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Tagesstruktur

Rüstige Rentner mit Behinderung

10.02.2012 | 16:09 Uhr
Rüstige Rentner mit Behinderung
Foto: Thomas Schmidtke / WAZ FotoPool

Gelsenkirchen-Buer.Annette backt Pizza. Mit Freude rollt sie den Teig aus, während ihr Nebenmann den Belag schnippelt. Es wird Zeit, dass die Pizza in den Ofen kommt. Es ist schon elf. Und die Mittagszeit ist nicht mehr weit. Sie wollen alle pünktlich essen, die rüstigen Rentner mit geistiger Behinderung.

Seit Monatsbeginn gibt es für sie das Angebot der „Tagesstruktur“ in der Lebenswelt Gabriel. „Das ist eine den Tag strukturierende Maßnahme für Menschen mit Behinderung, die nicht oder noch nicht erwerbstätig sind“, erklärt Michael Volmar-Rehberg von der Lebenswelt.

Neun Menschen kommen hier morgens um halb zehn zusammen, verbringen und gestalten gemeinsam ihren Tag. Bisher sind die Rentner noch unter sich. Auch wenn das Angebot auch für junge Menschen offen ist. Doch gerade im Bereich der älteren Menschen mit Behinderung sind die Angebote rar. „Wir stehen erstmals vor der Situation, dass auch Menschen mit Behinderung älter werden als bisher“, schildert Volmar-Rehberg und verrät, dass der älteste Teilnehmer der Maßnahme stattliche 76 Jahre alt ist. Die Notwendigkeit eines solchen Angebotes machte sich im Wohnheim der Lebenswelt bemerkbar. „Bisher war das Haus so konzipiert, dass die Leute arbeiten gehen. Da müssen wir jetzt auch umdenken.“

Die „Tagesstruktur“ ist ein erster Schritt. Und sie ist noch in der Versuchsphase. Das Konzept soll ständig erweitert werden. Den Teilnehmern gefällt es aber jetzt schon gut. Während die einen noch kochen, machen die anderen Puzzle-Spiele. „Nach den Interessen der Teilnehmer werden Aktivitäten angeboten, zum Beispiel Spiele, die die intellektuellen Fähigkeiten fördern und erhalten“, so der Leiter des Programms, Jürgen Dauwe. Er weiß: Genau hier liegt das Problem. „Ich habe manchmal das Gefühl, unsere Teilnehmer altern oft schneller durch die hohe körperliche Belastung und die starken Medikamente, die manche Behinderungen mit sich bringen.“ Und so ist kaum einer im Raum, der nicht mittlerweile ein altersbedingtes Zipperlein hat. In vielen Bereichen birgt das für das derzeit noch zweiköpfige Betreuerteam Herausforderungen. „Der Aufwand ist schon ziemlich hoch. Zumal viele hohe Ansprüche in Sachen Körperpflege haben.“

Solche Herausforderungen nehmen die Betreuer aber gerne an, werden sie doch durch die Freude der Teilnehmer belohnt. „Wir haben Kreativangebote vorbereitet und immer donnerstags findet unser Singkreis statt“, berichtet Dauwe aus dem Alltag. Und auch Michael Volmar-Rehberg ist zufrieden. „Uns ist wichtig, einen zweiten Lebensraum anzubieten. Es ist ein Baustein in unserem Angebot für Menschen mit Behinderung.“ Und zwar einer, der durchaus demnächst wachsen soll. Noch nämlich laufen die Gespräche mit dem Träger, dem Landschaftsverband. Sobald der Förderrahmen fest steht, wird mehr Personal eingestellt und das Programm könnte sogar umziehen. Denn in der Lebenswelt Gabriel ist maximal Platz für zwölf Personen. „Ist die Zahl erreicht, müssen wir uns nach neuen Räumlichkeiten umsehen“, so Volmar-Rehberg, der auch mit seinen eigentlichen Visionen nicht hinterm Berg hält. „Mein Wunsch wäre ein Generationenhaus, in dem auch solche Bausteine realisiert werden, und das ganz im Sinne der gesellschaftlichen Teilhabe funktioniert, also Raum bietet für Menschen mit Behinderung und ohne.“

Kira Schmidt

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