US-Kriegswaise auf Spurensuche in Hassel

Auf Spurensuche in Hassel: Ellen und Bruce Brodowski (2. u. 3. v.l.). Bei der Recherche behilflich waren Egon Kopatz vom Geschichtskreis Bergmannsglück (2.v.r.) sowie Übersetzer Wolfgang Bollmann (r.).
Auf Spurensuche in Hassel: Ellen und Bruce Brodowski (2. u. 3. v.l.). Bei der Recherche behilflich waren Egon Kopatz vom Geschichtskreis Bergmannsglück (2.v.r.) sowie Übersetzer Wolfgang Bollmann (r.).
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Gelsenkirchen-Hassel kannte Bruce Brodowski bisher nur aus den Briefen seines Vaters Edward an seine Mutter – jetzt begab sich der Amerikaner dort auf Spurensuche: Nach seinem Vater, der dort als Soldat von einer Granate getötet wurde.

Gelsenkirchen-Hassel..  Ein paar parkende Autos, ein Restaurant, weiter hinten die Hasseler St.-Michael-Kirche: Völlig unspektakulär wirkt der August-Schmidt-Platz an diesem Montagmorgen. Dass hier einst Geschichte geschrieben wurde – eine, die das Leben von Bruce Brodowski prägen sollte wie kaum etwas anderes – darauf deutet nichts. Die Arme um seine Frau Ellen und Egon Kopatz gelegt, den Hasseler Heimatforscher, schließt der US-Amerikaner die Augen und wird still im Gedenken an seinen Vater Edward, der vor 70 Jahren an genau dieser Stelle von einer deutschen Granate getötet wurde.

Meter für Meter erläutert ihm Kopatz vom Geschichtskreis Hassel/Bergmannsglück die Ereignisse dieses 30. März 1945: „Dort stand der deutsche Tigerpanzer mit seinen sechs Mann Besatzung, alles junge Männer zwischen 17 und 25, getarnt unter einer Trauerweide an der Ecke Otte-/Valentinstraße; dort tastete sich der Shermanpanzer mit dem Kommandanten Brodowski und zwei Soldaten in die Valentinstraße; dort lebten die zwei Augenzeugen des Angriffs, die mir von ihren Erlebnissen noch kurz vor deren Tod erzählten; und dort wurde der deutsche Panzer von einem Tiefflieger komplett zerstört.“

„Kreis hat sich geschlossen“

Kopatz und Kollegen haben die Begegnung akribisch vorbereitet, nachdem der Horster Andreas Jordan von Gelsenzentrum Anfang 2015 den Kontakt zu Brodowski aus Charlotte in North Carolina hergestellt hatte. Dieser war durch die Internetseite auf den Verein zur lokalen Aufbereitung der NS-Zeit und zur Erinnerungskultur aufmerksam geworden. „In einem WAZ-Artikel über den ersten US-Panzer auf Gelsenkirchener Gebiet bin ich auf Herrn Kopatz gestoßen – schon war die Verbindung da“, so Jordan.

Für Brodowski (69) scheint sie sich gelohnt zu haben: „Es ist gut, dass ich diese weite Reise unternommen habe. Ich spüre eine spirituelle Verbindung zu meinem Vater, den ich mein Leben lang vermisst habe.“ Geboren drei Monate nach dem Tod des Vaters, wuchs er nach dem Krebstod der Mutter 1954 bei seiner Großmutter auf.

Keine Wut, nur Enttäuschung

Ob er wütend auf die Deutschen sei? Der Rentner schüttelt den Kopf. „Nein, nur enttäuscht, weil ich keinen Vater hatte, von dem ich hätte Fischen oder Baseball-Spielen lernen können.“

Erst 2005 begann er, Fakten über seinen Vater zu sammeln. „Der Panzerfahrer, der vor den Deutschen in Hassel geflüchtet war, hatte mir damals von ihm erzählt. Danach arbeitete ich die Briefe an meine Mutter durch und recherchierte den Weg der 8. US-Panzerdivision von Polsum nach Hassel.“ Heraus kam das Buch „The Dad I never knew“ (Der Vater, den ich nie kennenlernte). Am Ende war es jedoch seine Frau Ellen (68), die ihn dazu ermutigte, die Spurensuche vor Ort fortzusetzen – bzw. abzuschließen. „Für mich hat sich an diesem Tag ein innerer Kreis geschlossen.“