Nordstern: Grubenunglück löschte 14 Leben aus

Ein Meer von Kränzen säumte bei der Trauerfeier im Juni 1955 die Fläche vor der Anlage 3/4 der Zeche Nordstern in Horst.
Ein Meer von Kränzen säumte bei der Trauerfeier im Juni 1955 die Fläche vor der Anlage 3/4 der Zeche Nordstern in Horst.
Foto: ISG
Was wir bereits wissen
Sie hatten ihre Schicht auf Nordstern vorverlegt, um die Übertragung der deutschen Fußballmeisterschaft zu hören: die 14 Kumpel, die am 26. Juni 1955 einfuhren. Allein - erlebt haben sie sie nicht. Sie kamen bei einer Explosion um.

Gelsenkirchen-Horst..  Es war ein wunderbarer Sonntag, 26. Juni 1955: Die Sonne schien, und es versprach ein spannendes Spiel um die deutsche Fußball-Meisterschaft zu werden zwischen Rot-Weiß-Essen und Kaiserslautern. „Die Nordstern-Kumpel hatten ihre Schicht vorverlegt, um rechtzeitig zur Radioübertragung wieder über Tage zu sein“, so Dr. Daniel Schmidt, Historiker vom Institut für Stadtgeschichte. Allein: Den Sieg der Essener erlebten sie nicht mehr mit, die 14 Bergleute auf der 11. Sohle. Sie starben um 10.45 Uhr bei einer Schlagwetter-Explosion auf Flöz G, in 840 Metern Tiefe.

Die Männer zwischen 20 und 50 Jahren hatten keine Chance: Der Streb brach auf einer Länge von etwa 50 Metern ein. „16 Kinder wurden auf einen Schlag vaterlos“, so Schmidt über die menschliche Tragödie dieses schwersten Unglücks auf der Zeche. Es war das zehnte in der Geschichte des Bergwerks, das damals rund 4400 Mitarbeiter beschäftigte und jährlich 1,2 Millionen Tonne Kohle förderte.

Gemeinschaftsgrab

„Bis zum Abend wurden zwölf Kumpel geborgen, die letzten zwei erst drei Tage später“, so Schmidt. Als am 30. Juni die Trauerfeier nahe Schacht 3/4 stattfand, war fast ganz Horst auf den Beinen: Ein Meer von Kränzen säumte die Fläche vor der Anlage, wo Stühle für Angehörige und Honoratioren aufgestellt worden waren. Nicht nur Oberbürgermeister Robert Geritzmann und die Werksdirektion nahmen daran teil, auch NRW-Wirtschaftsminister Friedrich Middelhauve war vor Ort, um seine Anteilnahme auszusprechen. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte ein Beileidstelegramm geschickt. Angeführt von der Werkskapelle Nordstern zogen die Trauernden zum Friedhof, um die Kumpel im Gemeinschaftsgrab zu bestatten.

„Menschliche Unzulänglichkeiten“

Ein Landtags-Untersuchungsausschuss attestierte den Verantwortlichen eine „Kette menschlicher Unzulänglichkeiten und Verstöße gegen bergpolizeiliche Bestimmungen“. Ein Ventilator war zur Reinigung abgestellt worden, so dass Grubengas und Kohlenstaub nicht mehr abgezogen wurden, sondern mit Luft ein hochentzündliches Gemisch bildeten. Diese Information dem für Schacht-Belüftung zuständigen Wetterfahrsteiger mitzuteilen, hatte der Grubenbetriebsführer jedoch vergessen. Allerdings waren Sonntagsfrühschichten auch unüblich; sonntags wurde nicht gefördert.

Vier Männer vor Gericht

Am Ende mussten sich 1956 vier Männer vor Gericht verantworten. „Vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung wurden sie aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Wegen des Verstoßes gegen bergpolizeiliche Bestimmungen mussten zwei Betriebsführer aber jeweils 3000 Mark und ein Steiger 500 Mark zahlen. Ein Steiger wurde freigesprochen“, so Schmidt.