Sigrid Weiser: Anwältin der Menschenwürde

Pflegt das offene Wort, auch wenn sie damit jemandem vor den Kopf stößt: Sigrid Weiser, Vorsitzende des Vereins Gelsenkirchener Tafel.
Pflegt das offene Wort, auch wenn sie damit jemandem vor den Kopf stößt: Sigrid Weiser, Vorsitzende des Vereins Gelsenkirchener Tafel.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Fast täglich rührt sie die Werbetrommel, damit der Strom von Lebensmittelspenden für Bedürftige nicht versiegt: Sigrid Weiser. Als Vorsitzende des Vereins Gelsenkirchener Tafel sieht sie manche Spenden aber auch kritisch.

Gelsenkirchen-Buer..  Weiblich, engagiert, durchsetzungsfähig: „Starke Frauen“ – so der Titel einer neuen WAZ-Serie – gibt’s nicht nur (vereinzelt) in den Vorstandsetagen großer Unternehmen. Sie finden sich auch vor Ort im Stadtnorden, jenseits markiger Emanzipationsbekundungen: Frauen, die ihren eigenen Lebensentwurf leben, Verantwortung übernehmen für sich und andere. Wie Sigrid Weiser aus Buer, Vorsitzende des Vereins Gelsenkirchener Tafel. Nach der Familienphase startete sie neu durch, bereit, sich auch unbeliebt zu machen, wenn es um die Würde von Hartz-IV-Empfängern geht – ihren Kunden.

In Kameras gucken, Hände schütteln, Pakete packen: Die stressigste Zeit im Jahr hat Sigrid Weiser gerade hinter sich mit den vielen Spendenübergaben kurz vor Weihnachten. Nun eilt sie von Neujahrs- zu Neujahrsempfang: Repräsentieren, Kontakte pflegen, damit die Lebensmittelspenden von 90 Tonnen monatlich für vier Ausgabestellen nicht versiegen, „das gehört dazu“, sagt sie. Durchschnittlich 15 Stunden pro Woche investiert sie ins Ehrenamt, seit vier Jahren.

„Spontan Ja gesagt“

Damals hat sie „spontan Ja gesagt“, als die damalige Vereinsvorsitzende Ursula Gandeh-Sani sie fragte, ob sie sich diese Aufgabe vorstellen könne; schon einige Jahre zuvor hatte Sigrid Weiser in der Ausgabestelle am Nordring ehrenamtlich Lebensmittel sortiert. Tochter Sarah, heute 21, brauchte sie nicht mehr so dringend. „Und zu Hause sitzen wollte ich nicht“, betont die studierte Textil- und Bekleidungstechnikerin, die vor ihrer Heirat 1993 als Abteilungsleiterin für Personalausbildung Auszubildende und Führungskräfte geschult hatte. Als Sarah geboren wurde, blieb die gebürtige Münsterländerin zu Hause – in der neuen Heimat Buer. Eine interessante Erfahrung für den „Hotelfreak“, der zuvor 50 000 Kilometer im Jahr durch Deutschland getourt war, um Mitarbeiter zu coachen.

Organisieren, sich Zeit für Gespräche nehmen und ausloten, wo der Schuh drückt: All das hatte sie als junge Frau gelernt und konnte es als Vereinsvorsitzende gut gebrauchen. „Anfangs hatten wir mit dem Umbau der neuen Räumlichkeiten am Nordring zu tun, dann galt es, den steigenden Bedarf an Lebensmitteln zu decken. Die Armut nimmt leider weiter zu.“

Ärger über Gedankenlosigkeit

So dankbar sie für jede Spende ist, so sehr ärgert sie sich über die Gedankenlosigkeit, die darin bisweilen zum Ausdruck komme. „Was hat eine Damenstrumpfhose in Größe 44 in einer Weihnachtstüte für Kinder zu suchen? Oder warum sollten sich unsere Kunden über zwei Kilo keimende Kartoffeln unterm Baum freuen? Das verletzt doch die Würde der Menschen“, sagt sie und erzählt von ihrer Idee eines Tafel-Hotels. „Ein Hotel etwa an der See für Hartz-IV-Empfänger, die sich sonst niemals einen Urlaub leisten könnten; mit Kochkursen für Mütter, in denen sie lernen, frische Lebensmittel zu verarbeiten – das wär’ toll...“