses – ihres zweiten Zuhauses. Das erste nämlich mussten sie verlassen. Jetzt leben sie gemeinsam in der Kinderwohngruppe des Evangelischen Kinder- und Jugendhauses.

„Wir versuchen hier, familienähnlich zu arbeiten, Beziehungen anzubieten“, erklärt Ulla Adamowski. Seit 1978 ist sie in der Jugendhilfe tätig, seit 22 Jahren im Haus im Herzen von Buer, vis-á-vis zum Wochenmarkt. Einige Kinder, erzählt sie, werden mit der Zeit ein wenig wie eigenen. Manche haben viele Jahre ihrer Kindheit hier in der Kinderwohngruppe verbracht, machten hier ihre ersten Schritte in ein selbstständiges Leben. Den Spagat, auch die eigene Familie zu leben, schaffte Ulla Adamowski, die im Rahmen ihrer Schichten auch die Nächte in der Kinderwohngruppe verbringt. „Wenn mir jemand anbieten würde, von morgens 9 bis nachmittags 17 Uhr zu arbeiten – das wäre unvorstellbar für mich.“

Keine Konkurrenz für die Eltern

Neugierig rutschen die kleinen Bewohner auf den Stühlen hin und her. Sie alle sind aufgeregt. Schließlich ist nicht jeden Tag die Presse im Haus. Sie wollen auch erzählen von ihrem Leben in der Gemeinschaft. Nadja denkt da sofort an Weihnachten, wenn das Esszimmer zum geheimen Raum wird. „Hier stehen dann die Geschenke und der Baum. Und alles ist verhängt, damit wir nichts sehen.“ Wenn die Kinder berichten, klingt alles nach heilem Familienleben. Und so soll es sein.

„Wir haben alle zwei Zuhause“, erklärt Ulla Adamowski und meint damit nicht nur die Mitarbeiter. „Sie spricht auch von den Kindern. Das eigentliche Heim bei den Eltern der Kinder ist keine Konkurrenz. Für die Kinder ist es wichtig, dass sie den Kontakt halten zu den Eltern. Wenn mit denen eine gute Zusammenarbeit gelingt, gelingt auch die Arbeit hier bei uns in der Wohngruppe.“

Bildungschancen sind gut

Wenn die Mitarbeiter erzählen aus dem Alltag fällt auf, wie viele Freizeitangebote es gibt, wie gut die Kinder gefördert werden. Der eine spielt Klavier, der andere Theater. Die Bildungschancen scheinen hier sogar besonders gut. Alte Klischees dürfen getrost ad acta gelegt werden. „In den Köpfen der Menschen ist das Kinderheim ein großer Kasten. Das ist heute aber nicht mehr so“, meint Mitarbeiter Jens Schöneich. Zum gemütlichen Haus kommen individuelle Angebote. „Wir bemühen uns, die Kinder bestmöglich zu fördern.“ Dafür darf eine junge Bewohnerin, die gerade ihr Abitur macht, sogar ein paar Monate über die Volljährigkeit hinaus hier wohnen.

Am Tisch, gleich am Fenster, sitzt auch Carolin. Seit einem knappen Jahr lebt die 17-Jährige hier, zuvor war sie in einem anderen Haus der Diakonie. Jetzt beendet sie ihre Realschule. Für die Zeit danach hat sie große Pläne. „Ich gehe auf das Berufskolleg und will Erzieherin werden.“ Noch ein Beispiel dafür, welch prägenden Eindruck die Mitarbeiter des Hauses auf die jungen Menschen haben. Ein weiteres findet sich am Rande. Da wird es einer jungen Dame zu langweilig. Mit einem strahlenden Lachen im Gesicht fällt sie Ulla Adamowski um den Hals und kuschelt sich an sie.