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Raum für den Schmerz

22.10.2008 | 18:16 Uhr
Raum für den Schmerz

Der evangelische Krankenhausseelsorger Christian Ellgaard und die katholische Trauerbegleiterin Marlies Weber kümmern sich um die Angehörigen von Verstorbenen im ökumenischen Trauercafé im Matthäuszentrum.

Wenn ich gewusst hätte, dass Mutter so bald stirbt, dann wäre ich geduldiger gewesen. Dann hätte ich mehr für sie getan.

Selbstvorwürfe, Trostbedürfnis, Verlustschmerz: Der evangelische Krankenhausseelsorger Christian Ellgaard (56) und die katholische Trauerbegleiterin Marlies Weber (80) kümmern sich um die Angehörigen von Verstorbenen. Im ökumenischen Trauercafé im Matthäuszentrum: „Wir hören zu”, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Weber. „Die Trauernden sollen sich im Gespräch mit uns aufgehoben fühlen.”

Pfarrer Christian Ellgaard Foto: Nils Aders/HG Buer

Sterbende hatten die beiden unabhängig von einander zuvor schon länger begleitet. Doch immer stärker lagen ihnen andere Fragen auf dem Herzen: Was passiert eigentlich mit den Angehörigen? Mit denen, die mit dem Verlust umgehen müssen? Und die trotzdem ihr Leben weiterleben müssen? Daraus entwickelte sich die Idee. Die Idee, dass es auch Angebote für die Angehörigen geben sollte – das Trauercafé war geboren. Um der Trauer einen Raum zu geben. Das war 2003. Mittlerweile arbeiten elf Menschen mit, vier Hauptamtliche und sieben Ehrenamtliche.

Mein Mann ist mit 50 Jahren verstorben. Jetzt machen die Leute einen Bogen um mich, weil sie so unsicher sind.

„Für Trauernde die richtigen Worte zu finden, ist schwer”, betont Weber. Ohne platte Allgemeinaussagen, ohne zu sagen „das Leben geht weiter”. Denn das Leben geht für viele oft nicht weiter. Es fehlt die Kraft, den Alltag zu meistern. Die Kraft, morgens aufzustehen. Die Kraft, mittags Essen zu kochen. Weber: „Wir wollen mit dem Café diesen Menschen helfen, wieder neuen Lebensmut zu finden.” Die Besucher treffen auf Menschen mit gleichen Problemen. Und zu diesen Problemen zählt auch, dass Freunde oft nicht mit der Trauer des Betroffenen umgehen können.

Ich muss zweimal pro Tag auf den Friedhof zum Grab meiner Frau gehen. Sonst schaffe ich es nicht, weiter zu leben.

Marlies Weber Foto: Nils Aders/HG Buer

„Es gibt 40 verschiedene Trauerwege“, sagt Pfarrer Ellgaard. „Der eine kann sich nach dem Tod des Ehepartners nicht mehr ins Ehebett legen und will am liebsten alle Möbel austauschen. Der andere will sich von keinem Stück trennen.” Das Trauercafé begleitet die Angehörigen einen Stück auf ihrem Trauerweg. Doch es sollte keine jahrelange Zufluchtsstation sein. Ellgaard: „Wir glauben, dass jeder Mensch so ausgestattet ist, Trauer zu durchleben aber auch zu überwinden.“ Gelingt dies nicht, sei therapeutische Hilfe durchaus angebracht.

Darf ich mich freuen,obwohl mein Partner gestorben ist?

Am meisten leiden Trauernde, wenn sich auch noch Schuldgefühle einstellen. Viele Menschen tragen diese Last mit sich herum, im Matthäuszentrum können sie es aussprechen. Ellgaard: „Wir vertrauen auf die heilende Wirkung des Aussprechens.”

Meine Kinder lassen mich im Stich. Ich wünsche mir, dass sie mich viel öfter besuchen. Jetzt, wo ich so allein bin.

„Die Erwartungen an die Kinder sind oft zu hoch“, sagt Pfarrer Ellgaard. Diese Aussage soll den Besuchern zwar nicht unter die Nase gerieben werden, aber: „Wir wünschen uns, dass sie selbst darauf kommen, dass sie länger über sich nachdenken.“ Über sich selbst nachdenken, über den Verstorbenen reden: Wem das gelingt, der ist auf dem Trauerweg einen gewaltigen Schritt nach vorne gegangen.

Auf unterschiedlichen Wegen

Trauer, Verzweiflung, Mutlosigkeit: Der Tod eines geliebten Menschen ist ein tiefer Einschnitt im Leben der Zurückgebliebenen. Trauern ist ein aktiver Prozess, den der Betroffene selbst gestalten muss, der harte Arbeit für die Seele bedeutet. Denn nicht nur Trauern hat seine Zeit, sondern auch die Phase des Loslassens und des Weitergehens.

Die WAZ-Serie geht der Frage nach, auf welchen unterschiedlichen Wegen Trauer bewältigt werden kann, welche Personen, Institutionen oder Handlungen dabei helfen können.

Die erste Folge beschäftigt sich mit dem Ökumenischen Trauercafé im Matthäuszentrum direkt neben der Matthäuskirche, Cranger Straße 81. Das Café ist sonntags von 14.30 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Infos zum Trauercafé finden Sie  hier.

Daniela Städter

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